Endspiel um den TV-Fussball

Das Gerangel um die Übertragungsrechte der Schweizer Fussballliga ist in die heisse Phase getreten. Die Weko-Busse an die Swisscom sorgt für Verunsicherung.

Für den Fernsehzuschauer gilt: Je mehr Anbieter mitmachen, desto besser ist die Qualität. Foto: Laurent Cipriani (Keystone)

Für den Fernsehzuschauer gilt: Je mehr Anbieter mitmachen, desto besser ist die Qualität. Foto: Laurent Cipriani (Keystone)

Es war vor vier Monaten, als Heinrich Schifferle, der Präsident der Swiss Football League (SFL), in einem Zürcher Restaurant eine Handvoll Journalisten an einen Tisch rief. Er kam auf den neuen Fernsehvertrag zu sprechen und wollte erst kaum etwas dazu sagen, zu delikat sei die Sache. Doch Schifferle sprach und sprach; irgendwann verriet er, es gebe mehr Interessenten als vor fünf Jahren, als die Liga die Übertragungsrechte zum letzten Mal vergeben hatte. Und schliesslich sagte er voller Zuversicht: Ja, er erwarte beim Preis für die Rechte «eine massive Verbesserung». Können die Schweizer Fussballclubs also bald jubeln?

Aktuell nimmt die Schweizer Fussballliga mit der ganzen Vermarktung der TV-Rechte und via Sponsoren jährlich 28,4 Millionen Franken ein, die sie grösstenteils den Vereinen verteilt. Als Orientierung: Mit der Super League vergleichbare Ligen erwirtschafteten bisher deutlich mehr. Belgiens Jupiler League erzielt mit 78 Millionen Franken das Dreifache, und auch Dänemarks Super­ligaen generiert mehr als das Doppelte.

Für den Fernsehzuschauer gilt: Wenn sich die Übertragungsrechte von bisher einem (Swisscom) auf verschiedene Anbieter verteilen, stärkt dies die Qualität des Produkts im Sinne von Wettbewerb unter den Angeboten und sorgt für Vielfalt und Innovation.

Die Ausschreibungsfrist für die Vergabe der Übertragungsrechte ist abgelaufen. Wie viele Interessenten ein Angebot eingereicht haben, ist nicht bekannt. Und so richtig darüber reden mag niemand. Wen immer man auch anruft, bei allen Gesprächspartnern tönen aus dem Hörer Phrasen wie «oh, heikles Thema», oder «uh, komplexe Materie» und «lieber off-the-record».

Swisscom-Busse wirkt

Überraschend ist die Zurückhaltung nicht: Die Ausschreibung der TV-Rechte verläuft unter verschärfter Beobachtung. Hintergrund ist die letzte Woche von der Wettbewerbskommission ausgesprochene Busse gegen Swisscom in der Höhe von 72 Millionen Franken, weil sie ihre Exklusivrechte missbraucht haben soll. Die Fussballliga will auf keinen Fall, dass sich bei der neuen Vergabe die Geschichte wiederholt. Damals hat sie die Rechte nicht öffentlich ausgeschrieben und direkt mit den Bewerbern Cablecom und Swisscom verhandelt.

Bei der nun anstehenden Vergabe haben die Liga-Verantwortlichen ein dickes Ausschreibungsdossier zusammengestellt und versucht, sich durch Gespräche mit der Wettbewerbskommission abzusichern. «Der Austausch erfolgte in aller Offenheit, und wir haben unsere Vorbehalte geäussert», sagt Weko-Direktor Rafael Corazza. Die letzte Fassung der Ausschreibungsunterlagen sei jedoch von der Liga in eigener Verantwortung und ohne Konsultation der Weko erstellt worden.

Bei der 72-Millionen-Busse werfen die Wettbewerbshüter der Swisscom vor, ihre Marktmacht missbraucht zu haben. Nach dem Kauf der Rechte sei den anderen TV-Anbietern der Zugang zum Live-Sport zu vergleichsweise schlechten Bedingungen gewährt worden. Swisscom weist das zurück und argumentiert, man habe viel investiert, um den Fernsehsport attraktiver zu gestalten. Indem man den eigenen TV-Kunden ein attraktiveres Angebot zur Verfügung stellte, wollte man die eigenen Investitionen schützen. Was die Weko kontert: Egal, wie ein Unternehmen eine marktbeherrschende Stellung erreiche, dürfe es sie nicht missbrauchen. Da stellt sich die Frage, weshalb sich eine Firma überhaupt Exklusivrechte sichern soll, wenn sie diese anschliessend nicht gewinnbringend vermarkten darf.

