Die Mobiliar macht einen Rückzieher

Wegen Kritik von Kunden kündigt die Versicherung ihre Mitgliedschaft bei der Lobbyorganisation der AKW-Betreiber.

Die Mobiliar teilt mit, dass sie wieder aus dem Nuklearforum austreten werde.

Die Mobiliar teilt mit, dass sie wieder aus dem Nuklearforum austreten werde.

(Bild: Keystone)

Adrian Sulc@adriansulc

Für die Mobiliar war es gemäss eigenen Angaben eine rein technische Angelegenheit: Sie trat letztes Jahr dem Nuklear­forum bei, der politischen Organisation der AKW-Betreiber und Kernkraft-Befürworter. Die Berner Versicherung erhoffte sich von der Mitgliedschaft Brancheninformationen aus erster Hand. Denn sie versichert zusammen mit anderen Instituten die Schweizer Atomkraftwerke. Als der «Bund» den Beitritt Anfang Oktober publik machte, betonte die Mobiliar, es handle sich nicht um eine politische Aussage für die Atomkraft.

Doch nicht alle Kunden der Mobiliar sahen den Beitritt zum Nuklearforum als unpolitischen Akt an. Einige von ­ihnen protestierten gegen den Beitritt und stellten der Mobiliar die Kündigung ihrer Policen in Aussicht. In ihren Antwortschreiben verteidigte die Mobiliar den Beitritt und wollte Verständnis dafür wecken, dass es sich um eine nicht politisch gemeinte Mitgliedschaft handelt.

«Wir sind nicht durchgedrungen»

Anfang dieses Monats vollzog die Versicherung dann aber eine Kehrtwende. Den Kunden, die ihre Police künden wollten, teilte die Mobiliar mit, dass sie wieder aus dem Nuklearforum austreten werde. «Wir sind mit unseren Argumenten bei der Kundschaft nicht durchgedrungen», sagt Mobiliar-Sprecher Jürg Thalmann, «weshalb wir unsere Position überprüft und uns für den Austritt entschieden haben.»

Das Nuklearforum ist für Atomkraftgegner ein rotes Tuch. Denn die Organisation, die von der PR- und Lobbying-Agentur Burson-Marsteller geführt wird, ist mehr als ein Branchenverband. So kämpft sie aktiv gegen Doris Leuthards Energiestrategie 2050, welche ein Verbot neuer AKW vorsieht. «Klimapolitik: Kernenergie ist Teil der Lösung», teilte das Nuklearforum beispielsweise gerade gestern mit, um im Vorfeld des Pariser Klimagipfels für die Kernenergie zu werben.

Finanziell schmerzt der Austritt der Mobiliar das Nuklearforum nicht: Der Jahresbetrag der Versicherung betrug 4500 Franken. Die Organisation verfügte letztes Jahr über ein Budget von 2,8 Millionen Franken. Mit der Nationale Suisse hat das Nuklearforum dieses Jahr jedoch noch eine zweite Versicherung als Mitglied verloren. Die Nationale wurde von der Helvetia geschluckt. Bei der Helvetia steht ein Beitritt «derzeit nicht zur Diskussion», wie das Unternehmen auf Anfrage mitteilt.

Auch die Axa prüft einen Austritt

Damit bleiben zwei Versicherer Mitglied des Forums: Die Allianz Suisse und die Axa Winterthur. Die Allianz reagierte nicht auf eine Anfrage des «Bund». Die Axa Winterthur schreibt: «Eine politische Absicht oder ein Lobbying ist nicht Ziel unserer Mitgliedschaft. Aus diesem Grund überprüft Axa Winterthur die weitere Mitgliedschaft im Nuklearforum bis Ende Jahr.» Die Versicherung betont zudem, dass sie «bereits heute 100 Prozent ihres Strombedarfs aus erneuerbaren Energien deckt».

Auch die Axa begründet ihre Beteiligung am Nuklearforum damit, dass die AKW-Betreiber zu ihren Versicherungskunden gehörten. Die AKW-Betreiber sind gesetzlich dazu verpflichtet, pro Kraftwerk eine Haftpflichtversicherung mit einer Haftungssumme von 1??Milliarde Franken abzuschliessen. Nächstes Jahr wird die Deckungssumme auf 1,3??Milliarden erhöht. Zudem benötigen die Betreiber eine Sachversicherung für die fünf Kraftwerke, eine Art AKW-Gebäudeversicherung. Versicherungswert: je mehrere 100 Millionen Franken.

Um Policen dieser Grössenordnung auszustellen, arbeiten alle grösseren Schweizer Versicherer im Schweizer Pool für die Versicherung von Nuklearrisiken zusammen. Die Mobiliar ist dort bei der Sachversicherungs-Police federführend. Trotz Atomausstieg: So bald werden diese Kunden nicht wegfallen: «Die AKW benötigen einen Versicherungsschutz, bis sie stillgelegt und vollständig abgebaut sind», sagt Mobiliar-Sprecher Thalmann.

Der Bund

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