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Der Mann, der die Migros fit trimmen muss

Auf Anfang Jahr hat Fabrice Zumbrunnen den Chefsessel übernommen. Der bisher jüngste Chef des Grossverteilers muss den Konzern besser für die Zukunft aufstellen.

Steht für einen neuen Führungsstil: Fabrice Zumbrunnen. Foto: PD
Steht für einen neuen Führungsstil: Fabrice Zumbrunnen. Foto: PD

Seit Fabrice Zumbrunnen Anfang Jahr den Chefposten beim grössten Schweizer Detailhändler übernommen hat, zeichnet sich im Unternehmen ein Kulturwandel ab. Herbert Bolliger, sein Vorgänger an der Migros-Spitze, galt als direkt bis ruppig. An Sitzungen sei er bisweilen aufbrausend gewesen, berichten Insider. Auch die Medien bekamen sein Temperament zu spüren: An der Jahresmedienkonferenz kam es vor, dass er einen anwesenden Journalisten öffentlich abkanzelte. Der Westschweizer Fabrice Zumbrunnen stehe für einen anderen Führungsstil, sagen Vertraute und heben seine menschlichen Qualitäten hervor. Er könne gut zuhören und gehe auf die Anliegen der Mitarbeiter ein. Gerade weil er kein technokratischer Manager sei, der nur auf Bilanzen und Erfolgsrechnungen achte, werde er intern und extern geachtet, heisst es.

Mit seinen 48 Jahren ist Zumbrunnen der bisher jüngste Migros-Chef – und der erste Westschweizer seit dem legendären Pierre Arnold, der von 1976 bis 1984 die Geschicke des Grossverteilers verantwortete. Fast sein ganzes Arbeits­leben verbrachte Zumbrunnen beim orangen Riesen. Das ist allerdings nicht untypisch für Migros-Manager. Die Verweildauer des Kaders ist gewöhnlich hoch. Herbert Bolliger beispielsweise arbeitete 32 Jahre für die Migros.

Eine rasante Karriere

Im Jahr 2001 stieg Fabrice Zumbrunnen bei der Genossenschaft Migros Neuenburg-Freiburg ein: Zuerst war er Verkaufschef, danach leitete er das Marketing und die Logistik. 2005 wurde er bereits zum Geschäftsleiter gewählt. Einen Namen gemacht hat sich Zumbrunnen während dieser Aufgabe 2011 mit dem Umbau des maroden Neuenburger Marin Centre zum modernen und neuntgrössten Einkaufszentrum der Schweiz. Nach diesem Erfolg wurde Zumbrunnen 2012 in die Generaldirektion des Migros- Genossenschafts-Bunds (MGB) nach Zürich befördert.

Neuenburg-Freiburg gehört zu den kleinsten Genossenschaften des Detailhandelsriesen. Als Zumbrunnen an den Zürcher Limmatplatz wechselte, setzte sie gerade mal 770 Millionen Franken um. Der Gesamtkonzern kommt auf einen Umsatz von 28?Milliarden Franken. Beim MGB befasste sich Zumbrunnen intensiv mit dem Gesundheitsmarkt. Er baute einen grossen Teil des Migros-Gesundheitsdossiers auf und lancierte die digitale Gesundheitsplattform Impuls. Zuletzt hat die Migros vor allem in Gruppenpraxen investiert: Sie kaufte vor drei Jahren 70 Prozent der Anteile an den Santémed-Gruppenpraxen der Krankenkasse Swica. Mit Medbase hatte die Migros bereits Gesundheitszentren und konnte diese mit dem Kauf um 23 Gesundheitspraxen erweitern. Für den Grossverteiler bietet der Gesundheitsmarkt eine gute Ergänzung, weil hier das Wachstum grösser ist als im hart umkämpften Detailhandel.

«Zumbrunnen hat ein exzellentes Gespür für Menschen, und dieses Interesse ist authentisch.»

Damien Piller, Anwalt

Dass Zumbrunnen die Wahl zum Migros-Chef geschafft hat, war eine Überraschung. Er galt als Aussenseiter. Favorit war Jörg Blunschi, Leiter der Migros Zürich. Laut Insidern soll Zumbrunnen nur knapp gewonnen haben.

