Der Anbau von Cannabis wird zum grossen Geschäft

Die USA erleben beim Hanf eine Liberalisierungswelle und entwickeln sich zum grössten legalen Markt der Welt.

Ein Pflanzer begutachtet im kalifornischen Humboldt County seine Cannabisstauden.<br />Foto: Erol Gurian (Laif)

Ein Pflanzer begutachtet im kalifornischen Humboldt County seine Cannabisstauden.
Foto: Erol Gurian (Laif)

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Das Geschäft mit Cannabis steht vor einem entscheidenden Durchbruch: Kalifornien stimmt über die Legalisierung des Konsums ab und dürfte sich den vier Bundesstaaten anschliessen, die den Konsum von Cannabis bereits freige­geben haben. Die USA werden damit zum grössten legalen Cannabismarkt der Welt. Das aber bringt die Hippies und Kriegsveteranen in Nordkalifornien, die Cannabispflanzer der ersten Stunde, in ein heikles Dilemma. Politisch sehen sie die Liberalisierung als einen wichtigen Erfolg, doch wirtschaftlich befürchten sie, von kapitalkräftigeren Konkurrenten erdrückt zu werden.

Stephen Dillon ist einer dieser ersten «Pot-Grower» und erinnert sich gut an die frühen 70er-Jahre. «Die Althippies zeigten uns die besten Standorte für die Hanfpflanzen. Sie lehrten uns, auf die Umwelt Rücksicht zu nehmen. Wir waren mausarm. Es gab keine Jobs hier oben, ausser in der brutal harten Forst­wirtschaft. Pot gab uns das Einkommen zum Überleben.» Ein Pfund Haschisch löste damals auf dem Schwarzmarkt stolze 4000 Dollar. Mit einigen Dutzend Cannabisstauden liess sich somit ein sehr gutes Einkommen generieren.

Die Meinung geändert

Das blieb nicht lange ein Geheimnis der Hippies und Kriegsversehrten, die mit Haschisch ihre mentalen und physischen Schmerzen behandelten. Es kamen mehr und mehr Pflanzer ins Humboldt County im nördlichen Zipfel von Kalifornien. Nicht dass diese waldreiche Region die besten Anbaubedingungen gewähren würde; entscheidend für die Cannabispflanzer war die abgelegene Lage des Humboldt County, die das Aufspüren der illegalen Anbaugärten durch die Polizei fast unmöglich machte. Und das lukrative Geschäft zog auch zunehmend Drogenbanden aus Mexiko an und führte – entgegen dem Trend im übrigen Kalifornien – zu einem Anstieg der Kriminalität. Zudem überholte der Cannabisanbau die Forstwirtschaft als grössten Wirtschaftszweig, ohne dass er besteuert werden konnte.

Exakt das ist der Grund, weshalb Kalifornien nach zwei Rückschlägen an der Urne erneut einen Anlauf zur Legalisierung unternimmt. Für die Abstimmung am kommenden Dienstag deuten Umfragen auf ein klares Ja von über 60 Prozent der Stimmen hin. «Wenn wir Erfolg haben, ist das der Beginn des Endes des Krieges gegen Cannabis», sagt Gavin Newsom, der stellvertretende Gouverneur und ehemalige Bürgermeister von San Francisco. «Wenn Kalifornien voranmacht, zwingt dies Mexiko und Lateinamerika ebenfalls dazu, eine Legalisierung ins Auge zu fassen.» Dies würde den Klammergriff der Drogenbanden in den USA lockern, so hoffen die Behörden, und die Regulierung des oft umweltschädigenden Anbaus erlauben.

Zusätzlicher Druck kommt aus Nevada, Arizona sowie Maine und Massachusetts, wo ebenfalls über eine Freigabe des Cannabiskonsums abgestimmt wird und wo ebenfalls ein Ja absehbar ist. In den letzten vier Jahren haben bereits Colorado, Oregon, Washington und Alaska die Legalisierung beschlossen. Somit steht die Bildung des grössten legalen Cannabismarktes mit fast einem Viertel der US-Bevölkerung bevor. Konsumenten ab 21 Jahren könnten hier Cannabis legal kaufen und in Kleinmengen von bis zu sechs Pflanzen auch anbauen. Vor zehn Jahren waren erst 32 Prozent der Amerikaner für eine Freigabe zu haben; heute sprechen sich 57 Prozent dafür aus. Ein Grund für diese Meinungs­änderung sind die Erfahrungen in Colorado, wo der Staat heute mehr Steuern aus dem Cannabisgeschäft einnimmt als aus dem Alkoholverkauf – und die Drogenkriminalität ist stark gesunken.