Mark Orth, Sportrechtsexperte und Lehrbeauftragter an der Fachhochschule HTW Chur, zerzaust das Weko-Urteil: «Die von der Weko erlassene Entscheidung ist meines Erachtens falsch.» Die Swisscom sei auf dem Markt der Schweizer Fussballfernsehrechte nicht marktbeherrschend, vielmehr sei es die Liga. Zudem bleiben trotz Weko-Entscheid die Wettbewerbsbeschränkungen für die anderen Anbieter bestehen.

Orth schlägt vor, das wettbewerb­liche Problem an der Wurzel zu packen. Bei der Liga. Denn sie sei es, die die Rechte der besagten Spiele besitze und vergebe. Weg von den Exklusivrechten, hin zu Alternativen. Eine Möglichkeit wäre, dass die Clubs ihre Rechte selbst vermarkten oder dass es eine No-single­- Buyer-Rule gebe, zu Deutsch: ein Alleinerwerbsverbot.

Die besondere Klausel

Die Liga prüfte die Variante einer No-single-Buyer-Rule, verwarf sie aber aus Gründen der Kleinheit des Schweizer Marktes und dessen Mehrsprachigkeit. Stattdessen hat die Liga den Bewerbern mehrere Rechtepakete angeboten, um laut Swiss-Football-League-CEO Claudius Schäfer «möglichst viele Marktteilnehmer anzusprechen und so für Wettbewerb zu sorgen». Dabei orientierte sie sich an den Rechte­vergaben im Ausland. Schäfer sagt zu Orths Vorschlag: «Die zentrale Vermarktung von Medienrechten ist unbestritten, und der Verkauf von Exklusivrechten entspricht internationalem Standard.»

Damit die Fussballliga bei der Vergabe der Fernsehrechte nicht vor einer ähnlichen Unsicherheit stünde wie beim letzten Mal, hätte sie auch ein sogenanntes Widerspruchsverfahren bei der Weko anstossen können. Wenn die Wettbewerbsbehörde in den darauffolgenden fünf Monaten kein Verfahren eröffnet, ist die Liga von Sanktionen befreit. Ein Persilschein sozusagen. So weit wollte man bei der Liga aber nicht gehen. Schäfer sagt, die Liga habe zwar informelle Gespräche der Weko geführt, ein Widerspruchsverfahren aus praktischen und juristischen Gründen aber für ungeeignet befunden.

Dennoch hat die Liga zahlreiche Rückzugsmöglichkeiten eingebaut, sollte die Ausschreibung auf eine falsche Bahn geraten, wie aus den Unterlagen hervorgeht, die dem TA vorliegen. Man behalte sich vor, die Vergabe als Ganzes oder Teile davon «im Laufe des Vergabeverfahrens zu ergänzen, abzuändern und/oder zurückzuziehen und/oder einzelne oder alle der ausgeschriebenen Rechtepakete (beziehungsweise die Gesamtrechte) nicht zu vergeben, sondern selbst zu verwerten», heisst es etwa. Dieser Vorbehalt ist an sich eine geübte Praxis, sagt Orth und fügt an: «Aber nicht in diesem grenzenlosen Umfang.»

Entscheid Ende Sommer

Wer hat ein Angebot eingereicht? Dass Swisscom mitbietet, ist klar. Ebenso hat UPC Cablecom zusammen mit dem Verband der TV-Kabelanbieter Suissedigital ein Angebot abgegeben. Sunrise hingegen schweigt sich über ein allfälliges Gebot aus. Das Verlagshaus Ringier will ebenfalls keine Auskunft geben. Tamedia, Herausgeberin des «Tages-Anzeigers», hat kein Angebot eingereicht.

Bis nächste Woche will die Liga die Angebote analysiert haben und sie dem neunköpfigen Liga­komitee um die Club-Präsidenten Ancillo Canepa (FC Zürich) und Bernhard Heusler (FC Basel) vorlegen. Ziel ist es, dass erste Grundsatzentscheide zum weiteren Verfahren gefallen sind, wenn nächsten Freitag das Auftaktspiel zur Europameisterschaft in Paris angepfiffen wird.

Ob sich Schifferles Prognose einer starken Steigerung der Fernsehgelder bewahrheitet, bleibt ungewiss. Die Liga will ihren Entscheid, wer die Fernsehrechte zu welchen Bedingungen erhalten soll, Ende Sommer bekannt geben.

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