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Weniger Konsum, mehr Gerechtigkeit

Um die weltweite Finanzkrise zu überwinden, reichen Reformen der globalen Finanzinstitute nicht aus. Die Welt braucht eine Kulturrevolution.

Ein neues Bretton Woods wird vom Gipfeltreffen der Staatenlenker nächste Woche erhofft. Aber bessere Bankaufsicht, solidere Hedge-Funds, ein Ethikkatechismus für Spekulanten und womöglich der Internationale Währungsfonds als oberster Finanzpolizist werden es nicht richten.

Denn inzwischen ist klar: Die Spekulationsblase war nur der Anfang einer globalen Depression, die tiefer gründet als bloss in einem konjunkturellen Abschwung. In den Wohlstandsregionen der Welt wächst das Gefühl, dass «wir im Westen» schon lange über den Verhältnissen des Globus leben. «Im gegenwärtigen Augenblick erwarten die Menschen mehr als sonst eine grundlegendere Diagnose, sind sie ganz besonders bereit, sie aufzunehmen, begierig, sie auszuprobieren, wenn sie nur einigermassen annehmbar sein sollte.» Das schrieb John Maynard Keynes, sechs Jahre nach dem Ausbruch der Krise von 1929 und zwei nach Roosevelts New Deal. Dessen «Politische Ökonomie» rettete mit Bankenkontrollen, Infrastrukturinvestitionen, Mindestlöhnen, Umverteilung und Arbeitsbeschaffung den Kapitalismus und den Frieden im Land. Die Erinnerung daran wärmt, hilft aber heute wenig. Denn ein New Deal für eine globalisierte Welt – das ist ein Unterfangen so gigantisch gross, dass die Politiker, die sich nächste Woche in Washington treffen, nicht einmal im Albtraum daran denken.

Aber nicht nur die Nachfrage nach grundlegenderen Diagnosen, auch das Angebot an annehmbaren Alternativen wächst rasant: Konzepte einer kontrollierten Deglobalisierung der Weltwirtschaft, gestern noch als NGO-Träume ignoriert, werden von der Uno-Kommission für Agrarentwicklung als Mittel zur Abschaffung der Armut propagiert. Die Wissenschaftler des Weltklimarats rufen nach einer «dritten technologischen Revolution», und Weltbank-Chef Robert Zoellick möchte die «grösste Geldspritze in der Geschichte der Weltwirtschaft» für den Übergang zur solaren Weltökonomie nutzen. Ultraliberale Fernsehprofessoren fordern plötzlich eine weltumspannende zentrale Planwirtschaft für Energie und Ressourcen, und die Uno-Umweltbehörde Unep hat einen Global Green New Deal entworfen, der durch globale Steuern nicht nur die Natur retten, sondern einen weltweiten Reichtumsausgleich herstellen soll.

Vorschläge wie diese wird man an den Novembertreffen nicht finden. Läuft alles nach Plan, werden allenfalls die Regeln für eine stabilere Weltfinanzordnung entworfen, in der die neuen Schwergewichte China, Russland, Indien und Brasilien ein stärkeres Gewicht bekommen. Das ist notwendig, will man neue globale Krisen von Währungen, Handel und Weltproduktion vermeiden. Und es könnte mittelfristig auch zu einer realistischeren Machtverteilung in der Uno und damit zu deren politischer Aufwertung führen.

Eine solche ist durchaus nötig. Denn ein blosses, wenn auch multipolares Bündnis für «Wachstum wie bisher» wird weder die kommenden Kriege um Wasser, Luft und Rohstoffe noch die Klimakatastrophe verhindern. Eine nachhaltige Weltordnung muss das globale Wachstum behutsam abbremsen, eine faire internationale Verwaltung der Energie- und der Rohstoffquellen organisieren und den Wohlstandsnachzüglern kontinuierliches Wachstum ermöglichen.

Alte Positionen preisgeben

Die globalen Institutionen IWF, Weltbank, ILO und Unep entstanden als Reaktion auf den letzten Weltkrieg. Im Kalten Krieg wurden sie als Bastionen im Stellungskrieg und nach dem Sieg des Westens zur Durchsetzung des Washington-Konsens missbraucht. Jetzt könnten sie, entsprechend reformiert, zu Institutionen einer friedensfähigen Weltgesellschaft werden. Dazu freilich müssten die alten Mächte Positionen preisgeben – politische Positionen, etwa im Sicherheitsrat, vor allem aber ökonomische Positionen. Denn Klima und Frieden werden sich nur bewahren lassen durch eine allmähliche Angleichung der globalen Wohlstandsniveaus. Die aber ist nur möglich, wenn das westliche Konsummodell nicht länger das Mass aller Dinge ist.

Hier genau liegt für die westlichen Politiker die härteste Aufgabe: Unsere parlamentarischen Demokratien haben die Klassenkämpfe jahrzehntelang durch Wachstum neutralisiert, den Ruf nach mehr Gerechtigkeit mit mehr Konsum für immer mehr Menschen beantwortet. Konsumverzicht grösserer Bürgergruppen setzt diese Systeme deshalb unter ebenso starken Stress wie die Zumutungen steuerlicher Belastungen der Wohlhabenden, die zur Finanzierung notwendiger Zukunftsinvestitionen nötig werden. Der innere Frieden in den reichsten Ländern der Welt (und damit die internationale Handlungsfähigkeit auch ihrer aufgeklärten Eliten) wird davon abhängen, ob es gelingt, die gesellschaftlich gültigen Vorstellungen über Lebensqualität und die eingebrannte Erwartung ständig steigenden Konsums zu entkoppeln. Das wäre eine Kulturrevolution.

Charismatische Anführer gesucht

Auch über deren Notwendigkeit ist seit dem Club of Rome viel geschrieben worden – die Frage ist, ob und wie ein solcher massenhafter Wertewandel in einem politischen System herzustellen ist, das seine Legitimation nicht aus der Trias Freiheit-Gleichheit-Solidarität, sondern aus dem Versprechen ständig steigenden Güterglücks zieht.

Die Stimmung «Weniger ist Mehr» breitet sich zwar unaufhaltsam aus, attraktiv ist sie aber noch nicht. Ohne halbwegs charismatische politische Führungspersonen, die aus ihr politische Reformkonzepte destillieren, werden sich selbst die zukunftsfähigsten Vorschläge nicht politisch niederschlagen. Wenig spricht zurzeit dafür, den amtierenden politischen Helden das nötige Mass zivilisationsreformerischer Aufbruchsenergie zuzutrauen.

Doch wir stehen erst am Anfang der Krise. Es wäre ein Wunder, wenn sie ihre neuen Bewegungen und Akteure nicht in den nächsten Jahren hervorbrächte – im Guten wie im Bösen. Unter dem offenen Himmel der Geschichte, in Zeiten des Umbaus oder Abbaus von grossen Institutionen kommt es darauf an, in welche Richtung Millionen von Einzelnen sich orientieren. Spannende Zeiten für uns alle, die Bürger der künftigen Weltgesellschaft.

* Mathias Greffrath, 62, ist Soziologe und Journalist. Er war Chefredaktor der Berliner «Wochenpost» und publiziert regelmässig zum Thema Globalisierung.

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