Londons Schulden aus dem Ersten Weltkrieg

Grossbritannien will reinen Tisch machen – und hundertjährige Schulden zurückzahlen. Die Geschichte hält eine Lektion für die Zukunft bereit.

Während der Weltkriege wurden grosse Kredite aufgenommen: Grossbritanniens Staatsschulden.

Simon Schmid@schmid_simon

«England erwartet, dass jedermann an diesem Tag seiner Pflicht nachkommt.» Mit diesem und ähnlichen Sprüchen bewarb die britische Regierung vor hundert Jahren ihre Anleihen, die sie zur Finanzierung des Ersten Weltkriegs unter die Leute brachte. Die Sammelaktion entpuppte sich als Erfolg. Noch heute finden sich über 120'000 Besitzer der Papiere, mit denen der Staat damals 1,9 Milliarden Pfund einnahm. Fast ein Drittel der Forderungen stammt von Kleinanlegern, die damals Beträge unter 100 Pfund investierten.

Ein Jahrhundert später will das Schatzamt reinen Tisch machen. Ab März sollen die Kriegsschulden endlich zurückgezahlt werden. Dass England diese und weitere Rechnungen (es wurden vor, während und nach dem Krieg mehrere Deals geschlossen) bis heute nicht beglichen hat, mag erstaunen. Das Verhalten wird angesichts der Konditionen aber nachvollziehbar. Die Gelder wurden als ewige Anleihen aufgenommen: Käufer dieser Obligationen erhielten zwar einen jährlichen Zins – erst 5 Prozent, später 3,5 Prozent –, hatten aber keinen Anspruch auf die Rückerstattung des Darlehens zu einem fixen Datum.

Zinszahlungen über hundert Jahre

Ähnlich verhält es sich mit Schulden, die der britische Staat bereits in früheren Jahrhunderten aufgenommen hatte, etwa zur Finanzierung der Kriege zu Zeiten Napoleons und während der Südseeblase um 1720. Auch diese Forderungen sollen nun getilgt werden. Der Zeitpunkt ist wohl nicht ganz zufällig. Die Aufräumaktion dient nicht nur der Profilierung von Grossbritanniens Schatzkanzler George Osborne, der am heutigen Donnerstag auch ein weiteres Sparpaket vorgestellt hat. Er bezeichnet die Rückzahlung als «Moment, auf den Grossbritannien stolz sein kann» und will die Aktion symbolisch als «Zeichen der fiskalischen Glaubwürdigkeit» verstanden wissen.

Die Rückvergütung bringt dem Staat auch finanzielle Vorteile. Heute kann sich London zu günstigeren Konditionen verschulden. Durch den Ersatz der alten Schulden mit neuen Anleihen lassen sich jährlich 15 Millionen Pfund an Zinszahlungen sparen, schätzt der Vermögensverwalter Threadneedle Asset Management. Im Vergleich zu den Gesamteinnahmen des Fiskus ist dieser Betrag zwar verschwindend klein. Gerade die Geschichte macht aber deutlich, dass kleine Beträge im Finanzgeschäft über die Jahre zu grossen Summen anwachsen können. Total wurden auf die Kriegsanleihen bereits über 5 Milliarden Pfund an Zinsen bezahlt.

Erneuter Schuldenanstieg

Der historische Rückblick auf den britischen Schuldenstand ist aufschlussreich (die einstige Weltmacht liefert hierzu die längsten Datenreihen überhaupt, siehe Grafik oben). Erstaunliche Ausschläge sind zu beobachten. Bereits im Verlauf des 19. Jahrhunderts liess London seine Verpflichtungen einmal auf über 250 Prozent des BIP anschwellen – nur, um die Schuld später wieder auf unter 30 Prozent zu reduzieren. Nach dem Ersten Weltkrieg stiegen die Schulden erneut auf 190 Prozent an, nach dem Zweiten Weltkrieg erreichten sie sogar 270 Prozent. Im Zuge des Nachkriegswachstums sank der Schuldenstand abermals auf unter 50 Prozent.

Kleinere Schwankungen zeigt die Schuldengrafik aus den USA, der Schweiz und Deutschland auf (wobei die Datenreihen des IWF einige Lücken aufweisen, was gerade im Fall von Deutschland zu einem unvollständigen Bild führt). Die grosse Gemeinsamkeit der Kurven liegt in der Phase von etwa 1947 bis 1970: In dieser Zeit vermochten die USA und Grossbritannien, aber auch die Schweiz ihre jeweilige Verschuldung stark zu verringern. Die Jahre 1990 (Deutschland), 2000 (USA) und 2005 (Grossbritannien) markieren den Wendepunkt, seit dem die Staatsschulden in den einzelnen Ländern wieder schneller gewachsen sind als die Wirtschaft.

Offen ist, ob sich auch dieser Anstieg wieder umkehren lässt. Als Symbol für diese Ungewissheit steht wiederum Grossbritannien. Die Finanzgeschichte des Landes, das seine Schulden gegenüber den USA aus dem Zweiten Weltkrieg übrigens im Jahr 2006 tilgte, zeigt: Entscheidend für die Nachhaltigkeit der Schuldenaufnahme sind einerseits die finanziellen Konditionen (Zins, Laufzeit) und andererseits die realwirtschaftlichen Umstände (Wirtschaftswachstum). Der erste Faktor spielt den Staaten angesichts der rekordtiefen Zinsen derzeit in die Hände. Grosse Fragezeichen sind dagegen beim zweiten Faktor angebracht, dem Wirtschaftswachstum.

DerBund.ch/Newsnet

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