Absturz mit Ansage

Die diversen neuen Apps fürs Bezahlen erwecken den Anschein, die Welt warte ungeduldig auf die Einführung neuer Zahlungsmittel. Dieser Eindruck ist falsch.

Projekt gescheitert: Swisscom zieht Tapit zurück.

Projekt gescheitert: Swisscom zieht Tapit zurück.

(Bild: Keystone)

Matthias Pfander@MatthiasPfander

Dass Swisscom just in derselben Woche ihr digitales Portemonnaie Tapit beerdigte, in der Post­finance eine eigene, neue Version unter dem fast gleichen Namen Twint offiziell vorstellte, mag ein Zufall sein. Gleichzeitig ist es jedoch der Beweis, wie fieberhaft – um nicht zu sagen krampfhaft – die etablierten Finanzdienstleister nach neuen Anwendungen suchen, um ihre Position im Markt für Zahlungssysteme in die Zukunft zu retten.

Nicht erst seit dem Aus von Tapit ist klar, wie gross das Risiko ist, mit einem solchen Vorhaben zu scheitern. Anfang der Nullerjahre – und entsprechend vor dem Smartphone-Boom – gab es bereits einmal einen Hype der digitalen Portemonnaies und Geldstücke: Cybercash, Digicash, Cybercoin hiessen ein paar Projekte, die bereits längst vergessen sind. Einen teuren Fehlschlag produzierten die Schweizer Finanzdienstleister zudem 1997. Die Cash-Funktion auf dem Chip der heute als Maestro bekannten Debitkarten hätte das Bezahlen von kleinen Beträgen vereinfachen sollen. Das Projekt verschlang Millionen und scheiterte kolossal. Erst 2010 gestand sich die Branche die Niederlage ein und räumte die Funktion wieder von den Karten weg. Als eine der Hürden hatte sich erwiesen, dass das Guthaben auf dem Chip zuerst an den Bancomaten aufgeladen werden musste.

Aufladen muss man zuerst auch die Twint-App von Postfinance auf dem Smartphone. Via Konto von Postfinance, per Lastschriftverfahren bei der Bank oder am Postomaten per Papierquittung und achtstelligem Code. Die Hürden, damit ein solches System sich durchsetzt, sind heute ungleich viel höher als damals bei Cash. Die Schweizer Bezahlinfrastruktur mag zwar teuer sein, aber sie ist noch engmaschiger ausgebaut. Und die Nutzer beginnen sich gerade für das kontaktlose Zahlen mit den Karten zu begeistern. Auch Postfinance rüstet ihre gelben Karten damit aus. Diesen Komfort müsste eine neue Smartphone-Anwendung zuerst schlagen.

Hektik ist nachvollziehbar

Haben die Schweizer Anbieter einen Plan, wie sie dorthin gelangen? Ja, aber überzeugend ist er nicht. Sie hoffen, dass es im weltumspannenden Zahlungssystem, das von Mastercard und Visa dominiert und von Apple, Facebook und Google umgestaltet wird, noch lokale Ecken gibt, an denen man sich mit einer klug entwickelten App hinstellen und Geld verdienen kann. Die Hektik unter den Schweizer Anbietern ist nachvollziehbar, denn mit den Smartphone-Apps werden beim Bezahlen und Überweisen gerade buchstäblich die Karten neu gemischt. Deshalb lautet das Credo, möglichst schnell zu starten, bevor Apple, Facebook und Google weiter vorrücken. Die Frage, mit welchen Produkten sich die Schweizer Anbieter dieser Dynamik entgegenstellen wollen, scheint dagegen zweitrangig zu sein.

Die grosse Klippe besteht darin, dass die Schweizer Anbieter auf einem Markt starten, der entweder zuerst noch entwickelt werden muss oder bereits hart umkämpft ist. Paymit, getragen von Six und diversen Banken, sowie die App der Migros-Bank wollen sich für Überweisungen zwischen Privaten beliebt machen. Doch eine Anwendung in Läden und Onlineshops ist erst in Aussicht gestellt. Postfinance dagegen muss mit Twint nun zuerst das Angebot schaffen. Also ein Netz von Händlern und Shops knüpfen, stationär und online, die ein neues Bezahlsystem an der Kasse einrichten wollen.

Eine harte Aufgabe. Dass das nächste Schweizer Projekte aus dem Rennen geht, scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Ist das die viel beschworene Kultur des Scheiterns? Dieser Silicon-Valley-Groove, der bei Start-ups immer offensiver gepflegt wird? Lustig ist ein mögliches Versagen nicht. Es vernichtet Geld und schürt beim Konsumenten die Skepsis gegenüber solchen neuen Anwendungen. Mehr, als diese es verdient hätten.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt