Ein Baudenkmal wird geflutet

Eine 90-jährige Staumauer am Grimsel muss ersetzt werden. Dazu soll eine neue Mauer vor die alte gebaut werden. Die alte würde danach unter Wasser stehen.

Fotomontage mit der geplanten neuen und der alten Staumauer dahinter.<p class='credit'>(Bild: zvg)</p>

Fotomontage mit der geplanten neuen und der alten Staumauer dahinter.

(Bild: zvg)

Yvonne Debrunner@yvonnedebrunner

Von einem «wehrhaft-monumentalen Charakter» ist in dem Dokument der Denkmalpflege die Rede. Von der «einzigartigen Kraftwerkslandschaft im Oberhasli», die als «Gesamtkunstwerk» zu betrachten sei. Es geht in dem Dokument um eine Staumauer. Genauer: um die sogenannte Spitallammsperre am Grimselstausee, eine stark gebogene, 114 Meter hohe Sichtbetonmauer, deren beide Flanken in die Granitfelsen eingespannt sind. Die Staumauer gilt gemäss Denkmalpflege als «erhaltenswert». Das bedeutet, dass sie «geschont» werden soll. Im Gegensatz dazu sollen «schützenswerte» Baudenkmäler nicht nur geschont, sondern «ungeschmälert bewahrt werden».

Nun gibt es keine Pläne, die Spitallammsperre abzureissen. Allerdings wird von ihr in einigen Jahren nicht mehr viel zu sehen sein – zumindest wenn es nach den Plänen der Kraftwerke Oberhasli (KWO) geht. Bis 2025 könnte sie komplett unter Wasser stehen und nur noch Tauchern ihren «wehrhaft-monumentalen Charakter» offenbaren.

Dringend sanierungsbedürftig

Errichtet wurde die Staumauer zwischen 1925 und 1932. Damals war sie eine der ersten gebogenen Betonmauern mit einer Höhe von über 100 Metern. Heute ist das rund 90-jährige Bauwerk dringend sanierungsbedürftig.

Die Staumauern Seeuferegg (links) und Spitallammsperre (rechts) (zvg)

Ursprünglich wollte die KWO, die zur einen Hälfte dem Berner Energiekonzern BKW gehört und zur anderen den Städten Bern, Basel und Zürich, die bisherige Staumauer ausbessern. Doch gemäss Projektunterlagen ist davon auszugehen, dass sich der Zustand der Mauer dann weiter verschlechtert hätte. Der Sanierungsplan wurde folglich verworfen. Stattdessen soll nun direkt vor der alten Staumauer eine zweite, komplett neue Bogenmauer errichtet werden.

Die alte, erhaltenswerte Staumauer würde dann zwar bestehen bleiben, jedoch vollständig im Wasser stehen. Auch der Zwischenraum zwischen alter und neuer Staumauer würde geflutet, wie Projektleiter Benno Schwegler dem «Bund» mitteilte. Ein Stollen würde dafür sorgen, dass sich der Wasserspiegel beidseitig der alten Mauer ausgleichen kann.

Die Bauarbeiten sollen frühestens 2019 beginnen und werden voraussichtlich sechs Jahre dauern, da wegen Schnee und schlechtem Wetter nur von Mai bis Oktober gebaut werden kann. Die KWO rechnet mit Gesamtkosten von 120 Millionen Franken.

Noch keine Baubewilligung

Allerdings liegt bislang noch keine Baubewilligung vor. Ende Oktober ging zwar die öffentliche Auflage des Baugesuchs zu Ende, und Einsprachen gab es keine. Nun müssen aber noch die zuständigen Ämter Stellung nehmen – darunter auch die Denkmalpflege des Kantons Bern. Gegenüber dem «Bund» machte die Denkmalpflege daher unter Verweis auf das laufende Verfahren noch keine Aussage zum Projekt. Ob das Fluten eines erhaltenswerten Baus aus denkmalpflegerischer Sicht zulässig ist oder nicht, ist demnach noch unklar. Die KWO rechnet mit einer rechtsgültigen Baubewilligung bis Ende April 2018.

Dass Staudämme denkmalpflegerisch geschützt sind, ist nicht üblich. Allerdings ist die Spitallammsperre nicht die einzige: Auch die Seeufereggsperre, die zweite Staumauer am Grimselsee, wurde als erhaltenswert eingestuft.

Der Bund

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