Zum Hauptinhalt springen

Europas Banken sind auf gutem Weg, ihr Marsch dauert noch lange

Im jüngsten Stresstest zeigen sich die Geldhäuser widerstandsfähiger als auch schon. Doch wirklich beruhigend sind die Ergebnisse nicht.

Zu viele Institute, auch prominente, weisen zu grosse Kapitallücken auf: Das Finanzquartier Canary Wharf in London. (30. Juli 2016)
Zu viele Institute, auch prominente, weisen zu grosse Kapitallücken auf: Das Finanzquartier Canary Wharf in London. (30. Juli 2016)
Niklas Hallen, AFP

«Das ist kein Persilschein. Es steht noch Arbeit an.» Mit diesen Worten mühte sich Andrea Enria, Chef der European Banking Authority (EBA), nach den gestern Abend veröffentlichten Ergebnissen des europäischen Banken-Stresstests kein allzu grosses Schulterklopfen und Frohlocken bei Bankenchefs und nationalen Finanzwächtern aufkommen zu lassen. Vereint man die getesteten 51 Banken in ein Gesamtbild, so zeigt sich der europäische Finanzsektor heute in der Tat widerstandsfähiger gegenüber einem heftigen wirtschaftlichen Einbruch als noch vor ein paar Jahren. Die Bemühungen der Geldhäuser, ihre Kapitalausstattung zu verbessern - seit Ende 2013 haben die 51 Test-Banken ihr hartes Kernkapital laut EBA um ungefähr 180 Milliarden Euro aufgestockt -, tragen offenkundig Früchte.

Wohl ist dieses harte Kernkapital (das nur hochwertige, verlustabsorbierende Eigenmittel umfasst) unter der Belastung des Negativszenarios im Stresstest über drei Jahre hinweg um durchschnittlich 3,4 Prozentpunkte gesunken - ein happiger Einschnitt. Doch befanden sich die Banken Anfang 2015 mit einem Wert von 12,6 Prozent auf einem bereits recht soliden Ausgangsniveau, so dass sie nach Ablauf des Negativszenarios 2018 mit durchschnittlich 9,2 Prozent hartem Kernkapital immer noch über eine einigermassen valable Kapitalkraft verfügen würden. Als problematisch werden bei Analysten Werte von unter 7 Prozent bei einem Stressszenario angesehen.

Gleichwohl tut EBA-Chef Enria gut daran, seine Aufsichtskollegen in den einzelnen Ländern und die Bankmanager zu ermahnen, in ihren Bemühungen um eine Stabilisierung und Stärkung des Finanzsektors keinesfalls nachzulassen. Wie die vergangenen Jahre gezeigt haben, ist in Europa die Versuchung allzu gross, die bestehenden strukturellen Probleme in einem überdimensionierten und zersplitterten Bankensystem einfach vor sich her zu schieben, sobald keine akuten Brandherde mehr für Ängste an den Märkten sorgen. Nirgendwo zeigen sich diese Nachlässigkeit und ihre fatalen Konsequenzen deutlicher als in Italien.

Schwerer Stand für Mustier

Mit der Monte dei Paschi di Siena (MPS) hat der Stresstest denn auch wie erwartet den bei weitem gravierendsten Problemfall in Italien zutage gefördert. Als einziges der getesteten Geldinstitute weist die drittgrösste Bank des Landes nach Ablauf des Negativszenarios einen Negativwert für das harte Kernkapital auf - was den todsicheren Konkurs bedeutet. Schlecht lief es aber auch für die Unicredit, die grösste italienische Bank, die international zu den systemisch wichtigen Finanzinstitutionen gezählt wird: Ihr hartes Kernkapital blieb nach dem Stressszenario mit 7,1 Prozent nur knapp oberhalb der kritischen 7-Prozent-Marke.

Für den neuen Unicredit-Chef Jean-Pierre Mustier dürfte es überaus schwierig werden, einen für Investoren überzeugenden Plan zur Kapitalverstärkung seines Hauses vorzulegen. Im Fall der MPS scheint ein Bankenkonsortium unter Führung von J.P. Morgan Chase - und mit Beteiligung der Credit Suisse - bereit zu sein, eine Kapitalerhöhung um 5 Milliarden Euro zu stemmen. Dies aber unter dem Vorbehalt, dass zuvor die rund 50 Milliarden Euro an faulen Krediten, die in der MPS-Bilanz schlummern, aus der Bank ausgelagert werden. Ob und wie sich hierfür ein Weg - und italienische Investoren - finden lassen, muss sich weisen. Das schwächste Glied im europäischen Bankenverbund bleibt zweifellos Italien.

Weitere Anstrengungen sind nötig

Wie die Stresstest-Ergebnisse indes deutlich machen, sind auch eine Reihe anderer Geldhäuser ausserhalb unseres südlichen Nachbarlandes bei einem Stresszenario ziemlich verletzlich. Dazu gehören so prominente Namen wie Barclays, deren hartes Kernkapital auf kümmerliche 7,3 Prozent abschmilzt, oder die Commerzbank (7,4 Prozent). Verglichen damit, hat die Deutsche Bank, zu der im Vorfeld der Ergebnisveröffentlichung auch Bedenken geäussert wurden, mit 7,8 Prozent beinahe schon solide abgeschnitten. Auf sehr schwachen Fundamenten stehen ferner die beiden irischen Institute Allied Irish Banks und Bank of Ireland; deren harte Kernkapitalquoten schrumpften nach dem dreijährigen Negativszenario auf 4,3 Prozent respektive 6,2 Prozent.

Unter dem Eindruck dieser diversen Schwachpunkte relativiert sich das Gesamtbild eines krisenfester gewordenen europäischen Bankensystems unweigerlich. Sind es doch eben die in einer neuen Wirtschafts- und Finanzkrise besonders rasch in Nöte kommenden Institute, die das so eng vernetzte und verflochtene Gesamtgefüge ins Wanken bringen können. Andrea Enria hat recht, wenn er nach dem überstandenen Stress des Bankentests zu weiteren Anstrengungen aufruft. Es gilt nicht nur, das harte Kernkapital in vielen Bankbilanzen weiter zu verstärken, sondern vor allem auch das Vertrauenskapital in der Öffentlichkeit.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch