Banken nehmen Abschied vom Bargeld

Banken verbannen den Kassenschalter zusehends aus ihren Filialen. Die Gründe: Bargeld ist teuer und wird von den Kunden immer seltener verlangt respektive direkt am Automaten bezogen.

Kaffeehaus statt Kassenschalter in der neuen Raiffeisen-Filiale in Bern.

Kaffeehaus statt Kassenschalter in der neuen Raiffeisen-Filiale in Bern. Bild: zvg

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Wer im Kaffeehaus Friedrich am Waisenhausplatz in Bern seinen Milchkaffee und sein Gipfeli bar bezahlen möchte, wird sich wundern. Denn Bargeld nimmt man hier nicht an. Das ist umso erstaunlicher als es sich beim Friedrich um ein Café in der Raiffeisen-Bank handelt. Und Bank und Bargeld gehört für viele nach wie vor untrennbar zusammen. Doch von dieser Assoziation werden wir uns lösen müssen.

Nicht nur aus ihrem Kaffeehaus hat die Raiffeisen-Bank das Bargeld verbannt. Auch in der Filiale selber ist Bares nicht mehr Wahres. Den herkömmlichen Schalter, an dem Kinder ihr Sparschwein entleeren, Reisende ihre Fremdwährungen besorgen und Rentner ihr Haushaltsgeld abheben, gibt es dort nicht mehr. Wo früher die Schalter standen, gibt es heute neben Kaffee und Kuchen Geldautomaten und Bankberatungen an Bistrotischen. Beratungsbank nennt die Raiffeisen ihr neues Konzept.

Sie ist bei weitem nicht das einzige Berner Institut, das Bargeld aus seinen Filialen verbannt. Wenige Schritte entfernt liegt die neue Filiale der Migros-Bank. Auch deren Kunden müssen Ein- und Auszahlungen am Automaten statt am Schalter erledigen. Die Valiant setzt bei ihrer Expansionsstrategie ebenfalls auf schalterlose Filialen. Konkurrentin BEKB experimentiert mit einem ähnlichen Format.

Und sogar die Bernerland Bank, die sich selber am Markt als konservativ positioniert, verweist auf ihrer Website darauf, dass der Bargeldschalter als zentraler Punkt der Filiale verschwinde. Ihr Chef, Peter Ritter, schreibt dazu im Blog der Bank: «Ich gehe davon aus, dass die Schalter-Filiale zunehmend ausgedient hat.»

Rapider Rückgang

Ritter begründet seine Prognose mit Zahlen: Die Privatkunden der Bernerland Bank würden schon heute 85 Prozent ihrer Zahlungen bargeldlos erledigen. Und die verbleibenden 15 Prozent Bargeld würden zur Hälfte am Automaten bezogen. Bei anderen Banken sieht es ähnlich aus: Die Zahl der Schaltertransaktionen gehe jährlich um rund 5 Prozent zurück, teilt eine Sprecherin der Berner Kantonalbank mit. Bei der Valiant betrug der Rückgang in den letzten zwei Jahren sogar 25 Prozent. Gemessen an sämtlichen Kontotransaktionen liege der Anteil der Ein- und Auszahlungen am Schalter heute im tiefen einstelligen Prozentbereich, sagt Valiant-Sprecher Marc Andrey.

Dass regelmässige Überweisungen wie Miete und Krankenkassenprämie digital und nicht bar getätigt werden, ist längst Tatsache, die Lohntüte seit langem nur noch als Metapher im Gebrauch. Wer online einkauft, kann Bargeld so oder so ganz vergessen. Im stationären Handel also im Laden, im Restaurant oder am Kiosk verschwindet Bargeld langsam.

Eine Umfrage der Nationalbank und eine der Universität St. Gallen und der Zürcher Hochschule ZHAW kamen dieses Jahr zu ähnlichen Ergebnissen: Zwar werden in der Schweiz nach wie vor die meisten Transaktionen bar durchgeführt. Wertmässig aber haben die Karten das Bargeld überholt. Knapp die Hälfte der Teilnehmer gaben bei der SNB-Umfrage zudem an, sie würden in den nächsten Jahren seltener bar bezahlen. Wenn man bedenkt, dass Anfang der Neunzigerjahre noch 90 Prozent der Einkäufe im stationären Handel bar bezahlt wurden und Karten kaum eine Rolle spielten, ist die Umwälzung enorm.

