Plötzlich läuft es rund für Thomas Jordan

Der Franken schwächelt und sinkt mit 1.14 gegenüber dem Euro auf den tiefsten Stand seit der Aufhebung des Mindestkurses. Kann die Nationalbank nun bald die Negativzinsen aufheben?

Der Franken wird schwächer, ohne dass die Nationalbank etwas tun muss: Nationalbank-Chef Thomas Jordan. Foto: Getty Images

Der Franken wird schwächer, ohne dass die Nationalbank etwas tun muss: Nationalbank-Chef Thomas Jordan. Foto: Getty Images

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Bis gestern Abend stieg der Eurokurs auf 1.1385 Franken. Das ist der höchste Wert seit der Aufhebung des Mindestkurses vor zweieinhalb Jahren. Seit Anfang Jahr hat sich damit der Schweizer Franken um über 6 Prozent abgewertet. Der Druck auf Exportindustrie und Tourismus nimmt ab.

Die plötzliche Frankenschwäche hat markttechnische und fundamentale Gründe. Fundamental ist, dass die politischen Unsicherheiten in Europa deutlich abgenommen haben. «Die Wirtschaft der Eurozone wächst jetzt schon seit drei Jahren stärker als die Schweizer Wirtschaft», stellt Daniel Hartmann, Senior Analyst beim Vermögensverwalter Bantleon fest. Ausserdem muss die Europäische Zentralbank bis im Dezember über die Zukunft ihres Anleihenkaufprogramms entscheiden. «Es spricht alles dafür, dass sie die Käufe reduzieren wird. Unklar ist nur, wie stark. Das alles schwächt den Franken und verschafft der Schweizerischen Nationalbank Luft», sagt Hartmann.

Infografik: 1 Euro bei fast 1,14 Franken Grafik vergrössern

Eine wichtige Rolle spielten diese Woche aber markttechnische Faktoren. «In den letzten Tagen scheint es Investoren mit grossen Frankenpositionen zunehmend unwohl geworden zu sein», sagt Thomas Flury, Chef Währungsstrategie der UBS. «Die Franken brennen unter den Nägeln, und jetzt, wo der Franken sich abschwächt, steigen immer mehr Investoren aus dem Franken aus.» Die Überwindung der Schwelle von 1.12 Franken löste offenbar automatische Verkäufe von Frankenpositionen aus, um die Verluste zu begrenzen. Dies wiederum beschleunigte die Frankenabwertung und löste weitere Verkäufe aus.

Nationalbank verhielt sich ruhig

Vermutungen, dass Interventionen der Nationalbank die Frankenschwäche ausgelöst oder verstärkt hätten, lassen sich nicht bestätigen. Zu ihren Interventionen gibt die SNB nichts bekannt. Einen Hinweis gibt jedoch das Wachstum der Sichtguthaben, welche die Geschäftsbanken bei der Nationalbank halten. Denn sobald sie Fremdwährungen kauft, schreibt sie den Gegenwert in Franken auf dem Girokonto der jeweiligen Bank gut. Bis zu den französischen Wahlen Ende April, Anfang Mai hatte die Nationalbank immer wieder in grossem Stil Devisen, vor allem Euro und Dollar gekauft, um die Flucht in den Franken zu bekämpfen. In dieser Zeit stiegen die Sichtguthaben im Durchschnitt jede Woche um 2,4 Milliarden Franken.

Das änderte sich nach der Wahl von Emmanuel Macron zum Präsidenten Frankreichs. Das Vertrauen der Märkte in den Euro kehrte zurück. In den letzten Wochen musste die Nationalbank praktisch nicht mehr intervenieren. Die Sichtguthaben der Geschäftsbanken nahmen in den ersten drei Juli-Wochen nur noch um durchschnittlich 160 Millionen pro Woche zu.

Es ist deshalb unwahrscheinlich, dass die Nationalbank direkt etwas mit der plötzlichen Frankenschwäche zu tun hat. «Es läuft momentan ganz im Sinne der Nationalbank», sagt Thomas Flury: «Der Franken wird schwächer, ohne dass sie etwas dafür tun muss. Sie wird deshalb ruhig abwarten.»

Vor allem der konjunkturelle Aufschwung in der Eurozone hilft. Noch nie seit der Wiedervereinigung waren die Unternehmen in Deutschland zufriedener mit ihrer aktuellen Geschäftslage, wie der am Dienstag veröffentlichte IFO-Geschäftsklimaindex zeigt. Und wenn die deutsche Wirtschaft unter Volldampf steht, profitiert auch die Schweizer Exportindustrie. Schon im ersten Halbjahr stiegen die Exporte auf einen neuen Rekordstand. Gestern präsentierte die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich ihren Konjunkturbarometer und stellte dabei fest: «Der Ausblick für die Schweizer Wirtschaft bleibt günstig.»

Die erfreuliche Entwicklung wird dem Streit um die Negativzinsen neue Nahrung verleihen. Vor allem Banken, Pensionskassen und Versicherungen beklagen deren verzerrende Wirkungen. Ex-Bundesrat Christoph Blocher plädiert schon länger für die Aufhebung der Negativzinsen. Auch viele Ökonomen kritisieren sie.

So schnell werden sie jedoch nicht verschwinden. Sie helfen der Nationalbank dabei, die Zinsdifferenz zum Euroraum aufrechtzuerhalten, und nehmen so Druck vom Franken. Und der gilt trotz Abschwächung noch immer als überbewertet. «Wir gehen davon aus, dass der Franken noch überbewertet ist, und sehen deshalb noch Spielraum bis etwa 1.20 Franken pro Euro», sagt Daniel Hartmann.

Den Moment für eine Reduktion oder gar Aufhebung der Negativzinsen hält er deshalb noch nicht für gekommen: «Die Nationalbank wird die für sie günstige Entwicklung kaum mit einer Zinserhöhung aufs Spiel setzen wollen.» Thomas Flury sieht das ähnlich: «Erst wenn sich der Wechselkurs über mehrere Monate bei etwa 1.15 stabilisiert hat, kann die Nationalbank daran denken, die Negativzinsphase zu beenden. Jetzt wäre das noch viel zu riskant.»

Solange der Euro noch Negativzinsen habe, werde auch die Nationalbank daran festhalten, glaubt auch der ehemalige UBS- und Credit-Suisse-Chef Oswald Grübel, ein erklärter Gegner der Negativzinsen. Die Nationalbank erhält den benötigten Spielraum erst, wenn klar ist, wie und wann die Europäische Zentralbank ihre Anleihenkäufe beenden wird. «Das wird wahrscheinlich erst Ende 2018 der Fall sein», schätzt Hartmann.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.07.2017, 22:42 Uhr

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