Deutscher übernimmt UBS Schweiz

Der langjährige Commerzbank-Chef Martin Blessing zieht in den Vorstand der Grossbank ein. Intern werden ihm gute Chancen gegeben, dereinst Konzernchef Sergio Ermotti zu beerben.

Ende April trat Martin Blessing als Chef der Commerzbank zurück – jetzt wechselt er zur UBS.<br>Foto: Martin Leissl (Bloomberg)

Ende April trat Martin Blessing als Chef der Commerzbank zurück – jetzt wechselt er zur UBS.
Foto: Martin Leissl (Bloomberg)

Martin Blessing wird im Sommer 53. Kurz darauf wird der Deutsche das Kommando bei der UBS Schweiz übernehmen, wie der Finanzkonzern gestern bekannt gab. Damit erhält ein Deutscher ohne Bezüge in die hiesige Wirtschaft und Politik den Spitzenjob jenes Bereichs, der für das Land zentral ist und der in den letzten Jahren die stabilsten Gewinnbeiträge geliefert hatte.

So sehr Blessing der Schweizer Stallgeruch fehlt: Ein Unbekannter ist er für die UBS nicht. Vor 3 Jahren hatte die Bank bereits eine Pressemitteilung verfasst, wonach Blessing das Europageschäft des Finanzmultis übernehmen würde. Dann kam überraschend die Absage aus Deutschland. Berlin habe ihn zum Bleiben bewogen, begründete Blessing damals seinen Verzicht.

Nachtragend war aber niemand. Blessing blieb jedenfalls Wunschkandidat von UBS-CEO Sergio Ermotti, wie man nun sieht. Die beiden kennen sich. Ermotti war in seiner Zeit als Spitzenmann der italienischen Grossbank Unicredit, die in Deutschland Mitte der 2000er-Jahre die HVB erworben hatte, immer wieder mit Blessing zusammengekommen. Der sass zu jener Zeit in der Geschäftsleitung der Commerzbank. Das Institut, hinter der Deutschen Bank die Nummer zwei in Deutschland, zählt weltweit 50'000 Mitarbeiter und 15 Millionen Kunden.

Aus einer Finanzfamilie

Auch bei UBS-Präsident Axel Weber hat Marin Blessing einen dicken Stein im Brett. Aus dem Innern der Grossbank ist zu vernehmen, dass Weber Blessing vor 3 Jahren unbedingt in seinen Verwaltungsrat holen wollte. Wie beim Job fürs Europa­geschäft soll Blessing auch für den Sitz im Verwaltungsrat kurzfristig abgesagt haben.

Blessing übernahm 2008 das CEO-Steuer. Im gleichen Jahr kaufte er von der Allianz-Versicherung die Dresdner Bank. Der Deal, eingefädelt noch von seinem Vorgänger, sollte sich als teure Expansion herausstellen. Vor allem das Kreditbuch der Dresdner wurde zum Mühlstein und kostete die Commerzbank viel Substanz. Mit 18 Milliarden Euro musste der Staat einspringen. Blessing überlebte die Rettung. Die deutsche Regierung sah in ihm eine verlässliche Stütze. Das könnte auch mit Blessings Herkunft zusammenhängen. Sein Grossvater war in den 50ern und 60ern Chef der Deutschen Bundesbank, der Notenbank des Landes, sein Vater sass später in der Konzernleitung der Deutschen Bank, und selbst seine Frau ist in der Finanzbranche tätig und arbeitet für die US-Grossbank J. P. Morgan. Blessing hatte seinen Weg vom Beratungsunternehmen McKinsey über die Dresdner Bank zur Commerzbank gemacht.

Auf globaler Ebene gehörte er damals nicht zu den Stars. Das waren damals Josef Ackermann von der Deutschen Bank, Oswald Grübel bei der CS und später der UBS, John Mack und Brady Dougan als CS-Investmentbanker. «Man kannte ihn, er war einer, der auch dabei war», sagt ein hoher Schweizer Banker. «Aber er gehörte nicht zu den Grossen.»

«Pass war nicht entscheidend»

Der Job als Schweizer Chef könnte für Blessing Sprungbrett für die nächste Station sein; jene des CEO der UBS. Die Bank zählt mit weit über 2000 Milliarden verwalteten Kundenvermögen zu den grössten Wealth-Management-Häu­sern der Welt. Chef der globalen UBS – das wäre der wahre Sprung für Blessing. Allein fürs Schweizer Geschäft hätte er den Spitzenjob der Commerzbank nicht aufgeben müssen. Dafür wären Kandidaten mit Schweizer Bezug geeigneter.

Dass kein Schweizer und kein Interner die Nachfolge des erfolgreichen Lukas Gähwiler übernimmt, habe seinen Grund, meinte ein Sprecher der UBS auf Anfrage. «Für die Wahl war nicht der Pass entscheidend, sondern die Quali­fikation.» Die Bank habe sich «für den aus unserer Sicht besten Kandidaten entschieden».

Das Nachsehen hat Christine Novakovic, die Nummer zwei hinter Gähwiler, die sich seit 5 Jahren um die Firmenkunden kümmert und seit 2 Jahren zusätzlich auch die Leitung des Schweizer Investmentbanking innehat. Auch Christian Wiesendanger, der Chef des Schweizer Private Banking, muss seine Ambitionen auf den inländischen Chefjob vorläufig zur Seite schieben. Schliesslich wäre noch Sabine Keller-Busse in Frage gekommen, eine Deutsche mit Zweitpass Schweiz, die seit Mitte 2014 oberste Personalchefin ist und seit Anfang dieses Jahres in Ermottis Konzernleitung sitzt. Ihr Handicap war die fehlende Banken-Fronterfahrung.

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