Schweizer Velos sind wieder gefragt

Warum die Käufer hierzulande bereit sind, einen Aufpreis zu bezahlen.

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Eigentlich dürfte es den Velohersteller Aarios im solothurnischen Gretzenbach längst nicht mehr geben. Arnold Ramel war Verkaufsleiter der Schuhfabrik Bally, bevor er die Firma in den Siebzigerjahren übernahm. Die Branche war sich einig, der Aussenseiter werde es nicht lange machen. Denn Ramel bestand darauf, auch die Stahlrahmen für seine Velos selbst in Handarbeit zusammenzulöten. Das passte gar nicht in eine Zeit, in der Traditionsmarken wie Cilo, Condor, Tigra, Mondia und zuletzt Villiger eingingen – und die Konkurrenz billig aus Asien zu importieren begann.

Ramel hatte allen Unkenrufen zum Trotz Erfolg. Aarios ist seit langem die einzige Velofabrik, die unbeirrt all ihre Velorahmen selbst lötet und zusammenbaut – und das nicht mit dem allgegenwärtigen Alu, sondern aus Spezialstahl, wie er im Flugzeugbau verwendet wird. Das Velofabrikli mit Sicht auf den Kühlturm von Gösgen montiert im Jahr rund 1500 hochwertige Velos. Das KMU mit 17 Mitarbeitenden mischt auch im Wachstumsmarkt Elektrovelos mit, den Antrieb im Hinterrad und die Batterie liefert der Obwaldner Hightech-Hersteller Maxon.

Kunden zahlen für Qualität

Dabei sieht die Kostenrechnung auf den ersten Blick nicht gut aus. Einen Rahmen aus Chrom-Molybdän-Stahl in der Schweiz zu löten, koste 200 bis 500 Franken, sagt Aarios-Chef Ramel, Alurahmen aus Fernost seien ab 30 Franken zu haben. «Wir gehen seit 40 Jahren unseren Weg und sehen uns eher im Aufwind», sagt Ramel. «Wir machen nur Velos, die in jeder Hinsicht zu den Leuten passen und eine Lebensdauer von mindestens 25 Jahren haben.» Kunden, die begriffen hätten, dass Durchschnittsvelos nach ein paar Jahren ausleiern, zahlten gern einen Aufpreis für Langlebigkeit und Massarbeit. Die E-Velos kosten bis knapp 10'000 Franken, ein Reiserad mit allen Schikanen um die 6000 Franken, Aarios bietet aber auch Alltagsvelos ab 1200 Franken an.

«Wir verkaufen keine Velos ab Stange», sagt auch Roger Schmid vom Velohersteller Price in Uster. «In diesem Segment hätten wir gegen die Billigkonkurrenz aus Asien keine Chance mit unseren Löhnen im Kanton Zürich.» Im Rückblick war es wohl eine glückliche Fügung, dass sein Bruder Rico 1996 als Grauimporteur von Ersatzteilen ins Velogeschäft einstieg, weil er die Preise in der Schweiz überrissen fand.

5000 Velos im Jahr

So verfügte die Firma über eine stabile Basis, als sie 1999 anfing, in Uster Rennvelos zu montieren. Heute produziert die Gruppe der Brüder, die nun GPR heisst, in acht Montageboxen – mit Blick auf die Zürcher Oberlandautobahn – im Jahr um die 5000 Velos. «Es gibt kein Fliessband, von der Auswahl der Komponenten über die Montage bis zur Verpackung wird ein Velo vom gleichen Monteur betreut», sagt Roger Schmid, der für Informatik, Logistik und Organisation zuständig ist.

«Die Montage in der Schweiz hat den Vorteil, dass man auf noch so individuelle Kundenwünsche eingehen und schneller auf Trends reagieren kann», sagt Thömu Binggeli, der einer der bekanntesten Schweizer Veloindustriellen ist. «Wir machen von der Entwicklung über die Montage bis hin zum Service ­alles selbst.» Die Velorahmen beziehe man aus Asien. Seine Firma Thömus in Niederscherli BE montiert im Jahr rund 5000 Velos. «Es sind vor allem Hightech-Velos mit Rahmen nach Mass und individuellen Komponenten», sagt Binggeli, «der Preis liegt im Schnitt bei 5500 Franken.»

