Ein schwarzer Tag für den Detailhandel

In den USA schon totgesagt, in der Schweiz erst im Aufwind: Warum der Black Friday für Geschäfte zum Bumerang werden könnte.

Black Friday ist, wenn sich die Käufer in den Läden überrennen. Chaos herrschte auch letztes Jahr, als die Shops zur Schnäppchenjagd riefen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Valentinstag, Halloween und jetzt auch der Black Friday: Über den Atlantik schwappen immer wieder Bräuche und Traditionen in die Schweiz, die ihren Ursprung in den USA haben. Dort läutet der Tag nach dem Erntedankfest Thanksgiving, an dem die meisten Amerikaner frei haben, die Zeit der Weihnachtseinkäufe ein. US-Händler locken mit riesigen Rabatten und erzielen damit Rekordumsätze.

Hierzulande wird kein Thanksgiving gefeiert. Und frei haben am Freitag wohl die wenigsten Schweizerinnen und Schweizer. Trotzdem hat sich der Black Friday in kürzester Zeit etabliert.

Umfrage

Was halten Sie vom Black Friday in der Schweiz?




2015 führte Manor als erstes grosses Schweizer Warenhaus den Schnäppchentag ein und berichtete von einem dreimal höheren Umsatz als an einem normalen Freitag. Spätestens im vergangenen Jahr zog ein Grossteil der Detailhändler nach, heuer werben fast alle mit ihren Angeboten am «schwarzen Freitag». Digitec, Galaxus, Zalando, Manor natürlich und viele andere überbieten sich in diesen Tagen mit Rabatten.

Klassischer Black Friday ist tot

Während sich der Black Friday bei uns gerade erst etabliert, sorgt er in seinem Ursprungsland nicht mehr für dieselbe Begeisterung wie noch vor einigen Jahren. Lange war er für den US-Detailhandel der umsatzstärkste Tag. Die Bilder von Horden von Menschen, die bereits frühmorgens vor den Filialen der grossen Händler Schlange standen und sich nach Öffnung um Sonderangebote prügelten, gingen um die Welt. Auch 2017 wird es solche geben, aber es werden weniger.

In den vergangenen Jahren hat der Tag an Bedeutung verloren. «Der Black Friday ist tot», schrieben verschiedene US-Medien schon 2016. Damit übertrieben sie zwar, denn Thanksgiving und Black Friday verleiteten auch im letzten Jahr über 150 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner dazu, Einkäufe zu erledigen. Doch Filialen und Handelsketten verzeichneten weniger Kundschaft, ihr Nettoumsatz brach um 10,4 Prozent ein. Das Konsumritual scheint seinen besonderen Reiz eingebüsst zu haben.

Nicht mehr wie früher: Kunden in einem Warenhaus in Los Angeles am Black Friday 2016. (Bild: Reuters)

Anstatt sich wie früher durch Menschenmassen zu drängen, kaufen viele Amerikaner mittlerweile lieber online ein. 2016 waren es schon mehr als die Hälfte. Während Onlineportale immer mehr Kunden und Einnahmen verzeichnen, nimmt die Relevanz des traditionellen Black Friday im Warenhaus ab.

Ein weiterer Grund für den schwindenden Stellenwert ist der Trend im Detailhandel, das ganze Jahr über Sonderaktionen und Rabatte anzubieten. Warum also ausgerechnet am Black Friday einkaufen, wenn im Laden und im Internet ohnehin Chaos herrscht?


Video: Was heisst eigentlich Black Friday?

Die Umfrage zu einem Phänomen, das von den USA nach Europa kam. (Video: Archiv Newsnet)


Die neuste «Holiday Shopping»-Umfrage des Beratungsunternehmens Accenture ergab, dass mehr als die Hälfte (52 Prozent) der befragten Amerikaner dieses Jahr nicht planen, am Black Friday einzukaufen.

64 Prozent der Teilnehmenden sagten, sie wollten so den Menschenmassen aus dem Weg gehen. Als zweitwichtigsten Grund nannten sie ihre Überzeugung, dass es an anderen Tagen gleich gute Rabatte gebe. Fast die Hälfte der Befragten war dieser Meinung.

