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Der Kronzeuge sollte schweigen

Der Schweizer Xavier Justo, Schlüsselfigur im 1MDB-Skandal, sitzt in Bangkok im Gefängnis. Seine Ehefrau erhebt schwere Vorwürfe gegen Justos Ex-Arbeitgeber.

«Xavier musste kooperieren»: Laura Justo prangert die Verurteilung ihres Ehemannes an. Fotos: Nicolas Righetti (lundi13)
«Xavier musste kooperieren»: Laura Justo prangert die Verurteilung ihres Ehemannes an. Fotos: Nicolas Righetti (lundi13)

Über ein Jahr lang sagte Laura Justo kein Wort. Nichts liess sie zum Schicksal ihres Ehemannes verlauten, dem Genfer Xavier Justo (49), der in Bangkok eine Gefängnisstrafe verbüsst. Nun hat die Ehefrau ihr Schweigen gebrochen – zuerst im «Guardian», am Donnerstag in einem Genfer Hotel auch gegenüber hiesigen Medien. Justo forderte das Schweizer Aussenministerium auf, ihren inhaftierten Ehemann besser zu schützen: «Er schwebt in Gefahr.»

Xavier Justo steht am Ursprung des Falles 1MDB, des grössten globalen Geldwäscheskandals der jüngeren Geschichte. Der Finanzspezialist entwendete 2011 kurz vor seinem Abgang bei der englisch-saudischen Ölfirma Petrosaudi International in London 227'000 interne E-Mails, die sich auch um 1MDB-Deals drehten. Die Daten gelangten später via Clare Rewcastle Brown an die Öffentlichkeit. Die englische Journalistin berichtete in ihrem Blog «Sarawak Report» als Erste über den Fall 1MDB.

Die US-Justiz hat Petrosaudi als eines der zentralen Vehikel im Geldwäscherei-karussell rund um den malaysischen Staatsfonds identifiziert. Über eine Milliarde Dollar sollen laut Gerichtsdokumenten zwischen 2009 und 2011 im Rahmen eines Joint Venture zwischen der Ölfirma und dem Staatsfonds abgeflossen sein. Petrosaudi bestreitet konsequent jedes Fehlverhalten.

Pascal Najadis Vater wurde in Malaysia erschossen.

Laut der Schweizer Bundesanwaltschaft beträgt die 1MDB-Deliktsumme total rund vier Milliarden Dollar; mehrere Hundert Millionen flossen gemäss US-Justizdokumenten an den Premierminister von Malaysia. US-Generalstaatsanwältin Loretta Lynch kündigte letzte Woche vor den Medien die Sperre von über einer Milliarde Dollar an. In der Schweiz sind mindestens fünf Banken in den Fall verwickelt. Die Finma hat faktisch die Schliessung der Tessiner Bank BSI verfügt, die tief im 1MDB-Sumpf steckte.

Xavier Justo war kein klassischer Whistleblower. Er verlangte nach seinem Abgang mehrere Millionen Franken von Petrosaudi, ansonsten würde er die explosiven E-Mails öffentlich machen. Als Petrosaudi darauf nicht einstieg, gab er den Datensatz an die Journalistin weiter – und wollte auch von ihr zwei Millionen. Das Geld erhielt er indes nie.

Nach dem Platzen des Skandals erstattete Petrosaudi in Thailand Anzeige gegen Justo wegen Erpressung. Im Juni 2015 wurde er in seinem Haus auf Ko ­Samui verhaftet. Nur zwei Monate nach Verhaftung verurteilte ihn ein Gericht zu drei Jahren Gefängnis.

Zur Kooperation gebracht

Im Genfer Hotel griff nun Laura Justo Petrosaudi heftig an: Die Firma habe Druck auf ihren Mann ausgeübt, nach der Verhaftung ein Geständnis abzulegen. «Man sagte ihm: Entweder du gestehst, und du kommst schnell raus – oder du gehst für viele Jahre ins Gefängnis.» Ihrem Mann sei nichts anderes übrig geblieben, als zu kooperieren. Sein Geständnis habe nicht er abgefasst, sondern ein englischer Ex-Polizeibeamter im Solde von Petrosaudi. Bei Abgabe des Geständnisses sei kein Anwalt zugegen gewesen.

