Führerlose Fahrzeuge polarisieren

Die Post testet seit gut einem Jahr autonome Postautos. Nun hat sie nachgefragt, was die Bevölkerung von diesen hält.

Ein chauffeurloses Postauto im Testbetrieb in Sion: Die Strassenzulassung liegt noch in weiter Ferne.

Ein chauffeurloses Postauto im Testbetrieb in Sion: Die Strassenzulassung liegt noch in weiter Ferne. Bild: Manuel Lopez/Keystone

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Das erste Mal muss sich der Schreibende etwas überwinden, auf der Autobahn bei 120 km/h das Steuer loszulassen und dem Spurhalteassistenten zu vertrauen – insbesondere in den Kurven. Überwindung braucht es auch, auf ein langsamer fahrendes Auto zuzufahren, ohne selber zu bremsen. Was noch vor ein paar Jahren nach Zukunft getönt hatte, ist heute in vielen Mittelklasseautos Alltag: Fahrassistenten unterstützen den Lenker; teilautonomes Fahren ist schon Tatsache geworden. Oder wie es Erwin Wieland, Vizedirektor im Bundesamt für Strasse (Astra), am Dienstag vor den Medien ausdrückte: «Automatisiertes Fahren ist keine Utopie mehr.»

Zur Medienkonferenz eingeladen hatte die Postauto AG. Sie und ihre Partner testen seit gut einem Jahr in Sitten ein autonomes Fahrzeug. Im Pilotprojekt sollen nicht nur Fahrzeuge getestet werden, sondern auch die Passagiere und anderen Verkehrsteilnehmer. Am Dienstag zog Postauto in Sachen Akzeptanz der autonomen Poschis eine erste Bilanz.

Frauen sind besonders skeptisch

Der Marktforscher GIM hat im Auftrag der Post Sittener und Bewohner dreier weiterer Städte zum Thema befragt. Das Ergebnis: Vor allem Personen, die bereits mit dem Shuttle, so nennt die Post ihr Fahrzeug, gefahren sind, zeigen sich der neuen Technologie gegenüber aufgeschlossen. Ob das damit zu tun hat, dass Technologie-affine Personen eher ins Gefährt einsteigen oder dass sich Passagiere mit einer Fahrt überzeugen lassen, lässt sich aus den Ergebnissen nicht ableiten. Eine aktuelle Umfrage des TÜV Rheinland zum Thema selbstfahrende Autos hat allerdings gezeigt: Wer autonomes Fahren in Form von Assistenzsystemen bereits selber erlebt hat, ist der neuen Technologie gegenüber positiver eingestellt.

Aus der GIM-Umfrage geht hervor, dass die Bedenken gegenüber selbstfahrenden Postautos in Luzern, St. Gallen und Schaffhausen erheblich grösser sind als in Sitten. Besonders Frauen sind skeptisch. Das deckt sich mit anderen Umfragen zum Thema. Einer Erhebung der Versicherung Axa Winterthur etwa, die besagt, dass Frauen und ältere Menschen überdurchschnittlich skeptisch sind gegenüber dieser Innovation. Diese Studie hat auch ergeben, dass das Thema polarisiert. Rund ein Viertel der Befragten sagte, sie würden gerne ein selbstfahrendes Auto nutzen, während sich mehr als ein Drittel auf keinen Fall von ihrem Auto durch die Gegend chauffieren lassen möchte. Die Umfrage der Axa bezieht sich allerdings auf den Individual- und nicht den öffentlichen Verkehr.

Während Postauto nicht weiter nachhakte, weswegen denn die Leute Bedenken haben, gingen die Axa und in Deutschland der TÜV Rheinland dieser Frage nach. In ihren Studien kommt zum Ausdruck, dass viele befürchten, jemand könne via Computer die Kontrolle über das Auto übernehmen. Auch bei Postauto hat man diese Gefahr auf dem Radar. Post-Chefin Susanne Ruoff betonte allerdings, dass die Post praktisch täglich mit Hackerangriffen konfrontiert sei und deshalb eine sehr schlagkräftige IT-Sicherheitsabteilung habe. Die Post sei also gerüstet.

Die Frage der Sicherheit

Eines der grössten Hindernisse für selbstfahrende Autos ist der Sicherheitsaspekt. Wieland vom Astra formulierte am Dienstag die Minimal-Anforderung für eine Strassenzulassung: Autonom fahrende Wagen dürften höchstens so viele Unfälle verursachen wie von Menschen gelenkte. Dabei verbinden viele Leute autonomes Fahren auch mit der Hoffnung, dass die Strasse damit sicherer werde. Nur 6 Prozent gaben in der Axa-Umfrage an, fahrerlose Wagen dürften gleich viele Unfälle verursachten wie durch Menschen gesteuerte Autos. 40 Prozent sind der Meinung, die neue Technologie müsse alle Unfälle verhindern.

Dafür ist es bei Postauto bereits zu spät. Vor rund einem Jahr fuhr das chauffeurlose Fahrzeug in die offene Heckklappe eines abgestellten Lieferwagens. Ausgerechnet am Dienstag vor den Medien zeigte sich, dass es trotz aller Vorsichtsmassnahmen zu weiteren Unfällen kommen könnte: Die Postangestellte, die vor den Medien die Fussgängerin mimen sollte, war nicht rechtzeitig auf ihrem Posten am Strassenrand. Als sie hineilte, erkannte das Fahrzeug sie nicht mehr und nahm ihr den Vortritt. Bei der Post ist man sich bewusst, dass ein schwerer Personenunfall das vorzeitige Aus für das Projekt wäre. Deshalb seien die Begleiter, die auf jeder Fahrt dabei sind, geschult worden, entsprechend vorsichtig zu sein, sagten die Projektverantwortlichen. Im Zweifelsfall könnten sie mit einem Spielkonsolenkontroller das Zepter übernehmen.

Weitere Tests in Bern-Bethlehem

Dereinst soll das Fahrzeug zuerst auf Firmengeländen und später beispielsweise in wenig frequentierten Gebieten auf der sogenannten letzten Meile eingesetzt werden. Davon, auch das wurde am Dienstag deutlich, ist man jedoch noch weit entfernt. Das Auto erkennt etwa keine Handzeichen. Und auf der gestrigen Probefahrt bremste es abrupt wegen ein paar Ästen, die sich im Wind bewegten.

«In Sitten konnten wir nicht alles testen», sagte Postauto-Chef Daniel Landolf. Es brauche nun ein abgeschlossenes Testgelände. Dieses wird in Bern-Bethlehem eingerichtet. Hier kann der Shuttle nicht nur schneller fahren, er muss sich laut Landolf auch ganz grundlegenden Tests stellen, etwa wie er auf Ampeln reagiert und auf Fussgänger. Obwohl diese Fragen also offenbar noch nicht abschliessend geklärt sind, plant die Post bereits Testeinsätze in weiteren Städten. In welchen, wollte Landolf nicht sagen. Mit den Tests will die Post die Bedenken der Bevölkerung zerstreuen. (Der Bund)

Erstellt: 13.09.2017, 06:50 Uhr

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