Kein Lohn bei Grippe

Nicht alle Arbeitnehmer, die derzeit mit Fieber im Bett liegen, werden lückenlos bezahlt. In etlichen Unternehmen gibt es für die ersten ein bis drei Krankheitstage keinen Lohn.

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Die diesjährige Grippewelle rollt an. Und sie dürfte deutlich heftiger ausfallen als im letzten Jahr. Laut dem Bundesamt für Gesundheit ist die Grippe mit Ausnahme der Ostschweiz bereits in allen Regionen weit verbreitet – Tendenz stark steigend. Tausende von Arbeitnehmern liegen gegenwärtig im Bett.

Für manche kommt neben Fieber und Husten noch Ärger über den Lohnverlust hinzu. Denn sie werden für die ersten ein bis drei Krankheitstage nicht bezahlt. Darüber können die meisten Büroangestellten nur staunen. Sie erhalten auch bei einer Grippe den vollen Lohn. Aber etliche Branchen und Firmen handhaben dies anders.

Zum Beispiel die EMS-Chemie. Für ihre Mitarbeiter gelten im ersten Dienstjahr drei sogenannte Karenztage. Wer die Grippe erwischt oder anderswie erkrankt, erhält erst ab dem vierten Krankheitstag wieder Lohn. Im zweiten Dienstjahr bleiben kranke EMS-Mitarbeiter zwei Tage lang unbezahlt, im dritten Jahr einen Tag, ab dem vierten Jahr fallen die Karenztage ganz weg.

Ausnahmeklausel im Gesetz

Diese Regelung kenne die EMS-Chemie schon seit vielen Jahren, sagt Generalsekretär Conrad Gericke. Sie habe sich gut bewährt. Damit will die Firma verhindern, dass Mitarbeiter ungerechtfertigt einen Tag freinehmen. Auch der Bau hat aus diesem Grund einen Karenztag eingeführt. Hier gilt die Regelung gar für alle Mitarbeiter – also nicht nur während der ersten Dienstjahre.

Auch die Gesamtarbeitsverträge der Metzger und Schreiner sehen vor, dass der erste Krankheitstag nicht bezahlt ist, wie eine Übersicht der Gewerkschaft Unia zeigt. Das Reinigungsgewerbe kennt gar zwei Karenztage.

Doch verlangt das Gesetz bei Krankheit nicht eine uneingeschränkte Lohnfortzahlung über mindestens drei Wochen? Grundsätzlich schon. Eine Ausnahmeklausel erlaubt den Arbeitgebern aber, von diesem Punkt abzuweichen. Bedingung ist, dass die Mitarbeiter in anderen Punkten bessergestellt werden – und das Gesamtpaket für sie «mindestens gleichwertig» ist.

Wann man von «gleichwertig» sprechen kann, steht nicht im Gesetz. Doch das Bundesgericht hat entschieden, dies sei der Fall, wenn der Arbeitgeber eine Taggeldversicherung über zwei Jahre abschliesse und während dieser Zeit mindestens 80 Prozent des Lohns bezahle. Dann dürfe er eine Karenzfrist von ein bis drei Tagen einführen.

Für die Unia ein Erfolg

In solchen Fällen muss der Arbeitgeber nach der Karenzfrist auch nicht den vollen Lohn zahlen. Es reichen die vom Bundesgericht vorgegebenen 80 Prozent. Davon machen viele Firmen Gebrauch – etwa im Reinigungsgewerbe, im Temporärbereich oder bei den Schreinern. Auch kranke Bauarbeiter erhielten bis Ende 2012 nach dem Karenztag lediglich 80 Prozent des Lohns. Seither sind es 90 Prozent, was die Unia als Erfolg verbucht. Mit ihrer Forderung nach Abschaffung des Karenztags konnte sie sich hingegen nicht durchsetzen. Priorität habe die langfristige Absicherung gegen die finanziellen Folgen einer Krankheit, sagt Nico Lutz, der bei der Unia den Sektor Bau leitet.

Die EMS-Chemie zahlt nach Ablauf der Karenzfrist den vollen Lohn. Auch die unbezahlten Krankheitstage führen oft zu keinem Lohnausfall, da sie mit dem Ferien- oder Überstundenguthaben verrechnet werden. «Der Mitarbeiter kann, muss aber nicht Ferien einsetzen», sagt Generalsekretär Gericke.

Dies regeln auch andere Firmen so, obwohl ein solches Vorgehen offenbar illegal ist. «Es ist völlig ausgeschlossen, dass Krankheitstage als Ferien oder Überstundenkompensation verbucht werden. Daran ändert auch die Unterschrift des Arbeitnehmers nichts», sagt Roland Müller, Titularprofessor an den Universitäten Bern und St. Gallen. Andere Arbeitsrechtler sehen es genauso. Bloss: Kommen Arbeitgeber und Mitarbeiter überein, dass sie lieber Ferien abbuchen als den Lohn reduzieren, gilt: Wo kein Kläger, da kein Richter.

Mit Fieber zur Arbeit

Nebst den Karenztagen kennt die EMS-Chemie zwecks «Prävention und Wiedereingliederung» auch einen Krankenbesucher. Er schaut auf Anweisung des Unternehmens bei fehlenden Mitarbeitern vorbei. Gut möglich, dass SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli die EMS-Chemie meinte, als er vor längerer Zeit in einem Meinungsbeitrag zum Thema Absentismus in der «Aargauer Zeitung» schrieb:

«Ich kenne einen Arbeitgeber, der schon am zweiten Krankheitstag mit einem Blumenstrauss vor dem Wohnsitz des betreffenden Mitarbeiters steht, um gute Besserung zu wünschen. Ist der Angestellte wirklich krank, freut er sich über die Aufmerksamkeit. Ist er nicht zu Hause oder spielt er mit dem Modellflugzeug im Garten, wird er künftig weniger fehlen.»

Das Gegenstück zum Absentismus ist der Präsentismus: Angestellte erscheinen zur Arbeit, obwohl sie krank sind. Etwa, weil sie sich vor dem Verlust der Stelle fürchten, oder aus übertriebenem Pflichtbewusstsein. Auch Karenztage können unter Umständen dazu führen, dass Angestellte mit Fieber zur Arbeit gehen, um so keine Lohneinbusse zu erleiden. Stecken sie dadurch andere Mitarbeiter an, zahlt sich ihr Einsatz freilich nicht aus.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2015, 20:41 Uhr

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