Ein Eindringling aus China versetzt Deutschland in Aufregung

Der Eigentümer des chinesischen Autoherstellers Geely, Li Shufu, hat sich ungefragt ins Kapital von Daimler eingekauft. Zu seinen Absichten hat er sich bisher eher vage geäussert.

Der Unternehmer und Milliardär Li Shufu hat im Kapital von Daimler Platz genommen.

Der Unternehmer und Milliardär Li Shufu hat im Kapital von Daimler Platz genommen.

(Bild: Keystone AP)

Holger Alich@Holger_Alich

Der chinesische Unternehmer und Milliardär, Li Shufu, hat sich vor Jahren einmal wenig respektvoll zur Autoindustrie geäussert. Autos zu bauen, sei einfach, erklärte er in den 90er-Jahren: «Man braucht dafür nur vier Reifen und zwei Sofas.»

Das werden die Verantwortlichen des deutschen Vorzeigeherstellers Daimler anders sehen. Doch nun werden sie sich mit Li Shufu auseinandersetzen müssen. Denn am Freitag enthüllte der Eigentümer des chinesischen Autoherstellers Geely und der schwedischen Marke Volvo, dass er 9,7 Prozent der Aktien Daimlers besitzt. Das Investment hat einen Wert von rund sieben Milliarden Euro. Damit ist der 54-jährige aus dem Stand der grösste Einzelaktionär des deutschen Vorzeigekonzerns.

Konzernführung wurde überrumpelt

Dem Vernehmen nach wurde die Daimlerführung um Dieter Zetsche von der Nachricht kalt erwischt. Und Deutschland ist in Aufruhr. Denn Daimler ist nicht irgendein Konzern, sondern der Erfinder des Automobils. Die Kernmarke Mercedes-Benz gilt quasi als Synonym für deutsche Wertarbeit.

Und nun kauft sich ein chinesischer Selfmade-Milliardär unbemerkt und ungefragt ins Kapital. Und hat eine Charmeoffensive gestartet. Montag war er laut Medienberichten in Stuttgart, um Konzernchef Dieter Zetsche zu treffen. Daimler wollte das Treffen nicht bestätigen. Heute soll Li Shufu im Kanzleramt vorsprechen.

Bei den Treffen dürfte die Frage im Vordergrund stehen: Was will Li Shufu? Offenbar hat es der Eindringling aus China auf Daimlers Elektroauto-Kompetenz abgesehen. Auch Daimlers Know-how von selbstfahrenden Autos dürfte Shufu interessieren. Der 54-Jährige selbst erklärte, er sei «stolz, Daimler auf dem Weg zu begleiten, der weltweit führende Anbieter von Elektromobilität zu werden».

Investor fordert neues Denken

Zugleich warnte er: «Die Wettbewerber, die uns im 21. Jahrhundert technologisch herausfordern, kommen nicht aus der Automobilindustrie.» Das hat Daimler bereits am eigenen Leib erfahren, denn das Topmodell, die Mercedes-S-Klasse, wird selbst in Europa mittlerweile bei den Verkaufszahlen von Teslas Modell S überrundet. Um beim Thema Elektromobilität zur Spitze zu zählen, brauche es daher «neues Denken. Mein Engagement bei Daimler reflektiert diese Vision», so Li Shufu.

Offiziell begrüsst Daimler den ungebetenen neuen Grossaktionär: «Daimler freut sich, mit Li Shufu einen weiteren langfristigen Investor gewonnen zu haben», teilte der Konzern mit. Und erinnerte daran, dass Daimler nicht auf Geely gewartet habe, um in China vorwärtszumachen: «Daimler ist in China umfassend und breit aufgestellt und hat mit Baic einen starken Partner vor Ort.» Die Stuttgarter arbeiten seit rund zehn Jahren mit dem staatlichen Hersteller zusammen. Kurz nach dem Einstieg von Li Shufu verkündeten Daimler und Baic fast schon trotzig, 1,5 Milliarden Euro in neue Produktionsanlagen in China investieren zu wollen.

Daimler zeigt sich gesprächsbereit

Industriekreise verweisen darauf, dass Daimler die Tür für eine Zusammenarbeit mit Li Shufu und Geely aber nicht zuschlägt. Doch eine Partnerschaft müsse für beide Seiten Sinn machen, heisst es. Eine neue industrielle Zusammenarbeit muss sich also in Daimlers bestehende Kooperationen einfügen.

Doch Li Shufu scheint niemand zu sein, der sich so leicht abschütteln lässt. Schon im November hatte er mit der Daimler-Führung über einen Einstieg verhandelt. Damals wollte der Chinese, dass Daimler eigens für ihn das Kapital erhöht und die neuen Aktien mit Abschlag an Li Shufu verkauft. Daimler lehnte dankend ab.

