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«Ein Nullwachstum würde viele Probleme viel schlimmer machen»

Wirtschaftsnobelpreisträger Angus Deaton sieht nichts Schlechtes in Ungleichheit. Man müsse aber die Schranken für den Welthandel senken und Wachstum ermöglichen.

«Spenden richten in vielen Bereichen auch Schaden an», sagt Angus Deaton.
«Spenden richten in vielen Bereichen auch Schaden an», sagt Angus Deaton.
Keystone

Herr Deaton, wie hat sich Ihr Leben verändert, seit Sie im Dezember den Nobelpreis erhalten haben?

Mein Leben ist viel geschäftiger geworden. Ich habe viel Aufmerksamkeit erhalten, Interviewanfragen, Vortragseinladungen, solche Dinge. Das ist neu für mich.

Ökonomische Ungleichheit ist nicht unbedingt etwas Schlechtes, haben Sie am Economic Forum in Interlaken gesagt. Wie müssen wir das verstehen?

Nehmen wir das Beispiel von Mark Zuckerberg. Er hat Facebook erfunden und macht damit viele Leute froh. Er wurde damit sehr reich – und so hat die Ungleichheit zugenommen. Was ist daran schlecht?

Das ist nun aber ein sehr positives Beispiel.

Nein, ich denke, es ist ein sehr typisches Beispiel. Man darf Ungleichheit nicht als schlecht an sich betrachten. Man muss vielmehr den jeweiligen Grund dafür kennen und beurteilen, ob dieser gut oder schlecht sei. Wenn Mark Zuckerberg reich geworden wäre, indem er eine Bank übernommen und wild spekuliert hätte, er dabei Millionen gewonnen hätte, während die Bank in Konkurs gegangen wäre und dies eine Rezession verursacht hätte – das wäre ein negativer Grund für die ­Ungleichheit.

Sie führen den Erfolg eines Donald Trump oder die Popularität des Brexit auf eine solche Ungleichheit zurück.

Nicht auf die Ungleichheit, aber darauf, dass viele Leute in diesen Ländern von der Politik wirtschaftlich zurückgelassen wurden.

Wie kann man verhindern, dass wir politisch wie in den 1930er-Jahren enden? Wenn wir das wüssten? Man kann hoffen, dass die Leute nicht Trump wählen und nicht für den Brexit stimmen.

Sie sagen: Solange die Menschen Aussicht auf Wohlstand haben, akzeptieren sie die Ungleichheit. Ist es wirklich so einfach?

Nehmen wir Dorfbewohner in Indien: Sie sehen im Fernsehen oder bei Nachbarn, dass Leute mit einer Schulbildung Jobs in einem Büro oder einem Callcenter erhalten und gut verdienen. Das ist Ungleichheit – aber die Dorfbewohner sehen dies als Chance für sich selbst. So passiert es in den Entwicklungsländern die ganze Zeit.

Wenn der Lebensstandard in den Entwicklungsländern weiter steigt, wird dann der unsrige nicht sinken?

Nein, im Gegenteil.

Ist es überhaupt möglich, dass alle Menschen unser Wohlstandsniveau erreichen?

Grundsätzlich ja. Es gibt jedoch viele Probleme auf dem Weg dorthin – vor ­allem die globale Klimaerwärmung. Wir brauchen neue Technologien, die diese verhindern können.

Was kann der Westen gegen die Armut in den Entwicklungsländern tun?

Wir können viel tun, indem wir neue Technologien entwickeln, welche diesen Ländern helfen, oder indem wir Krankheiten bekämpfen. Es gibt viel nützliches Wissen im Westen. Ich glaube nicht, dass Entwicklungshilfe eine gute Sache ist. Aber wir können den Handel verbessern.

Wie meinen Sie das?

Wir müssen die Schranken für den Welthandel senken, sodass afrikanische Bauern ohne Hilfe zu Wohlstand kommen.

Sie fordern also noch offenere Märkte?

Nur für den Handel. Ich bin nicht sicher, ob es gut wäre, die Schranken für die Geldströme weiter zu öffnen. Ich bin kein Freihandelskapitalist. Ich fordere etwa, dass die USA mehr in die Erforschung von Tropenkrankheiten wie Malaria investieren.

Dann können wir als Individuen nichts unternehmen?

Doch! Wir müssen unsere Regierungen überzeugen, richtig zu handeln.

An Hilfswerke zu spenden, halten Sie nicht für sinnvoll?

Ich tue es jedenfalls nicht. Ich denke, dass das Geld in vielen Bereichen auch Schaden anrichtet. Weniger im medizinischen Bereich. Aber ich denke, es gibt bessere Wege, armen Ländern zu helfen – etwa indem man seine eigene Regierung davon überzeugt, Medikamente zu entwickeln.

Sie haben Ihr Nobelpreisgeld von umgerechnet rund einer Million Franken also nicht gespendet?

Nur wenn Sie die USA eine Wohltätigkeitsorganisation nennen. Ich habe mehr als die Hälfte des Preisgelds als Steuern bezahlt.

In der Schweiz gibt es die Bewegung Décroissance, die eine Abkehr vom Wachstumsdenken fordert.

Viel Glück damit! Ich bezweifle, dass die Mehrheit der Schweizer dahintersteht. Ein Nullwachstum würde viele Probleme viel schlimmer machen. Denn das würde heissen, dass jeder, der reicher wird, das Geld jemandem wegnehmen muss. Das scheint verrückt.

Wo kann man Sie im politischen Links-rechts-Spektrum verorten?

Warum sollte man das? Ich will mit allen Seiten sprechen. Ich glaube an Dinge, an welche die Linken glauben, aber auch an Dinge, an welche die Rechten glauben. Und ich habe libertäre Ansichten, da ich es nicht ausstehen kann, wenn man mir sagt, was ich zu tun habe.

Sie sind britisch-amerikanischer Doppelbürger. Wo wählen Sie?

Nur in den USA. Und nicht Herrn Trump.

Ihr Sohn ist Hedgefonds-Manager. Was er tut, steigert die Ungleichheit ebenfalls – und dies nicht unbedingt im Sinne des Facebook-Gründers, sondern eher im Sinne eines spekulierenden Bankmanagers.

Das ist schwierig zu beurteilen. Aber ich erzähle Ihnen etwas: Der Gründer des Hedgefonds, David Shaw, engagiert sich nun mit seinem Vermögen in der Krebsforschung. Die Dinge sind manchmal komplizierter, als sie aussehen.

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