Zum Hauptinhalt springen

Mitten in der Krise ein Gewinner

Der britische Premier Gordon Brown und seine Labour-Partei sind in der Offensive. Wer noch den freien Markt propagiert, hat das Nachsehen.

Während die britische Regierung die Banken rettet, schliessen im schottischen Glasgow die ersten Läden.
Während die britische Regierung die Banken rettet, schliessen im schottischen Glasgow die ersten Läden.
Keystone

Noch vor ein paar Wochen durfte im Regierungsviertel von Nationalisierung nicht gesprochen werden. Die Labour Party unter Gordon Brown wollte sich von der konservativen Opposition nicht in die Ecke der Verstaatlicher drängen lassen. Als voriges Jahr als erste europäische Bank die Hypothekenbank Northern Rock ins Trudeln kam, mühten sich Brown und sein Schatzkanzler Alistair Darling monatelang um eine «private Lösung». Finden konnten sie keine. So einigten sie sich darauf, zu verstaatlichen, aber nicht allzu viel darüber zu reden. Seither ist freilich nicht nur eine zweite Bank, Bradford & Bingley, in staatlichen Gewahrsam genommen worden. Gestern Mittwoch wurde klar, dass die Regierung dem gesamten Bankenwesen aus der Bredouille helfen wird.

Die Tories, leidenschaftliche Fürsprecher des freien Marktes, sicherten der Regierung ihre Unterstützung zu. Eine halbe Billion Pfund stellte die Schatzkanzlei zur Rettung der britischen Banken bereit, von derem reibungslosen Funktionieren die gesamte britische Wirtschaft abhängt.

Ein altes Tabu war gebrochen. Niemand mochte die Massnahme selbst kritisieren. Alles hielt nur bang danach Ausschau, ob sie den Zweck erfüllen würde. Zwar betonten Brown und Darling nachdrücklich, dass sie die Geschäftsführung den kommerziellen Teilhabern überlassen wollten. Aber bestimmte Bedingungen waren an den Deal geknüpft. Mit astronomischen Löhnen für «fat cats» und skrupellosem Bankverhalten sollte Schluss sein. Ob es jemals eine Rückkehr zu den alten Zeiten geben könnte, wusste auch in der City niemand zu sagen.

Im Regierungslager konnte man es gestern noch immer nicht recht glauben. Das letzte Mal, dass Labour die Verstaatlichung der Banken gefordert hatte, war immerhin 1983 gewesen. Das war eine Zeit, in der die damalige Labour-Opposition auch den Austritt aus der Nato forderte und von Europa nicht viel wissen wollte. Eine Zeit, in der linke Vorstösse am eigenen Isolationismus und vor allem an Margaret Thatchers Siegeslauf abprallten und die Partei unter ihrem unglücklichen Vorsitzenden Michael Foot eine katastrophale Niederlage einfuhr. In Erinnerung an dieses Debakel und an zwei weitere bittere Niederlagen hatten sich die Architekten von New Labour davor gehütet, den Wählern weiter mit sozialistischen Forderungen zu kommen.

Tories unter Rechtfertigungszwang

Nun, so viele Jahre später, findet Labour mit einem Mal nicht nur einen Traum seiner Gründer auf unwahrscheinlichste Weise und ohne jegliches Geheul der Kapitalseite in Erfüllung gegangen. Browns Leute staunen auch endlos darüber, wie inmitten der gegenwärtigen Krise die Konservativen mit ins Boot springen. In dieser Woche finden sich die Tories unter Rechtfertigungszwang. Ihr Chef David Cameron hat erhebliche Schwierigkeiten damit, zwischen dem alten Tory-Glauben an freie Marktkräfte und dem aktuellen Volkszorn auf Kapital und Banker einen gangbaren Weg zu finden.

Gordon Brown dagegen, kürzlich schon fast abgeschrieben, hat sich etwas neuen Spielraum geschaffen, indem er den alten Super-Blairisten Peter Mandelson ins Kabinett zurückholte. Fürs Erste sind die Labour-Leute in der Offensive. Die schlimmste Krise seit Kriegsende in Grossbritannien hat ihnen, paradoxerweise, neues Leben eingehaucht.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch