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Euro-Gipfel «all night long» - Ab drei Uhr früh tut es weh Feature

Brüssel Wie lange am Stück können Spitzenpolitiker konzentriert um Milliardenbeträge feilschen? Wann lassen sich selbst hartgesottene Staatenlenker aus Müdigkeit zu fatalen Zugeständnissen beim Gezerre um Schuldenschnitte, Bankenkapital und Kredithebel hinreissen? Im Foyer des Brüsseler Ratsgebäudes schiessen in der Nacht zum Donnerstag die Spekulationen ins Kraut, während hinter verschlossenen Türen die Euro-Staats- und Regierungschefs tagen.

Gegen 2000 Medienschaffende belagern seit letzter Woche die EU- Institutionen in der belgischen Hauptstadt und hoffen auf Historisches. Kommt nun endlich der ersehnte Befreiungsschlag, der die EU aus der Finanz- und Schuldenkrise führt? Amerikanische Nachrichtenagenturen, japanische TV-Teams, spanische Radiosender - sie alle wollen als erste die Einigung verkünden. Aber aus den Verhandlungssälen sickert zunächst wenig nach aussen, dann kaum noch etwas und schliesslich überhaupt nichts mehr. Um drei Uhr früh ist es still geworden an den Reihentischen im Foyer. Später wird klar: Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Wortbrocken vor die Pressemeute Begonnen hatte der Tag wie üblich mit den sogenannten Doorsteps. Bei strahlendem Sonnenschein fahren die EU-Spitzen vor dem Ratsgebäude vor und werfen der lauernden Pressemeute auf dem Weg zur Eingangstür strategisch platzierte Brocken vor die Mikrofone und Kameras. Im Minutentakt werden die Wort- und Satzfetzen vom roten Teppich in den Äther gesendet, die Nachrichtenmaschinerie brummt. Dann ziehen sich die Chefs in ihre Beratungsräume zurück. Der Informationsfluss nimmt ab, Details zu den Zwischenetappen der Verhandlungen sind jetzt nur noch auf indirektem Wege zu bekommen. An den schmucklosen Reihentischen im Foyer des Ratsgebäudes beginnt jetzt Phase Zwei. In den Meldungen tauchen nun immer öfter die beliebten «Verhandlungskreise» und namentlich nicht genannten «EU-Diplomaten» auf. Gegen Mitternacht versiegen auch diese Quellenströme. Grüne statt gelbe Bananen In der hauseigenen Cafeteria gehen langsam die Vorräte zur Neige: Bananen gibt es jetzt nur noch in Grün statt Gelb, die Sandwiches werden knapp und der Kaffeeautomat brummt am Anschlag. Auf den Computerbildschirmen der Korrespondenten sind nun immer seltener Nachrichtenseiten zu finden. Stattdessen laufen Youtube- Videos, Solitär und Fussballmanager. Was immer hilft, um wach zu bleiben. Trotz der Ablenkung sinken entlang der Reihen immer mehr müde Köpfe auf die Journalistenbrust. Unter den Augen graben sich tiefe Furchen ins Gesicht. Drei Uhr früh: Jetzt geht es im Fussballjargon dahin, wo's weh tut. Die Erlösung um 3.54 Uhr Doch plötzlich kommt Unruhe in den Saal. Gerüchte kursieren, es soll eine Einigung gegeben haben. In die müden Glieder schiesst neue Energie. Aus den Gerüchten werden Fakten: Die Verhandlungen sind beendet. Aber was wurde entschieden? Um 3.54 Uhr brandet Jubel im Foyer auf: Über den riesigen Bildschirm am Ende der Halle flackert die erlösende Ankündigung: «press conference in a few minutes» (»Pressekonferenz in wenigen Minuten»). Einige Minuten später ist es effektiv soweit. Jetzt geht es um Fakten und Zahlen. Schuldenschnitt für Griechenland? 50 Prozent! Bankenrekapitalisierung? Ist im Sack! Die Feuerkraft des Euro-Rettungsschirms? Wird auf eine Billion Euro gehebelt! Um fünf Uhr sind die Nachrichten verarbeitet. «Occupy Brüssel ist vorbei», feixt ein Journalist. Den letzten Gute-Nacht-Gruss aber liefert Euro-Gruppenchef Jean-Claude Juncker. Auf eine Reporter- Bitte um ein Interview entgegnet der Luxemburger knapp: «Ganz schnell, weil ich muss schlafen.»

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