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Eine englische Lehrerin lehrt das Masshalten

Die Finanzkrise zwingt viele zu Sparübungen. Kath Kelly aus Bristol hat diese Aufgabe bereits aus freien Stücken gelöst.

Ein bisschen sparen wollte sie schon lange mal. Als Teilzeitlehrerin an einer Sprachschule in Bristol verdient Kath Kelly nicht gerade viel. Als sie ihrem Bruder und seiner Frau ein schönes Hochzeitsgeschenk kaufen wollte, wurde ihr klar, wie knapp bei Kasse sie wirklich war. Also beschloss sie, mit einer radikalen Massnahme Abhilfe zu schaffen.

365 Tage lang wollte Kelly nur noch 1 Pfund – 2 Franken – pro Tag ausgeben. Sie wollte sich selbst beweisen, dass es möglich war, von diesem Betrag zu leben. Das Buch, das die 47-Jährige in England nun über ihr «Sparjahr» veröffentlicht hat («Wie ich ein Jahr lang von nur einem Pfund am Tag lebte»), findet seither ein starkes Echo auf der Insel. Kein Wunder, nimmt das Land doch just Abschied von seiner «goldenen Ära», und seine Bewohner müssen die Gürtel enger schnallen.

Überall im Königreich schaut man sich heute nach Sparmöglichkeiten um. Luxusgüter sind abgemeldet. Billigmärkte mit deutschen Namen, die noch vor ein paar Jahren niemand betreten wollte, haben plötzlich Hochsaison. Ferienreisen werden abgesagt. Leih-DVD und Pizza haben den (teuren) Wochenendausgang ersetzt. Und zur Mittagspause tuts jetzt selbst unter Bankern ein mitgebrachtes Sandwich: Es muss nicht mehr der Champagnerlunch im nahen Restaurant sein.

Niemand aber hat die Sache so auf die Spitze getrieben wie Kath Kelly, die ihre Ausgaben auf 1 Pfund am Tag begrenzte. «Alle meine Freunde dachten, ich sei wohl verrückt. Die glaubten, ich würde wie ein Einsiedlerin leben – oder mich an ihnen schadlos halten.» Dabei hatte Kelly von vorneherein beschlossen, dass sie sich nicht von ihren Bekannten durchfüttern lassen würde.

Stattdessen suchte sie im örtlichen Anzeiger nach Veranstaltungen mit Gratisbuffets («alles von der Ausstellungseröffnung bis zur Hundertjahrfeier der Bibliothek»). Entlang der Strasse pflückte sie von Sträuchern Beeren, und in Supermärkten und Delikatessläden erstand sie kurz vor Ladenschluss Restware, die so gut wie nichts mehr kostete. Für im Regal liegengebliebene Brote, die sie einfror, zahlte sie 10 Pence. Aus Hühnergeschnetzeltem machte sie sich täglich Suppe.

Einen Kompromiss war sie allerdings eingegangen. Die Wohnungsmiete war vorab auf ein Jahr bezahlt, einschliesslich der Gas- und Stromrechnungen. Ansonsten aber war sie unerbittlich mit sich selbst. Statt Bahn oder Bus fuhr sie Velo oder ging zu Fuss. Da sie kein Handy hatte, besuchte sie die Leute, mti denen sie sprechen wollte, oder hinterliess ihnen Mitteilungen auf Zetteln. Zu Rendezvous traf sie sich in Parks, mit Suppe in der Thermosflasche, statt in teuren Cafés. Und «wirklich billige Kleider» fand sie auf Gebrauchtwarenmärkten der Kirche. Das Second-Hand-Angebot der Wohlfahrtsläden konnte sie sich, sagt sie, nicht leisten.

Wenn sie an einem Tag kein ganzes Pfund ausgegeben hatte, erlaubte sie sich, den Rest zu übertragen. «Augen nach unten», war im übrigen ihre Parole. 117 Pfund insgesamt fand sie, in kleinen Münzen, im Laufe des Jahres: «Die habe ich gespart, für den Notfall. Aber letztlich habe ich sie nicht gebraucht, sodass sie an eine karitative Einrichtung gingen.» Selbst Ferien in der Bretagne, wo ihr Bruder beschäftigt war, gönnte sie sich einmal. Sie fand freundliche Fahrer, die sie als Extrapassagierin mitnahmen, brauchte kein Benzin, keine Fährgebühr zu bezahlen. Als sie auf einer organischen Farm aushalf, traf sie ihren heutigen Liebsten.

«Vorher hatte ich genauso Spass am Geldausgeben wie alle anderen», meint Kath Kelly zurückblickend. «Jetzt sehe ich keine Notwendigkeit mehr für teure Sachen, auch wenn ich inzwischen wieder etwas mehr als ein Pfund pro Tag ausgebe.» Ihr «Sparjahr» beschloss die Lehrerin mit einem hübschen Batzen auf dem Konto, von dem sie für Bruder und Schwägerin das geplante Hochzeitsgeschenk kaufen konnte. Sogar die Hochzeitsfeier konnte sie noch mitfinanzieren.

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