Kosten statt Verschwörung

Verschwörungstheoretiker sprechen gerne davon, dass der Wandel nicht ganz freiwillig stattfindet. Stattdessen hätten die Banken mit ihrem Vorgehen die Kunden dazu gezwungen, von Bargeld auf digitales Geld umzusteigen. Als Drahtzieher müssen je nach Quelle die Regierungen, die internationale Linke oder die Banken selber aus reiner Raffgier herhalten. Die als «War on Cash» bekannte Theorie ist zwar im Internet weit verbreitet, schafft es aber offenbar höchstens selten in die bernischen Bankfilialen. BEKB, Valiant und Raiffeisen Bern geben unisono an, ihnen sei kein Fall bekannt, wo das Personal mit solchen Vorwürfen konfrontiert worden sei.

Dass es bei der bargeldlosen Filiale auch um finanzielle Aspekte geht, bestreiten die Banken nicht. Die BEKB, die derzeit zwei bargeldlose Filialen unterhält, teilt dazu mit, Bau und Unterhalt eines Kassenschalters mit Bargeld koste im Vergleich zu einem Schalter ohne Bargeld rund dreimal soviel. Die Valiant nennt ähnliche Zahlen. Teuer sind etwa das Sicherheitssystem, das Personal und die Bargeldlogistik.

«Wenn pro Tag beispielsweise nur noch drei Leute an einem Schalter Geld beziehen, lohnt es sich nicht mehr, diese Infrastruktur aufrecht zu halten», sagt UBS-Sprecher Igor Moser. Dabei ist die UBS sogar ein Sonderfall unter den Banken: Zwischen 2011 und 2014 hat die Grossbank im Rahmen einer Vereinheitlichung der Geschäftsstellen in einer handvoll schalterlosen Filialen wieder Kassenschalter eingebaut. Seitdem habe sich der Prozess hin zum digitalen Geld allerdings noch einmal deutlich beschleunigt, erklärt Moser. Weshalb einzelne der neuen Schalter bereits wieder geschlossen worden seien.

Die neuen Konzepte kämen bei den Kunden mehrheitlich gut an, sagen die Banken. Doch sie räumen auch ein, dass das Ende des klassischen Bankschalters manche Kunden befremde. Wie bei allen Neuerungen, könne man es nicht allen recht machen, sagt Daniel Schmid, Leiter der Raiffeisenbank Bern, obwohl seine Bank vorgängig Kundenbefragungen durchgeführt habe. Vereinzelt seien schon Kunden zu einer anderen Raiffeisen-Filiale gefahren, um dort am Schalter Geld abzuheben. Mühe mit dem neuen Konzept hätten weniger die Rentner als viel mehr Junge, die sich um ihre Kartenlimite sorgten.

Die Kellnerin am Bancomat

Dass sie nun alle Bargeldgeschäfte am Automaten durchführen sollen, nähmen manche Kunden als grosse Hürde wahr, heisst es bei der BEKB. Die Bank nehme diese Sorgen ernst und begleite verunsicherte Kunden bei der Nutzung von Automaten. Auch in der Raiffeisen-Filiale in Bern werden die Baristas bei Bedarf zu Beraterinnen am Bancomat.

Raiffeisen-Bankleiter Schmid sagt, er habe selber schon mitbekommen, dass ein Ehepaar das Kaffeehaus verlassen habe, nachdem es erfahren habe, dass dort Barzahlung ausgeschlossen sei. Dieses Verhalten überrascht nicht wirklich, denn die Umfragen zum Zahlungsverhalten der Schweizer zeigen: Bei der Wahl des Zahlungsmittels sind wir Gewohnheitstiere. Und: Überwiegend mit Bargeld werden vor allem kleinere Beträge am Kiosk, in Bäckereien und an Automaten bezahlt – und in der Gastronomie. Kaffee und Gipfeli eben. (Der Bund)

Erstellt: 18.09.2018, 06:58 Uhr

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