Auch sie sei von Petrosaudi unter Druck gesetzt worden. Justo untermauerte ihre Aussagen mit Chatprotokollen, E-Mails und Briefen ihres Mannes, die er aus dem Gefängnis habe schmuggeln lassen. Justo sollte alle Schuld auf sich nehmen, sich vom Fall 1MDB distanzieren und sich bei Petrosaudi entschuldigen, so Laura Justo. Die Idee dahinter: Druck von der Ölfirma wegzunehmen.

Die Journalistin Clare Rewcastle Brown berichtete als Erste über 1MDB.

Auf Fragen des TA an Petrosaudi meldete sich eine Anwaltskanzlei aus London, welche die Vorwürfe Laura Justos zurückwies und rechtliche Schritte gegen die Frau in Aussicht stellte. Gegen die Ölfirma und deren Direktoren laufen nach heutigem Stand der Dinge keine Strafverfahren; es gilt die Unschuldsvermutung.

Laura Justo sagt, Petrosaudi habe ihren Mann im Gefängnis jederzeit unter Kontrolle gehabt. Besuche wurden von der Ölfirma organisiert, auf der autorisierten Besucherliste waren Petrosaudi-Leute noch vor der Ehefrau aufgeführt. Selbst Justos Verteidiger habe Petrosaudi finanziert: «Die Anwälte meines Mannes wurden von jenen Leuten bezahlt, die ihn angezeigt hatten.»

In der Schweiz hatte der Genfer Anwalt Marc Henzelin das Justo-Mandat übernommen. Er sagt auf TA-Anfrage, er habe immer im Interesse und auf Instruktion seines Klienten gehandelt. Zur Frage, wer ihn bezahlte, sagte Henzelin nichts und verwies auf das Anwaltsgeheimnis. Das Mandat hat er niedergelegt.

Strafanzeige angekündigt

Neuer Anwalt Justos ist der Genfer FDP-Nationalrat Christian Lüscher. Laura Justo kündigte an, mit seiner Hilfe Strafanzeige gegen Petrosaudi einzureichen. Ihre Beweise habe sie der Schweizer Botschaft in Thailand und später auch dem Bundesamt für Polizei übergeben.

Das Haus auf Ko Samui ist verkauft, Justo ist mit ihrem Sohn in die Schweiz zurückgekehrt: «Hier sind wir sicher.» Sorgen macht sie sich um ihren Mann. Sie fürchtet, das Umfeld des malaysischen Premiers könnte ihm etwas antun. «Ein Zeuge, der im Fall 1MDB Dokumente geleakt hatte, wurde in Malaysia getötet», sagte die Journalistin Clare Rewcastle, die in Genf ebenfalls vor Ort war. Man habe dessen Leiche in ein Ölfass einbetoniert gefunden – «die Schweiz muss sich für Xavier Justos Sicherheit einsetzen».

Beim EDA heisst es, man stehe in Kontakt mit den lokalen Behörden. «Der Betroffene wird im Rahmen des konsularischen Schutzes durch die zuständige schweizerische Vertretung betreut», sagt eine Sprecherin.

Hoffen auf Amnestie

Die Hauptfigur selbst sitzt weiter im Bangkok Remand Prison. Laura Justo hofft, dass die Strafe ihres Mannes im Zuge einer Amnestie verkürzt wird und dass er Ende Jahr in Freiheit ist. Als Plan B ist die Überstellung in die Schweiz in Vorbereitung, Justo kann den Rest seiner Strafe in der Schweiz absitzen. Die Transferanfrage sei kürzlich an die thailändischen Behörden übergeben worden, sagt Laura Justo. Erwartete Frist bis zum Entscheid: ein halbes Jahr.

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