War es das wert? Firmenretter Ziegler hat seinen Ruf ruiniert

Warum nutzte der Profi-Verwaltungsrat Hans Ziegler seine Kenntnisse, um sich selbst zu bereichern?

Hans Ziegler soll mehr Unternehmen von innen gesehen haben als die meisten Manager, so die «Bilanz». Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Hans Ziegler soll mehr Unternehmen von innen gesehen haben als die meisten Manager, so die «Bilanz». Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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Mark Branson versteht in diesem Punkt keinen Spass. «Insiderhandel und Marktmanipulation sind keine Kavaliers­delikte», sagt der Chef der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht Finma. Das illegale Verhalten verzerre den Preisbildungsmechanismus an den Börsen und beschädige das Vertrauen. Das wirke sich negativ auf die Wohlfahrt aus, argumentierte er kürzlich bei einer Veranstaltung. Deshalb geht seine Behörde Verdachtsfällen rigoros nach.

Dabei gibt es immer mehr zu tun. «Wir sehen eine steigende Tendenz», so Branson. Ob dies mit besseren Überwachungsmöglichkeiten oder mit rücksichtsloserem Verhalten der Akteure zu tun hat, liess er offen. Bei der Finma sind mehrere Personen mit der Marktaufsicht beschäftigt. Sie durchleuchteten letztes Jahr sieben Millionen Transaktionen, in verdächtigen Zeiträumen oder auffälligen Marktkonstellationen.

1,4 Millionen Franken sind weg, eingezogen von der Finma. Und weg ist auch das Renommee aus zwei Jahrzehnten.

Dabei helfen ihnen Softwarelösungen, die verdächtige Muster bei Transaktionen markieren – seien es aussergewöhnliche Veränderungen oder Handelsvolumina. «Die Tools, die unseren Spezialisten zur Verfügung stehen, haben sich generell verbessert», so Branson. Das hilft den Ermittlern, trotz steigender Datenmenge krumme Geschäfte aufzudecken. «Die Spuren in den Daten bleiben», so Branson.

Gleichzeitig ist ein Team bei der Schweizer Börse aktiv. So gibt es eine doppelte Kontrolle. Die Leute von der SIX Swiss Exchange liefern der Finma rund 60 Prozent aller Hinweise. 20 Prozent der Inputs kommen von ausländischen Behörden. Die restlichen 20 Prozent fallen den Finma-Spezialisten selbst auf oder stammen von Whistleblowern.

Mit dem Erkennen verdächtiger Transaktionen ist es nicht getan. Danach ermitteln die Finma-Leute die Personen, die hinter den Börsenaufträgen stehen Sie müssen dazu bei den Banken die Kundendaten abfragen. 2016 wurde das 600'000-mal gemacht. Danach werden Verhaltensmuster analysiert. In 500 Fällen leiteten sie vertiefte Abklärungen ein. «Es ist noch immer viel Handarbeit», so ein Finma-Sprecher.

Nächstes Jahr wird die Arbeit für die Finma-Ermittler einfacher. Ab 2018 werden die Kundendaten automatisch übermittelt. «Quasi auf Knopfdruck können wir dann im Verdachtsfall analysieren, welches Handelsverhalten Personen an den Tag legen und ob sie manipulative Strategien anwenden», so Branson. Insgesamt sei das «eine schlechte Nachricht» für alle Unredlichen.

Wenn die Arbeit der Finma endet, beginnt sie für die Bundesanwaltschaft. Sie muss das Verhalten der Täter beurteilen und am Ende Anklage erheben. Ihnen drohen bei einer Verurteilung bis zu fünf Jahre Gefängnis. Seit 2013 gab es in der Schweiz acht rechtsgültige Urteile.

Waren es die 1,4 Millionen Franken wirklich wert? Mit dieser Frage dürfte Hans Ziegler (65) sich spätestens seit letztem November das Hirn zermartern. Damals sickerte durch, dass die Finma gegen ihn ein Verfahren wegen Insiderhandels führt und bei der Bundesanwaltschaft eine Strafanzeige eingereicht hat.

Der «Troubleshooter»

Gestern orientierte die Finma, was ihr Verfahren ergeben hat: Hans Ziegler hat zwischen 2013 und 2016 in elf Fällen bei sechs verschiedenen börsenkotierten Firmen verbotenerweise Insider­informationen für eigene Aktiengeschäfte genutzt und damit einen Gewinn von 1,4 Millionen Franken eingestrichen. Die Aufsichtsbehörde spricht von einem «gravierenden Fall». Gut möglich, dass noch weitere illegale Deals auftauchen. Denn nun laufen auch Ermittlungen der Bundes­anwaltschaft.

