Die Lohnschere schliesst sich wieder ein wenig

Die Unterschiede zwischen Top- und Tieflöhnen werden geringer, ebenso die Lohndifferenz zwischen Mann und Frau. Das zeigen die Resultate der neuesten Lohnstatistik für 2014.

Trotz harter Arbeit: Im Baugewerbe sind die Löhne immer noch tief. Foto: Sabine Rock

Trotz harter Arbeit: Im Baugewerbe sind die Löhne immer noch tief. Foto: Sabine Rock

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Dem Chefökonomen des Gewerkschaftsbundes (SGB) Daniel Lampart schien es gestern an der Pressekonferenz des Bundesamtes für Statistik (BFS) in Bern ungemütlich zu sein. Im Chor mit den Arbeitgebern und Vertretern des Bundes musste er Resultate der neusten Lohnstatistik loben, die dem Gewerkschaftsbund politisch gegen den Strich gehen: Der Lohnunterschied zwischen Mann und Frau hat sich verringert. Die Zahl der Tieflohnbezüger ist gesunken, das Auseinanderdriften von Manager- und Tieflöhnen erfährt eine Trendwende. Die Lohnschere schliesst sich leicht.

Lohngefälle Mann - Frau

Grundlage ist eine zweijährlich durchgeführte Umfrage bei 32'000 Unternehmen zu Löhnen und Anstellungsmerkmalen von 1,6 Millionen Angestellten. Publiziert sind vorerst nur die Resultate für die Privatwirtschaft, die für den öffentlichen Sektor folgen später. Die Löhne sind umgerechnet auf eine 40-Stunden-Woche (Vollzeitjob):

Im Privatsektor verdienen Frauen im Mittelwert 15,1 Prozent weniger als Männer. Der Wert ist ein Fünftel tiefer als 2012. Damals hatte der Unterschied 18,9 Prozent betragen. Dieser Wert ­benennt allerdings nicht, was Statistiker unter Lohndiskriminierung verstehen. Männer belegen häufiger als Frauen gut bezahlte höher qualifizierte Jobs.

Tieflohnbezüger

370'000 Personen verdienten weniger als 4126 Franken pro Monat. Sie gehören auch zu den 10 Prozent, die am wenigsten verdienen. Ihre Zahl hat von 10 auf 8,9 Prozent abgenommen. Genau zwei Drittel der Tieflohnbezüger sind Frauen. In der Statistik fehlen allerdings ­­– ohne befriedigende Erklärung – Haushaltsangestellte und Landwirte. Diese eingeschlossen, wären es mehrere Zehntausend mehr.

Manager- und Tieflöhne

Verglichen wird der mittlere Lohn der 10 Prozent der am besten Verdienenden mit dem der am wenigsten Verdienenden. Die Lohnsumme der Topsaläre stieg im Zeitraum 2008 bis 2014 um 3,6 Prozent, die der Tieflöhner um 9,1 Prozent. Das heisst, die Tieflöhne legten nominal dreimal stärker zu als die Topsaläre. Der Mittelstand verdiente – gemessen am mittleren Lohnabschnitt – um 6,8 Prozent mehr. Diese Werte sind nominal, also einschliesslich der Inflation.

Die Resultate landen mitten im politisch verminten Feld der Lohngleichheitsdebatte und widersprechen der häufig gehörten Aussage – auch auf rechter Seite –, dass die EU-Einwanderung und die grosse Zahl der Grenzgänger die Löhne nach unten drücke und der Mittelstand zu den Verlierern gehöre. Das Gegenteil ist offenbar der Fall.

Zum anderen widerspricht die Statistik den Behauptungen, dass die Lohndiskriminierung zwischen Mann und Frau weiter anhalte. Im Gegenteil: Der Wert ist seit 1994 noch nie so stark gesunken wie diesmal. Der politisch relevante Wert des unerklärten Lohnunterschieds (sprich Diskriminierung) wird in einer separaten Auswertung im Frühjahr ­publiziert. Er dürfte stark sinken.

Der Lohnforscher von der Universität Genf, Roman Graf sagt, unklar sei, ob mehr besser gebildete Frauen solche ersetzten, die schlecht ausgebildet waren und jetzt in Pension gingen. Oder ob Frauen jetzt wirklich stark beim Lohn zugelegt hätten. Möglich sei, dass die deutliche Lohnzunahme bei den Tieflöhnen vor allem Frauen zugutegekommen sei. Lohnforscher George Sheldon sagte, der Lohnunterschied nehme dann ab, wenn «die Art der Anstellungen und Tätigkeiten» sich zwischen Männern und Frauen annähere.

Ohne Kapitaleinkommen

Auch die sich leicht schliessende Lohnschere zwischen Top- und Tieflöhnen steht im vermeintlichen Widerspruch zur Beobachtung gewisser führender Ökonomen, etwa Thomas Piketty, die Welt werde seit der Globalisierung immer ungerechter. Reiche würden schneller reich, als Arme dazuverdienten. Aber Piketty verglich den Vermögenszuwachs weltweit, von dem vor allem Altreiche, Unternehmer und Topmanager profitierten, indem sie auf Firmen setzten, die seit der Jahrtausendwende ein Vielfaches an Börsenwert hinzugewonnen haben.

Die gestern vorgestellten Zahlen betreffen nur Schweizer Löhne und nicht Kapitaleinkommen. Der Leiter der Direktion für Arbeit beim Bund, Boris Zürcher, frohlockte, die tolle Botschaft sei, dass die «Schweiz sich die tiefe Arbeitslosigkeitsrate trotz des harten Frankens nicht mit tieferen Löhnen erkaufen» müsse.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.11.2015, 22:18 Uhr

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