Die Schweiz ist für Frauen eine Karrierewüste

In welchen Ländern haben es Frauen leicht, Karriere zu machen? In welchen werden sie gebremst? Wo steht die Schweiz? Das Wirtschaftsmagazin «The Economist» hat die Antworten.

Schwieriger Weg nach oben: Frauen haben es in der Schweiz nicht leicht, Karriere zu machen.

Schwieriger Weg nach oben: Frauen haben es in der Schweiz nicht leicht, Karriere zu machen. Bild: Clemens Bilan/Keystone

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Gläserne Decke wird die unsichtbare Karrierebremse genannt, an welche Frauen während ihrer Laufbahn früher oder später stossen. Wie hoch oder tief diese Decke hängt, hat das britische Wirtschaftsmagazin «The Economist» in verschiedenen Ländern anhand von unterschiedlichen Statistiken ausgewertet.

Der sogenannte Glass-Ceiling-Index kombiniert und misst verschiedene gewichtete Daten: höhere Bildung, Frauenanteil bei den Erwerbstätigen und im Management, Lohnunterschiede, Mutter- und Vaterschaftsurlaub, Kinderbetreuungskosten.

Das Resultat ist für Frauen in der Schweiz gelinde gesagt ernüchternd: Unter den OECD-Ländern schneidet die Schweiz schlecht ab. Sie liegt weit abgeschieden auf dem viertletzten Rang, weit hinter Ländern wie dem konservativen Ungarn, dem krisengeschüttelten Portugal und dem patriarchal geprägten Italien und Griechenland. Nur in Japan, der Türkei und in Südkorea hängt die gläserne Decke noch tiefer.

An der Spitze der Rangliste liegen wenig überraschend skandinavische Länder. Island, zum ersten Mal im Ranking dabei, erreicht auf Anhieb den ersten Platz. Danach folgen Norwegen, Schweden und Finnland. Aber auch osteuropäische Staaten wie Ungarn und Polen können vorne mithalten.

Schweizer zahlen mit am meisten für die Kinderbetreuung

Frauen in nord- und osteuropäischen Staaten haben verglichen mit Frauen in der Schweiz vor allem bessere Bedingungen, was Mutterschaftsurlaub und Kinderbetreuung anbelangt. So weist die Schweiz gemäss «Economist» neben Grossbritannien und Irland die höchsten Kinderbetreuungskosten auf, welche 41 Prozent eines Durchschnittssalärs ausmachen würden.

Auf vergleichbarer Basis ist der gesetzliche Mutterschaftsurlaub hierzulande mit 14 Wochen ein Bruchteil der bezahlten Kinderzeit, welche Mamas etwa in Skandinavien erhalten.

Papaferien treibt Mamis an die Arbeit

Daneben hat auch der Vaterschaftsurlaub steigenden Einfluss auf die Karriere der Mütter. Studien zeigten, dass in Ländern mit Papaferien Frauen eher auf den Arbeitsmarkt zurückkehrten, der Anteil von Frauen an den Erwerbstätigen höher sei und auch der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen tiefer sei, so der «Economist».

In der Schweiz existiert kein gesetzlicher Anspruch auf bezahlten Vaterschaftsurlaub. Einige Unternehmen wie beispielsweise die Migros gewähren freiwillig Papaferien. Verglichen damit, können Väter in Norwegen fast 10 Wochen Urlaub mit dem Nachwuchs machen.

Und auch was die Lohndifferenz zwischen Norwegen und der Schweiz betrifft, schneidet das skandinavische Land um Längen besser ab. Verdient dort ein Mann rund 6 Prozent mehr als eine Frau in vergleichbarer Position, beträgt der Unterschied hierzulande fast 17 Prozent.

Den geringsten Lohnunterschied weist Ungarn mit knapp 4 Prozent aus. Ungarn kennt zwar nur eine Woche Urlaub für frischgebackene Väter, hat dafür aber eine sehr grosszügige Mutterschaftsversicherung. Neomamas erhalten 71 Wochen lang 100 Prozent ihres letzten Gehaltes.

Verwaltungsrätinnen dünn gesät

Nicht allzu schlecht schlägt sich die Schweiz im «Economist»-Ranking, was die Vertretung von Frauen in höheren Managementpositionen angeht. Der Wert liegt mit einem Frauenanteil von 33 Prozent sogar leicht höher als derjenige in Norwegen.

Dafür scheint in der Schweiz nach dem Topmanagement Schluss zu sein. Gemäss dem «Economist» sind nur gerade 13 Prozent der Verwaltungsräte in der Schweiz Frauen. In Norwegen sind es fast dreimal mehr, in Island sind es sogar weit über viermal mehr.

Aufholbedarf punkto höherer Bildung

Ein Grund dafür dürfte die Ausbildung sein. Das britische Wirtschaftsmagazin bescheidet der Schweiz auch einen vergleichsweise grossen Bildungsunterschied zwischen Männern und Frauen. So liege die Quote von Männern mit einer Hochschul- oder einer höheren Berufsbildung 11 Prozentpunkte über jener Quote bei den Frauen. In Island, wo die Frauen am einfachsten Karriere machen, ist es genau umgekehrt. Dort liegt die Frauenquote 12 Prozentpunkte über der Männerquote. Selbst in Ungarn liegen die Frauen leicht im Vorteil.

Immerhin: Auch in der Schweiz soll sich das Bildungsverhältnis verbessern. Gemäss den jüngsten Berechnungen des Bundesamtes für Statistik sollte hierzulande die Differenz von 11 Prozentpunkten zwischen Frauen und Männern beim Anteil Personen mit einem Hochschulabschluss oder einer höheren Berufsbildung in den nächsten 15 Jahren unter 5 Prozentpunkte sinken und danach vollständig verschwinden. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.03.2016, 14:36 Uhr

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