Eine Marktanalyse von PWC kam ebenfalls zum Schluss, dass sich die Kunden zunehmend an ganzjährige Rabatte gewöhnen und der Schnäppchentag 2017 weniger Menschen anziehen wird. «Der Black Friday hat seinen Stellenwert verloren», sagte Steven Barr, Leiter des US-Verbrauchermarkts von PricewaterhouseCoopers (PWC), bei der Präsentation der Studie. «Der Einzelhandel hat den Konsumenten so konditioniert, dass dieser glaubt, alles sei jeden Tag vergünstigt. Die Angebote am Black Friday unterscheiden sich also nicht wirklich von anderen Tagen.»

Die Analysten von RetailNext prophezeien für dieses Jahr, dass der Black Friday als grösster Shoppingtag abgelöst wird. Der 22. Dezember kurz vor Weihnachten wird in den USA demnach sowohl mehr Kunden anlocken, als auch mehr Einnahmen bringen.

Ausgerechnet in der Vorweihnachtszeit

In der Schweiz scheint der «schwarze Freitag» für die Händler auf den ersten Blick ein Erfolg zu sein. Vor einem Jahr brachen die Internetsites von Manor, Interdiscount, Microspot und Melectronics unter dem Ansturm der Schnäppchenjäger vorübergehend zusammen. Der Black Friday spülte zusätzliches Geld in die Kassen der Händler, die gleichzeitig noch ihr Lager leeren und neue Kundendaten sammeln konnten.

Doch die Rabattschlacht kommt für die Schweizer Detailhändler zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. In der Vorweihnachtszeit erzielen sie traditionell ihre höchsten Umsätze. Anstatt die volle Marge einzufahren, verschachern sie ihre Waren jetzt zu Billigpreisen. «Ich halte den Black Friday für eine unerfreuliche Entwicklung», sagte Jelmoli-Chef Franco Savas­tano denn auch gegenüber der «Handelszeitung». Dieser schade der Qualität, der Arbeit und den Umsätzen vor Weihnachten.

«Das ist ein Teufelskreis für die Anbieter.»Thomas Hochreutener, Detailhandelsexperte

Auch Thomas Hochreutener vom Marktforschungsinstitut GFK setzt hinter dem Zeitpunkt des Aktionstags ein Fragezeichen. Vor Weihnachten kauften die Leute ohnehin mehr ein als sonst, ob mit oder ohne Rabatte, sagte der Detailhandelsexperte der Nachrichtenagentur SDA vor Jahresfrist. In letzter Zeit hätten sich die Aktionstage immer weiter nach vorne verschoben. «Das ist ein Teufelskreis für die Anbieter, die sich gegenseitig unter Zugzwang setzen», so Hochreutener.

2017 kann sich kaum noch ein Schweizer Händler dem neuen Trend verweigern, wenn er keine Kunden an die Konkurrenz verlieren will. Mit den zunehmenden Rabatten steigen aber auch die Erwartungen der Kunden, die sich an regelmässige und hohe Preisermässigungen gewöhnen und mit immer extremeren Angeboten gelockt werden müssen.

Manor bietet dieses Jahr vom 22. bis 24. November gleich «3 Special Black Fridays» an. Bei Interdiscount, Zalando und anderen dauert die Rabattschlacht ebenfalls mehrere Tage. Fust verkauft seine Elektrohaushaltsgeräte und Unterhaltungselektronik sogar eine ganze «Black Friday Woche» lang bis zu 83 Prozent günstiger. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.11.2017, 16:39 Uhr

Artikel zum Thema

SBB-Rabattaktion wird heftig kritisiert

Die SBB bieten Neukunden ein Halbtaxabo zum halben Preis an. Alte Kunden drohe der Konzern hingegen zu verlieren, sagen Konsumentenschützer. Mehr...

Kaufen wie auf Koks

Es ist Black Friday! Eine amerikanische Tradition hält in der Schweiz Einzug – die Detailhändler reiben sich die Hände. Mehr...

Wie man in der Schweiz vom «Black Friday» profitieren kann

Nach Thanksgiving locken US-Detailhändler mit grossen Rabatten in die Geschäfte. Die amerikanische Tradition hält auch in der Schweiz Einzug – nicht zur Freude von Konsumentenschützern. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Nichts für Tierliebhaber: Fuchspelze werden von einem Arbeiter auf dem chinesischen Chongfu Pelzmarkt verarbeitet (14. Dezember 2017).
(Bild: William Hong) Mehr...