Noch bemerkenswerter ist der Erfolg der E-Velo-Fabrik Mystromer in Oberwangen BE, an der Binggeli massgeblich beteiligt ist. Ihr E-Velo mit der Marke Stromer erfand Binggelis Crew noch zu einer Zeit, als die Firma zur BMC-Gruppe von Andy Rihs gehörte. Inzwischen ist Mystromer selbstständig, Rihs bleibt beteiligt. Das gemeinsame E-Baby ist ein Riesenerfolg. «Wir haben letztes Jahr rund 9000 Stromer-Elektrovelos vertrieben», sagt Binggeli und fügt an: «Weil wir innovativer sind, können wir von der Schweiz aus auf Auslandmärkten trotz hartem Franken bestehen.» Der Exportanteil von Stromer beträgt denn auch gut 60 Prozent. Möglich macht es auch die eigene Abteilung für Forschung und Entwicklung von My­stromer, die inklusive Ingenieure 12 Spezialisten umfasst.

«Wir machen von der Entwicklung über die Montage bis hin zum Service alles selbst.» Thömu Binggeli, Thömus AG

«Das wohl wichtigste Kernelement ist der eigene Antriebsstrang, welchen wir vom Motor über die Batterie bis zur elektronischen Steuerung gemeinsam mit Partnern entwickeln», sagt Binggeli. Seine Firma entwickle den Stromer zum «digitalen Bike, das dank GPS, Bluetooth und SIM-Karte so gut vernetzt ist wie ein Tesla». So könne man die Software des Stromers weltweit von der Schweiz aus updaten, die Elektrovelos über das Netz orten, notfalls sperren oder Diebstähle melden.

Selbst das KMU Kristall Fahrräder in Kleindöttingen AG mit 12 Mitarbeitenden, das die Produktion zuerst von China nach Deutschland verlagerte und seit 2015 schrittweise in die Schweiz ­zurückholte, ist mit E-Velos erfolgreich: Der Anteil der E-Bikes liegt bei 60 Prozent punkto Stückzahlen, zum Umsatz tragen sie gar 75 Prozent bei. Die Firma hat ein spezielles Produktionsmodell. Die Velos baut eine soziale Einrichtung in der Region unter Anleitung eines Meisters zusammen, die Rahmen lackiert eine Spezialfirma nahe Aarau.

Wie gut es Schweizer Velofirmen geht, die sich an veränderte Kundenbedürfnisse und Trends wie Elektrifizierung und Digitalisierung ihrer Produkte anpassen, zeigt auch der Neubau der Tour de Suisse Rad in Kreuzlingen. Einen Steinwurf vom Bodenseeradweg entfernt, baut die Firma einen neuen Hauptsitz mit höherer Produktions­kapazität. «Ab 2019 könnten wir bis zu 12'000 Velos im Jahr bauen», sagt Reto Meyer, Mitglied der Geschäftsleitung.

Ertrag mit Veloteilen

Tour de Suisse Rad wächst seit Jahren kräftig, die ehemalige Schuhfabrik, in der derzeit gut 40 Leute im Jahr 8000 bis 9000 Velos montieren, wurde zu klein, die Raumaufteilung ist überholt. «Im neuen Gebäude ist die Produktion mit Lackierung und Lager auf der gleichen Ebene im 1. Stock», sagt Meyer, im Parterre befänden sich dann die Büros, ein Showroom und ein Café, die möglichst viele der jährlich 280 000 Benutzer des Bodenseeradwegs anlocken sollen.

Die Nähe zu den anspruchsvollen Schweizer Kunden und das Eingehen auf ihre Wünsche ist wohl der Hauptgrund, warum die Schweizer Veloindustrie über Erwarten gut läuft – trotz brutalem Preisdruck von Grossverteilern, Baumärkten und Internetdiscountern, die Velos ab 200 Franken anbieten. Den Schwerpunkt ihrer Strategie legt indes jede Velofirma leicht anders. Die einen sind besonders innovativ wie Stromer oder eigenständig wie Aarios, andere wie die Aarauer Kristall Fahrräder verfolgen eigene Schweizer Auslagerungsmodelle.

Oder sie stützen sich auf mehrere Standbeine: Die Ustermer Price-Inhaberin GPR AG erzielt gut die Hälfte des Umsatzes mit dem Verkauf von Velo­teilen. «Der Ertrag ist in diesem Segment höher als in der Veloproduktion, weil der Aufwand viel niedriger ist», sagt Roger Schmid von GPR. Die St. Galler Komenda-Gruppe hat gar drei Standbeine. Sie gehört mit ihren Marken Cresta, Ibex und Bergstrom zu den Grossen in der Schweiz, montierte 2014 rund 12'000 Räder. Komenda vertreibt zudem Fertigvelos des weltgrössten Herstellers Giant – und beliefert Händler mit Komponenten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2017, 23:21 Uhr

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