Landpreise haben sich verdreifacht

Unterstützt wird die Freigabe von Investoren wie George Soros und dem Naps­ter-Mitbegründer Sean Parker. Auch Musiker wie Snoop Dog und Ky-Mani Marley wittern das grosse Geschäft und wollen kommerzielle Anbaubetriebe aufziehen. Die Cal-Cann-Holdinggesellschaft, die bisher auf das Medizinalgeschäft konzentriert war, will in der Wüste von Südkalifornien eine mit Solarenergie betriebene Hightech-Anlage bauen. Ziel ist, jährlich vier bis fünf Ernten einzubringen und gegen 8000 Pfund Haschisch zu produzieren. Ein Pfund erzielt derzeit auf dem Graumarkt 1600 Dollar. Fast über Nacht haben sich die Landpreise in den Anbau­regionen verdreifacht. Die Prognosen überschlagen sich. Gemäss der Marktforschungsfirma Arcview setzen die Pflanzer heute bereits im Medizinalmarkt 2,7 Milliarden Dollar um. Mit der Freigabe könnten sie den Absatz bis 2020 mehr als verdoppeln. Alles in allem könnte der US-Markt dann 22 Milliarden Dollar wert sein, dreimal mehr als heute.

In Garberville, der «Haschisch-Heimaterde der USA», wie BBC einmal meldete, sehen die eingesessenen Pflanzer der Entwicklung mit gemischten Gefühlen entgegen. «Wir haben einen Codex hier: Respektiere das Land und respektiere die Menschen», meint Cannabisbauer Patrick Murphy. «Ich habe kein Interesse daran, wenn unsere Kultur von Leuten im 5000-Dollar-Anzug verdrängt wird.» Auch Stephen Dillon ist skeptisch. Er nennt die zuziehenden Pflanzer «Yahoos» – «Saukerle». Es sind nicht nur Amerikaner, sondern auch Einwanderer aus Osteuropa und Asien, die sich an den Anbau wagen. Luftaufnahmen des Humboldt County zeigen, wie weit die Verwüstung durch industrielle Pflanzer bereits gediehen ist. Hunderte illegaler Plantagen sind erkennbar. Ein dichtes Netz von Zufahrtswegen durchzieht die Redwood-Wälder, die zu den ältesten Baumbeständen der Welt zählen. Zäune und Gitter mit Zutrittsverboten sind ernst gemeint. Ungebetene Gäste werden mit Schusswaffen bedroht, die Polizei hat die Verfolgung der illegalen Pflanzer praktisch aufgegeben.

Rückkehr in den Untergrund

«Ich kenne niemanden, der nicht irgendwie seine Finger im Pot drin hätte», sagt Dillon. Er ist Präsident der Sun Growers Guild, einer Anbaugenossenschaft. Eine Umfrage unter den Mitgliedern zeigte, dass sie zur Hälfte für und gegen die Liberalisierung sind. Er selber war zunächst auf der Ja-Seite, hat aber seine Meinung geändert. Berechnungen zeigten, dass er mehr als 20'000 Dollar für die Registrierung und Kontrolle seiner Gewächshäuser zahlen müsste, die er neben seiner Baumschule betreibt. «Die Rechnung geht nicht mehr auf. Kleine Pflanzer können sich das nicht leisten. Entweder wir geben auf oder werden vom Big Business übernommen.» Und das macht ihm Sorgen. Er befürchtet, dass viele kleine Pflanzer sich nicht wie vorgeschrieben registrieren lassen und wieder in den Untergrund zurückkehren. Colorado machte diese Erfahrung bereits. Cynthia Coffman, die Justiz­ministerin des Staates, berichtete kürzlich von «Kriminellen, die noch immer auf dem Schwarzmarkt verkaufen», um die Steuern zu umgehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.11.2016, 22:15 Uhr

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