Ermotti warnt vor «gefährlicher Entwicklung»

Der UBS-Chef schaut mit Sorge auf die Politik der Notenbanken. Und weist auf das Risiko von Spekulationsblasen hin.

«Eine sehr gefährliche Entwicklung»: UBS-Chef Sergio Ermotti äussert sich zur aktuellen Geldpolitik der Zentralbanken. (Video: Bloomberg)

Mit Blick auf die bevorstehenden Zinsentscheide der Europäischen Zentralbank (EZB) und der US-Notenbank Fed bezeichnete UBS-Chef Sergio Ermotti in einem Interview mit «Bloomberg»das aktuelle Umfeld als gefährlich. «Ich wäre sehr, sehr vorsichtig damit, die Bilanzen der Notenbanken weiter aufzublähen. Wir riskieren, eine Spekulationsblase zu erzeugen.» Die Politik der Notenbanken könne nur in einem Übergang helfen, sie sei keine Lösung der Probleme. Ausserdem entsprächen die Preise für Vermögenswerte nicht der Investorenstimmung. «Die Preise für Vermögenswerte sind gestiegen, aber sie korrelieren nicht wirklich mit der Anlegerstimmung. Dies ist aus meiner Sicht natürlich eine sehr gefährliche Entwicklung.»

Am Donnerstag hält die Europäische Zentralbank ihre Zinssitzung ab. Der scheidende EZB-Chef Mario Draghi dürfte nach Ansicht vieler Experten an der aktuellen Sitzung zwar noch keine Senkung des Zinses verkünden. Er könnte den Markt aber sehr wohl auf eine mögliche Senkung im Herbst vorbereiten. Auch eine Wiederauflage des Anleihekaufprogramms könnte auf der Agenda stehen.

Franken vor weiterer Aufwertung

Für den Franken bedeutet die mögliche Ankündigung einer Zinssenkung im Euroraum einen weiteren Aufwertungsdruck. Bereits seit Ende April legt der Wert des Franken gegen den Euro immer weiter zu. Mussten im April noch über 1,14 Franken für einen Euro bezahlt werden, sind es aktuell lediglich noch rund 1,10 Franken. Damit ist die Gemeinschaftswährung so günstig zu haben wie seit Mitte 2017 nicht mehr.

In der Vergangenheit trat die SNB der Frankenstärke mit Interventionen am Devisenmarkt entgegen, kaufte also kräftig Euro zu dessen Unterstützung. Zuletzt haben sich allerdings die Sichtguthaben, die als Messlatte für die Eingriffe der SNB am Devisenmarkt herangezogen werden können, nicht massiv erhöht.

Es sieht also derzeit so aus, als ob die SNB eine gewisse Aufwertung des Franken zulässt. Oder zumindest ihr Pulver nicht vor der Bekanntgabe des EZB-Kurses verschiessen möchte. Denn die Optionen der Nationalbank sind begrenzt.

Zinssenkung aufsparen?

Nun mag man sich fragen, ob die SNB nicht einfach bei einer Zinssenkung der EZB nachziehen könnte? Ganz so einfach können es sich die Nationalbanker eben nicht machen. Denn nochmals negativere Zinsen sind einerseits ein sehr starkes und langfristiges Instrument, dass sich die SNB wohl besser für den Fall der Fälle aufsparen sollte.

Andererseits schaden sie den Pensionskassen und Versicherern und schmälern den Gewinn der Banken weiter. Zudem setzt die Nationalbank bereits heute die tiefsten Leitzinsen weltweit, gibt die UBS zu bedenken. Der Spielraum nach unten ist somit ohnehin begrenzt. Auch die ING sieht eine weitere Zinssenkung nur als letzten Pfeil im Köcher an.

Den Franken einfach ziehen zu lassen, könnte allerdings teuer für die Exportwirtschaft werden. Für die UBS spricht zwar die aktuell gute Lage der Schweizer Wirtschaft dafür, eine gewisse Aufwertung einfach zu akzeptieren. Auch die Inflation habe sich zwischen 0,6 und 0,7 Prozent eingependelt und dürfte somit nicht sofort stark negativ werden.

Bliebe eine Reaktion auf eine allfällige EZB-Zinssenkung allerdings völlig aus, könne dies von den Märkten als Strategieänderung der SNB interpretiert werden und zu einer weitaus stärkeren Frankenaufwertung führen, so die Experten der Grossbank. Die Schweizer Wirtschaft könne zwar einen Euro/Frankenkurs von bis zu 1,05 gut verkraften. Sollte sich die Marktdynamik aber als selbstverstärkend erweisen, könnte der Wechselkurs zumindest zeitweise auch deutlich unter die Parität fallen.

Eingriffe am Devisenmarkt wahrscheinlicher

«Abwarten und Tee trinken» dürfte also keine Option für die SNB sein. Für die UBS sind kurzfristige, gut dosierbare Eingriffe am Devisenmarkt die wohl beste Lösung. «Im Gegensatz zu einer weiteren Zinssenkung wäre auch der Kollateralschaden für das Schweizer Finanzsystem und die Pensionskassen geringer, da die kurzfristigen Zinsen stabil blieben», schreibt die Bank.

In der Theorie kann die SNB durchaus unbegrenzte Mengen an Franken aufbringen, um den Euro zu stützen. In der Praxis gibt es allerdings laut den ING-Experten durchaus Begrenzungen. Sollten die Währungsreserven zu stark im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt ansteigen, leidet die Glaubwürdigkeit der Nationalbank. Und aktuell liegen die Reserven mit knapp 580 Milliarden Franken bereits deutlich über der Marke von 100 Prozent des BIP - eine Summe, die durchaus für ein mulmiges Gefühl sorgt.

Zudem könnte die Schweiz mit Interventionen, die 2 Prozent des BIP übersteigen, auf dem Radar des US-Finanzministeriums als Währungsmanipulator landen. Sollte dies eintreffen, drohen Strafzölle oder möglicherweise sogar Gegenaktionen an der Währungsfront, so die ING. Und das hiesse dann, dass die US-Notenbank angewiesen werden würde, Franken zu kaufen.

Unter dem Strich liegt die künftige Geldpolitik der SNB also wieder einmal nicht wirklich in den Händen der heimischen Währungshüter, sondern hängt vom Umfang der Lockerungsmassnahmen der EZB und nicht zu vergessen weiterer Zinssenkungen der US-Notenbank Fed ab.

sda

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