Die 1,4 Millionen Franken sind weg, eingezogen von der Finma. Und weg ist auch das Renommee von Ziegler, das sich der von Weggefährten als «eher knorrig» umschriebene Mann in den letzten zwanzig Jahren aufgebaut hat. In den Medien wurde er als «Traummann für komplizierte Fälle und turbulente Zeiten» gerühmt, als «Troubleshooter», der lieber in stürmischen Wellen segelt als auf ruhiger See. Bereits 2009 stellte die «Bilanz» in einem Porträt fest: «Hans Ziegler hat mehr Unternehmen von innen gesehen als die meisten Manager.»

«Wer Hans Ziegler ruft, hat ein grösseres Problem», lautet eine andere Charakterisierung, die immer mal wieder in den Medien auftauchte. Es riefen Interdiscount, die Winterthurer Erb-Gruppe, die Kleiderkette Charles Vögele, Elma Electronic, Schlatter, Swisslog, OC Oerlikon, um nur eine Auswahl zu nennen. Es war die Zerschlagung und der Verkauf der Erb-Gruppe, die ihm schweizweit den Titel des Sanierers eintrug. Fortan wurde er auch gerne Hans «der Sanierer» Ziegler genannt. Eine eindrückliche Karriere für Ziegler, der eine kaufmännische Lehre bei der Gemeindeverwaltung in Wald ZH gemacht und sich auf dem zweiten Bildungsweg das berufliche Rüstzeug geholt hatte.

Seine Erfolge

Als «unverfroren» und «unkonventionell», als «messerscharfer Analytiker», der die Probleme in den Unternehmen offen angesprochen habe, wird er von Beobachtern beschrieben. Als Ziegler sich 2009 an die Sanierung des OC-Oerlikon-Konzerns machte, nannte ihn die «Bilanz» einen «Brachialsanierer», der mit einer «Drahtbürste» durch die Konzernzentrale in Pfäffikon SZ gefegt sei. Die Erfolge des Sanierers? Seine Erfolgsbilanz, schrieb die «Finanz und Wirtschaft» 2011, sei «schwer zu lesen, schwerer vielleicht als die Bilanzen, die (er) sanierte».

Mit den verbotenen Insidergeschäften rückt diese wichtige Frage in den Hintergrund. Denn jetzt drängt das Bild eines Managers nach vorne, der das intime Wissen aus seinen Aktivitäten als Sanierer und Verwaltungsrat für verbotene Deals nutzte. Wer so viele wertvolle Informationen habe, müsse einen «gefestigten Charakter» haben, um den Verlockungen nicht zu erliegen, beschreibt ein Berater die Situation. Ziegler erlag der Versuchung. Gemäss Finma kaufte er jeweils vor Bekanntgabe von Übernahmen und positiven Geschäftsergebnissen, vor wichtigen strategischen Entscheiden und vor Verkäufen von Unternehmensteilen. In einem Fall wettete er auf sinkende Kurse eines Unternehmens, in dem er tätig war. Der Sanierer versilberte das absehbare Scheitern. Bei alledem beachtete er die von den Firmen verhängten Handelssperrperioden nicht und verschwieg die Transaktionen, obwohl er sie als Mitglied des Managements zuhanden der Börsenbehörden hätte melden müssen.

Der «bescheidene» Gewinn

Ziegler betrachtete sich offenbar als ­unverwundbar, obwohl die Insider­strafnorm in den letzten Jahren deutlich verschärft und die Aufsichts- und ­Ermittlungsbehörden mit mehr Tempo Insiderfälle verfolgen.

Was den Sanierer besonders ärgern dürfte: Mehrere vom TA angefragte Wirtschaftsberater mokierten sich über den « bescheidenen» Gewinn, den er mit seinen Deals erzielte und für den er seine Reputation aufs Spiel setzte.

Mit welchen sechs Unternehmen er an der Börse spekulierte, ist nicht bekannt. Auf Anfrage erklärte ein Oerlikon-Sprecher: «Oerlikon kooperiert eng mit der Behörde in dieser Angelegenheit.» Oerlikon und Schmolz + Bickenbach waren bis letzten November die letzten Mandate, die Ziegler noch hielt. Weg ist nun auch sein Beratervertrag bei der weltweit tätigen US-Beraterfirma Alix, wie der Schweizer Alix-Ableger auf Anfrage erklärte. Hans Ziegler war für den TA am Freitag nicht zu sprechen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.06.2017, 22:47 Uhr

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