«Die Chancen stehen gut, dass wir in Bern weiter investieren»

Paul Perreault, der Chef des australischen CSL-Konzerns, sagt, weshalb das Unternehmen ausgerechnet in Bern ausbaut – und was er an den Berner Angestellten schätzt.

Paul Perreault auf der Baustelle im Wankdorf: «Präzision ist Teil der Schweizer Kultur.»

Paul Perreault auf der Baustelle im Wankdorf: «Präzision ist Teil der Schweizer Kultur.» Bild: Raphael Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Perreault, in Bern arbeiten 1500 Ihrer 20000 Angestellten. Wie oft sind Sie hier?
Dieses Jahr ist es bereits mein zweites Mal. Ich versuche, alle unsere Fabriken mindestens einmal pro Jahr zu besuchen.

Kennen Sie auch die Stadt oder nur das Hotelzimmer?
Ein wenig kenne ich Bern schon. Ich war schon viele Male hier. Ich mag die Architektur und die ländliche Atmosphäre von Bern.

Der CSL-Konzern baut das Werk im Berner Wankdorf für 250 Millionen Franken aus – weshalb gerade hier?
In der Schweiz gibt es das nötige Wissen, die Fähigkeiten, das Engineering. Präzision ist Teil der Kultur. Das ist wichtig für uns, denn unsere Projekte müssen pünktlich und präzise ausgeführt werden. Unser Berner Werk führt Projekte vorbildlich durch – wir haben Mitarbeitende von hier in unsere Fabriken in anderen Ländern geschickt, damit dort von Bern gelernt werden kann. Ein anderer Faktor ist die gute Zusammenarbeit von Stadt, Kanton und Bund, wenn es darum geht, uns bei Ausbauprojekten zu unterstützen.

Weshalb bauen Sie die neuen Produktionslinien nicht an Ihrem Hauptsitz im australischen Melbourne?
Australien ist ein guter Ort, doch er liegt weit weg von unseren wichtigsten Märkten. Wir haben die Fabrik in Melbourne aber bereits mit der gleichen Anlage wie hier ausgebaut. Wegen der Risikostreuung ist es gut, mehrere Werke zu betreiben.

Eine noch deutlich grössere Investition als in Bern tätigen Sie derzeit im bernischen Lengnau: Dort baut die CSL Behring für eine Milliarde Franken eine Biotechfabrik. Wie stark wurden Sie dafür von den Behörden umworben?
Wir hatten uns unter anderem Standorte in der Schweiz, in Irland, Singapur und Australien angesehen. Schlussendlich ging es weniger um das Angebot der jeweiligen Behörden als um die Expertise, welche die CSL in der Schweiz bereits hatte. In Singapur und Irland haben wir keine Fabriken. Ich kann Ihnen sagen, dass die beiden Länder sehr gute finanzielle Angebote gemacht haben.

Um in der Schweiz qualifiziertes Personal zu finden, müssen Sie mitunter die höchsten Löhne der Welt bezahlen . . .
Die Löhne steigen überall auf der Welt. Man muss es langfristig sehen und die Risiken und Kosten abwägen. Wir schauen nicht nur auf einen Faktor, wenn wir einen Standort auswählen. Klar, in der Schweiz müssen wir etwas bezahlen, aber wir erhalten dafür auch hohe Qualität.

Für die neue Fabrik in Lengnau haben Sie eine 100-prozentige Steuererleichterung während 10 Jahren erhalten. Gilt das nun auch für den Ausbau in Bern?
Wir haben bereits Steuervereinbarungen mit dem Kanton und der Stadt Bern, der Ausbau ist Teil davon.

Bundesrat Johann Schneider-Ammann sagte bei der gestrigen Grundsteinlegung für den Fabrikausbau, dass die Schweiz «fast alles» für Ihr Unternehmen mache. Müssen Sie mit den Behörden überhaupt noch verhandeln?
Es gibt immer Verhandlungen. Aber es war bisher eine sehr, sehr gute Zusammenarbeit. Wie gesagt, es geht nicht nur um finanzielle Anreize. Beispielsweise sind die Mitarbeitenden hier nicht ständig auf der Suche nach einem neuen Job. Diese Stabilität ist gut für uns.

Bern ist ja wirtschaftlich nicht die dynamischste Region der Schweiz. Weshalb investieren Sie nicht in Zürich, Basel oder am Genfersee?
Wir müssen unsere eigene Rechnung machen. Hier haben wir schon eine Fabrik und qualifiziertes Personal. Deshalb ist ein Ausbau in Bern für uns ökonomisch sinnvoll.

Beim Neubau in Lengnau gab es einen Planungsstopp. Wird die Fabrik jetzt anders gebaut als vorgesehen?
Als wir das Werk geplant haben, gingen wir davon aus, in Lengnau drei Medikamente herzustellen. Eines davon werden wir nun nicht produzieren, dafür haben wir neue Projekte. Der Ausbau könnte also langsamer geschehen als geplant.

Im Wankdorf könnten Sie weiteres Land vom Bund im Baurecht übernehmen – wird es bald einen nächsten Ausbau geben?
Wir haben auch bei unseren anderen Fabriken noch Platz. Aber die Chancen stehen gut, dass wir in Bern weiter investieren.

Die CSL schreibt riesige Gewinne, baut Fabriken und stellt viel neues Personal ein. Was, wenn ein Konkurrent plötzlich bessere Produkte entwickelt?
Die Hürden für neue Wettbewerber sind sehr hoch: Für die Verarbeitung von Blutplasma braucht man grosse Fabriken. Zudem benötigen wir Spendezentren, um das Blutplasma zu sammeln. Künstlich kann man es nicht herstellen. Zudem haben wir ja nicht nur Blutplasma-Produkte. In Lengnau werden wir mittels Gentechnik Medikamente herstellen.

Wenn es Ihnen hier so gefällt: Überlegen Sie sich, den Konzernsitz von Australien in die Schweiz zu verlegen?
Ich glaube nicht, dass die Angestellten gerne umziehen würden. Und weil die CSL einst vom australischen Staat gegründet wurde, wurde bei der Privatisierung festgelegt, dass sich der Hauptsitz in Australien befinden muss. (Der Bund)

Erstellt: 11.09.2018, 06:39 Uhr

Grundstein für Ausbau der CSL Behring im Wankdorf gelegt

Wenn jemand in Bern eine Viertelmilliarde Franken investiert und 50 neue Arbeitsplätze schafft, kommen sie alle: Bundesrat Johann Schneider-Ammann, Regierungsrat Christoph Ammann, Ständerat Hans Stöckli, Stadtpräsident Alec von Graffenried. Der gestrigen Grundsteinlegung im Berner Wankdorf wohnten auch der gesamte CSL-Verwaltungsrat und Konzernchef Paul Perreault bei. Der 61-jährige US-Amerikaner führt das australische Unternehmen seit fünf Jahren und ist damit Chef von weltweit 20000 Angestellten.

Der Anbau im Wankdorf wird zwei Produktionsstrassen für die CSL-Medikamente Privigen und Hizentra beherbergen. Die beiden aus Blutplasma gewonnenen Präparate helfen Patienten mit Immundefekten. Während der Konzern nur CSL heisst, trägt die grösste Tochterfirma den Namen CSL Behring – dazu gehören die Fabrik in Bern und das sich im Bau befindliche Werk in Lengnau. (sul)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Das Potenzial von Megatrends nutzen

Thematisches Investieren setzt sich neben regionalem und sektoriellem Anlegen immer mehr durch.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss So einfach geht gute Verdauung

Zum Runden Leder Weniger Werbung

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...