28 Wasserwerfer, GSG 9 und 10'000 Polizisten

Pompös ragt der neue Sitz der EZB in den Frankfurter Himmel. Für die Eröffnung macht sich die Stadt zur Festung. Am Nachmittag werden prominente Gäste erwartet.

Berittene Polizisten patrouillieren am Dienstag vor dem neuen Hauptsitz der EZB. Foto: Michael Probst (Keystone)

Berittene Polizisten patrouillieren am Dienstag vor dem neuen Hauptsitz der EZB. Foto: Michael Probst (Keystone)

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Wie ein geschliffener Kristall ragt er 185 Meter in die Höhe. Der neue Milliarden-Tower der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt steht heute im Zentrum des grössten Polizeieinsatzes in der Geschichte der Stadt. Die Angestellten sind schon in den 1,3 Milliarden Euro teuren Neubau eingezogen. Jetzt soll er noch offiziell eingeweiht werden. Doch so pompös das Hauptquartier ist, so bescheiden fällt die Eröffnungsfeier aus: Neben ­EZB-Präsident Mario Draghi sind gerade einmal 25 Gäste aus Wirtschaft und Politik geladen, die allermeisten Journalisten wurden vom Anlass kurzerhand ausgeschlossen.

Dass es nur eine Minifeier gibt, hat einen Grund: Das kapitalismuskritische Blockupy-Bündnis hat zu Protesten aufgerufen. Ein linker Mix aus Parteien, Gewerkschaften und autonomen Gruppen aus ganz Europa will gegen «die Katastrophen der europäischen Verarmungspolitik» demonstrieren. Ziel: die Eröffnungsfeier und den EZB-Betrieb durch Sitzblockaden und Grossdemonstrationen verhindern. Die Behörden erwarten über 10'000 Protestler, darunter auch gewalttätige.

Stacheldraht auf Spielplatz

Um Ausschreitungen zu verhindern, hat die Stadt ein gewaltiges Sicherheitsaufgebot zusammengezogen. Bereits am frühen Dienstagabend glichen grosse Teile Frankfurts einer Festung. Der öffentliche Verkehr fuhr nur noch sporadisch. Polizeibusse standen an vielen Strassenecken, Polizeischiffe kreuzten auf dem Main, Polizeihelikopter kreisten in der Luft.

9800 Beamte sollen laut der Zeitung «Bild» im Einsatz stehen. Am Montag rollten 28 Wasserwerfer in die Stadt. Das sind nahezu alle, die es in Deutschland überhaupt gibt. Das Gebiet um die Zentralbank wurde mit 100 Kilometer Stahlzaun grossflächig abgesperrt, auch die schwer bewaffnete Spezialeinheit GSG 9 bewacht die Sicherheitszone.

Die Massnahmen stossen bei einigen Bewohnern der Stadt auf Unverständnis. «Das provoziert die Demonstranten ja nur», sagt eine türkische Mutter auf einem Spielplatz am Main-Ufer nahe der EZB. Sie kommt mit ihren zwei Kindern mehrmals in der Woche hierher. Doch heute ist das Spielen verboten. Die Polizei zog mitten durch den Platz einen ­rasierklingenscharfen Nato-Draht, dahinter tonnenschwere Betonsperren.

«Die Seele unseres Quartiers geraubt»

Ein Imbissbesitzer einige Strassen weiter findet zwar gut, dass sich jemand gegen «die Banker auflehnt», doch das alles mache ihm Angst. Deshalb hat er heute seinen Laden geschlossen. «Die Zentralbank hat die Seele unseres Quartiers geraubt», sagt er. Das sehen hier auch andere so. Seit einigen Jahren wandelt sich das Arbeiterviertel zu einem hippen Trendquartier. Aus Ostend wird Eastend. Die Mieten explodieren. Eine Entwicklung, die durch den Bau der EZB-Zentrale beschleunigt wurde.

Die Blockupy-Aktivisten wollen sich durch die Drohkulisse der Stadt nicht abschrecken lassen. Vor einer Polizeisperre am Rande der Sicherheitszone steht Mirko, ein hagerer Typ Mitte 40, die schulterlangen Haare zu einem ­Pferdeschwanz gebunden. Er koordiniert eine Sitzblockade an einem geheimen Ort. Den Polizeieinsatz kritisiert er als «absurdes Bürgerkriegsszenario.»

Die Bewegung wolle darauf aufmerksam machen, dass Deutschland eine der treibenden Kräfte hinter der tödlichen Sparpolitik sei. Eine Politik, die die Menschen in den Krisenländern verarmen lasse. Und Deutschland ist laut Mirko das «Herz der Bestie». Von Gewalt will er sich nicht explizit distanzieren und schiebt die Verantwortung ab. «Es hängt alleine vom Verhalten der Polizei ab, ob es zu Krawallen kommt», sagt er.

Kampf um Aufmerksamkeit

Klar ist: Der Protesttag ist eine Bewährungsprobe für die Anti-Krisen-Bewegung. Die Kapitalismusgegner kämpfen um Aufmerksamkeit und Erfolge. Vorbei sind die Zeiten der Platzbesetzungen in Madrid, vorbei die Massenstreiks in Athen. Der 18. März ist ein Versuch, die Bewegung wiederzubeleben und gleichzeitig zu internationalisieren. Das Feindbild der Aktivisten ist überall das gleiche: die Troika, bestehend aus der Europäischen Zentralbank, dem Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Kommission. Das Gremium verhandelt mit EU-Staaten, die in Schieflage geraten sind wie etwa Griechenland.

An der Kundgebung am Nachmittag stehen neben der kommunistischen Politikerin Sahra Wagenknecht und der kanadischen Globalisierungsgegnerin Naomi Klein auch Vertreter der spanischen Protestpartei Podemos und der linksradikalen Syriza aus Griechenland auf dem Programm.

In der EZB-Zentrale selbst wird heute nur mit reduzierter Belegschaft gearbeitet. Ein grosser Teil der knapp 3000 Beschäftigten bleibt laut einem Sprecher zu Hause. Die Sicherheitslage erfordere dies.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.03.2015, 08:47 Uhr

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