Nun hat sich der Geely-Gründer ungefragt ins Kapital eingekauft. Laut «Handelsblatt» hat er dabei Hilfe der Investmentbanken Morgan Stanley und Bank of America gehabt, die über Aktien- und Derivatekonstrukte dafür gesorgt haben sollen, dass Li Shufu ein so grosses Aktienpaket aufkaufen konnte, ohne dass er das Überschreiten einer Beteiligungsschwelle von drei oder fünf Prozent melden musste.

Laut der «Stuttgarter Zeitung» will sich nun der Wirtschaftsausschuss des Bundestags Mittwoch mit der Vorgehensweise Li Shufus befassen. Die Bundesregierung solle die Frage beantworten, ob dieser bei seinem Einstieg Meldepflichten verletzt habe. In dieser Frage ist bereits die deutsche Finanzaufsicht Bafin aktiv geworden.

Wie Li Shufu den milliardenschweren Einstieg bei Daimler finanziert hat, ist unklar. Angesichts der strengen Kapitalkontrollen in China scheint aber unvorstellbar, dass er das Milliardeninvestment ohne Genehmigung der Regierung in Peking getätigt hat.

Interessant ist dabei, dass er mit seiner Beteiligung knapp unter der Schwelle von zehn Prozent geblieben ist. Oberhalb dieser Grenze müsste er laut deutschem Recht innerhalb von 20 Handelstagen mitteilen, welche Ziele er verfolgt und woher er das Geld für den Einstieg hat.

Eine chinesische Bilderbuchlaufbahn

Angefangen hatte der Unternehmer Li Shufu mit dem Bau von Kühlschränken, als er 1986 sein Unternehmen Geely gründet, was übersetzt «Glück» bedeutet. Li Shufu erkannte, welche Chancen die wirtschaftliche Liberalisierung Chinas bietet, und stieg 1997 in den Automobilbau ein. Beim Design der Autos bedient sich Geely gnadenlos bei den westlichen Premiumanbietern wie Mercedes oder BMW. Doch den Chinesen gefällts. 2005 ging Geely mit Erfolg an die Börse.

Die in Hongkong kotierte Geely Automobile Holding hat nach eigenen Angaben heute eine Produktionskapazität von rund einer Million Autos pro Jahr. Das Unternehmen gehört mehrheitlich der Zhejiang Geely Holding Company, die wiederum vollständig im Besitz von Li Shufu ist. Das US-Magazin «Fortune» schätzt sein Vermögen auf knapp 19 Milliarden Dollar.

Die Zukaufwelle chinesischer Unternehmen in Europa hat die Politik in Alarmzustand versetzt – mit Ausnahme der Schweiz, wo bisher Forderungen nach einer stärkeren Kontrolle von Übernahmen Schweizer Firmen durch Chinesen eher die Ausnahme sind.

Vorzeigefall Volvo

Immerhin gilt Geelys Übernahme des schwedischen Premiumanbieters Volvo als Paradebeispiel dafür, wie geschickt Chinesen bei ihren Übernahmen vorgehen können. 2010 kaufte Geely den strauchelnden Hersteller für 1,8 Milliarden Dollar.

Die Chinesen gewährten dem CEO Hakan Samuelsson viele Freiheiten und unterstützten im Hintergrund die Modernisierung der Produktion und des Angebots. Heute ist Volvo wieder auf Wachstumskurs und betreibt in Göteborg mit Geely zusammen ein Technologiezentrum, wo 2000 Ingenieure arbeiten. Mit «Lynk & Co» bauen Schweden und Chinesen zudem eine komplett neue Automarke auf.

Im Premiumsegment ist Volvo längst wieder ein ernst zu nehmender Wettbewerber für Mercedes-Benz. Daher sind die Verantwortlichen bei Daimler offenbar alles andere als begeistert, dass der neue Grossaktionär in den Aufsichtsrat von Daimler einziehen könnte. So sieht die Geschäftsordnung des Kontrollgremiums laut Medienberichten vor, dass dem Aufsichtsrat «keine Mitglieder angehören dürfen, die Organfunktion oder Beratungsaufgaben bei wesentlichen Wettbewerbern des Unternehmens ausüben». Laut Industriekreisen sei ein allfälliger Einzug Li Shufus in Daimlers Topgremium bisher aber kein Thema gewesen.

Doch wer sieben Milliarden Euro auf den Tisch legt, wird sich sicher nicht mit einer Statistenrolle zufriedengeben.

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