Wie Cynthia Odier die Nationalbank zu einem dadaistischen Akt verleitete

Die Kunst-Mäzenin bringt mit dem Segen der Nationalbank gelöcherte Noten in Umlauf.

Eine der annullierten 50er-Noten.

Eine der annullierten 50er-Noten. Bild: zvg

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Das Leben und Sterben von Banknoten ist in der Schweiz praktisch lückenlos dokumentiert. Die Herstellkosten belaufen sich im Durchschnitt auf 30 Rappen pro Note, die Lebensdauer liegt bei gerade einmal drei Jahren. Pro Note in Zirkulation fallen jährlich 20 Rappen an Verarbeitungskosten an, wie die Schweizerische Nationalbank auf ihrer Homepage detailliert darlegt. Im letzten Jahr waren durchschnittlich 407 Millionen Schweizer Banknoten im Gesamtwert von weit über 60 Milliarden Franken im Umlauf, 421 Millionen Stück wurden neu ausgegeben, 409 Millionen zurückgenommen. Echte Noten in gutem Zustand werden wieder in Umlauf gebracht, beschädigte oder verschmutzte Noten vernichtet, gefälschte der Polizei übergeben. Die Sortierautomaten der Nationalbank verfügen über einen integrierten Shredder, welcher nicht mehr brauchbare Banknoten automatisch zu Schnipseln verarbeitet. In gepresster Form werden sie danach der öffentlichen Kehrichtverbrennungsanlage zugeführt.

So weit die amtlichen Fakten, an denen normalerweise nicht zu rütteln ist. Nun sind aber seit einigen Tagen fünf 50-Franken-Noten im Umlauf, die so gar nicht in zum streng reglementierten Erscheinungsbild der hiesigen Banknoten passen. Sie sind mehrfach durchlöchert und durch einen roten amtlichen Stempel für «ungültig» erklärt, haben ihren Nominalwert also offensichtlich eingebüsst. Wertlos sind sie deswegen nicht, ist doch eines der Exemplare schon wenige Tage nach der Ausgabe in einer Ausstellung des Landesmuseums in Zürich zu sehen. Die Ausstellung ist der Kunstbewegung Dada gewidmet, deren 100. Geburtstag derzeit in Zürich intensiv gefeiert wird. Sollte die Nationalbank, dieser Hort der Regeln und Normen, unter die Dadaisten gegangen sein? Und der Dadaistin Sophie Taeuber-Arp, die noch bis im April die 50er-Note ziert, damit eine letzte Ehre erwiesen haben?

Ein Anruf bei Cynthia Odier bringt Klarheit. Die Frau von Patrick Odier, dem Präsidenten der Bankiervereinigung und Bankier, bringt mit ihrem Kunstprojekt Flux Laboratory seit 13 Jahren Bewegung in die Kunstlandschaft und scheut auch die Konfrontation mit der Wirtschaft nicht. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos habe sie SNB-Präsident Thomas Jordan ihre Idee geschildert, die Nationalbank könnte durch die Entwertung von 50er-Noten einen Beitrag zur 100-Jahre-Dada-Feier leisten, erzählt Odier; er sehe den Sinn dahinter nicht und habe anderes zu tun, habe Jordan geantwortet. Doch Odier blieb hartnäckig und überzeugte SNB-Generalsekretär Peter Schöpf von ihrer Idee, im Rahmen der Kunstaktion «Au revoir Sophie» 50 demonetarisierte 50er-Noten in Umlauf zu bringen. In einer zweitägigen, juristisch streng überwachten Aktion ihrer Kunstkommission habe die Nationalbank schliesslich 50 neu ausgegebene Noten annulliert und ihr mit einem Echtheitszertifikat übergeben, berichtet Cynthia Odier. Sie will bis im Juli die verbliebenen 45 Noten nach nicht genauer definierten Kriterien verteilen.

Odier sieht im ungewöhnlichen Vorgang einen dreifachen Sinn: Erstens würden die vom amtlichen Geldwert entkoppelten Banknoten als Kunstwerke einen Symbolwert erhalten, der bald schon höher liegen dürfte als der Nominalwert. Zweitens könnten mit den Noten einzelne Besucher der Dada-Ausstellung dafür belohnt werden, dass sie sich «kulturell ernährt» hätten. Und drittens symbolisiere die Nationalbank mit ihrem «dadaistischen Akt», dass die Schweiz nicht borniert oder kurzsichtig sei, sondern über einen offenen Geist verfüge und international zur Avantgarde gehöre. (Der Bund)

Erstellt: 16.02.2016, 09:44 Uhr

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