Mit Journalisten will der neue Migros-Chef vor Ablauf seiner ersten 100 Tage im Amt noch nicht sprechen. Auch sonst will kaum jemand über ihn öffentlich etwas sagen. Eine Ausnahme ist sein Förderer Damien Piller. Der Freiburger Anwalt sitzt seit 1992 im Verwaltungsrat der Migros Neuenburg-Freiburg und lernte Zumbrunnen kennen, als dieser 2001 bei der Genossenschaft als Verkaufschef einstieg. «Zumbrunnen ist ein brillanter intellektueller Typ, ein Analytiker. Er hat ein exzellentes Gespür für Menschen, und dieses Interesse ist authentisch», sagt Piller und nennt ein Beispiel. Als im Rahmen einer Umstrukturierung im Jahr 2008 viele Mitarbeiter des zur Migros-Gruppe gehörenden Fleischverarbeiters Micarna den Job verloren haben, habe Zumbrunnen für alle 40 Mitarbeiter eine neue Stelle gesucht.

Der neue Migros-Chef sei kein Selbstdarsteller, man könne ihm indes fehlende Reisserqualitäten ankreiden, sagt eine andere Person, die ihn gut kennt, jedoch nicht mit dem Namen in der Zeitung stehen will. Damien Piller entgegnet: «Fabrice Zumbrunnen sucht das Rampenlicht nicht. Er ist etwas ungeduldig, eher schüchtern und zurückhaltend.» An gesellschaftlichen Anlässen war er bisher praktisch kaum anzutreffen. «Wenn er aber muss, dann präsentiert er sich hervorragend», sagt Piller. Der verheiratete Vater zweier Kinder sei ein Sprachtalent und kommuniziere problemlos auf Deutsch, Französisch und Italienisch. Zu seinen Erfolgen sagt Piller: «In Freiburg konnte er bei konstanter Belegschaft die Kosten senken und gleichzeitig die Verkaufsfläche vergrössern.»

Viele offene Baustellen

Trotzdem fragen sich viele, ob Fabrice Zumbrunnen den Baustellen gewachsen ist, die im Konzern anstehen. Der Detailhandel steckt in einem fundamentalen Umbruch: Digitalisierung, immer mächtigere Onlineplayer wie Amazon oder Zalando machen dem Schweizer Platzhirsch zu schaffen. Im Migros-Magazin schrieb Zumbrunnen dazu: «Die Zukunft gehört dem stationären und dem Onlinehandel gleichermassen. Unser Ziel ist, das Beste aus beiden Welten zusammenzuführen.» Eine weitere Herausforderung ist der Einkaufstourismus. Viele Schweizer kaufen Waren im Ausland ein, was die Migros besonders in den grenznahen Regionen spürt. Viel Fingerspitzengefühl wird Zumbrunnen auch bei der Führung der zehn Regionalgenossenschaften beweisen müssen. In Detailhandelskreisen ist bekannt, dass sich die Regionalchefs nicht gerne in die Strategie dreinreden lassen. Der Umsatz der zehn regionalen Genossenschaften ging letztes Jahr um 0,5 Prozent auf 15,6 Milliarden Franken zurück.

Unter dem Migros-Dach gibt es weitere grössere Baustellen: Beim Möbel­geschäft (Interio, Micasa) harzt es. Bei Ex?Libris laufen bereits grössere Restrukturierungen: Zwei Drittel der Filialen werden geschlossen. Zumbrunnen wird wohl noch weitere einschneidende Massnahmen einleiten und durchziehen müssen. So ist auch der Textilmarkt im Umbruch: In den vergangenen Jahren ist dieser in der Schweiz um 2,5 Milliarden Franken auf 8,5 Milliarden Franken ­geschrumpft. Das spüren die Migros-Firmen Globus, Herren-Globus und Schild.

Um die Bereiche wieder auf gesunde Beine zu stellen, gibt die Migros die Marken Herren-Globus und Schild auf und tritt nur noch mit der Marke Globus auf. 80 Stellen werden durch die Zusammenlegung verloren gehen.

Eines ist sicher: Fabrice Zumbrunnen übernimmt die Migros-Führung in einer turbulenten Zeit. Der freundliche Romand aus La Chaux-de-Fonds ist von Anfang an gefordert.

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