«Das Wasserschloss Schweiz wird unter Druck kommen»

Der Verdrängungskampf ist in vollem Gange: Nestlé und Coca-Cola, aber auch Migros und Coop haben die strategische Bedeutung des «blauen Golds» erkannt.

Beliebtestes Getränk der Schweiz: 115 Liter wurden 2017 pro Kopf konsumiert. Foto: PD

Beliebtestes Getränk der Schweiz: 115 Liter wurden 2017 pro Kopf konsumiert. Foto: PD

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Quellen versiegen. Die Grundwasserpegel stehen an vielen Orten in der Schweiz so tief wie noch nie. Der heisse und trockene Sommer hat Spuren hinterlassen. Die Klimaszenarien von ETH Zürich und Meteo Schweiz prophezeien für dieses Jahrhundert trockenere Sommer und zusammen mit dem wärmeren Klima eine stärkere Verdunstung.

«In den nächsten Jahren werden Nutzungskonflikte um Wasser enorm zunehmen», sagt der Walliser Ständerat Beat Rieder (CVP). «Das Wasserschloss Schweiz wird deshalb als wichtige Quelle für ganz Europa und auch international unter Druck kommen, wenn Knappheit herrscht.» Wasserknappheit wird eines der Hauptprobleme sein, die auf uns zukommen, ist er überzeugt.

Im Herbst reichte er ein Postulat ein. Er fordert vom Bundesrat einen Grundlagenbericht zur Wassernutzung bis 2050 und will wissen, ob die Schweiz angesichts des Klimawandels keine Wasserprobleme haben werde. Sein Postulat wurde im Ständerat mit 24 zu 15 Stimmen angenommen. Rieder erwartet in einem Jahr einen Bericht des Bundesrates zur Wasserstrategie. Darin soll die Regierung Szenarien aufzeigen, wie Kantone und Gemeinden Nutzungskonflikte um Wasser bewältigen können.

Non-Profit-Organisationen mischen sich ein

Entwicklungsorganisationen, Gewerkschaften und die SP haben sich in der Organisation Multiwatch zusammengeschlossen. Sie befasste sich bisher vor allem mit Profiten aus dem Wassergeschäft im Ausland. Vergangenen Monat führte sie eine Tagung durch unter dem Motto «Wasser ist ein Recht und kein Geschäft». «Nun wollen wir auch vermehrt das Mineralwassergeschäft in der Schweiz unter die Lupe nehmen», sagt Elango Kanakasundaram von Multiwatch.

Noch hat die Schweiz genügend sauberes Trinkwasser. Ob das angesichts sinkender Wasserressourcen so bleibt, ist unklar. Deshalb spielen Mineralwässer aus Schweizer Quellen eine immer wichtigere Rolle.

Nestlé und Coca-Cola erkannten schon vor einiger Zeit, dass sauberes Wasser eine strategische Dimension erhält. Sie sicherten sich langfristige Rechte auf Quellwasser. 2007 kaufte Nestlé Waters Schweiz der Familie Rouge das Unternehmen Henniez ab, samt zugehörigen Quellen in Henniez und Saxon. Coca-Cola sicherte sich im Valsertal bereits 2002 einen Zugriff auf die reich sprudelnde Valserquelle.

Auch die Genossenschaften Migros und Coop besitzen eigene Quellen oder haben langjährige Verträge für die Nutzung abgeschlossen. Coop kontrolliert über ihre Tochtergesellschaft Pearlwater eigene Quellen im Wallis. Anders bei Migros: Die Quellen blieben im Besitz der Gemeinde.

Marktführer im Verdrängungsmarkt ist nach eigenen Angaben Nestlé. Das Unternehmen füllt hierzulande die Mineralwässer Henniez und Cristalp ab. Zusätzlich importiert der Konzern aus Italien und Frankreich unter anderen die hochpreisigen Mineralwässer S.Pellegrino, Vittel und Perrier. Umsatz- und Gewinnzahlen zu seinem Schweizer Geschäft gibt Nestlé nicht preis. Auch seine Konkurrenten geizen mit Daten zu allem, was sich um das kostbare Nass dreht. Ganz verschlossen gibt sich die Mineralquelle Bad Knutwil. Das Verhalten erinnert an die Zeiten des Goldrausches, als keiner verraten wollte, wie gross die Goldader ist, auf der er sitzt. Immerhin verrät die Gemeindeverwaltung, dass Oscar J. Schwenk, Patron der Pilatus-Flugzeugwerke, die Quelle bereits 2010 erworben hat.

Wasserrechte seien kantonal geregelt, erklärt Matthias Freiburghaus, technischer Berater des Schweizerischen Vereins des Gas- und Wasserfaches. So würden sich einige Quellen historisch bedingt in Privatbesitz befinden. Das war auch in Vals der Fall. Bevor jedoch Coca-Cola HBC sich für die Quelle interessierte, hatte die Gemeinde Vals die Quelle bereits in ihren Besitz gebracht. Coca-Cola zahlt der Gemeinde für die Nutzung der Quelle einen Beitrag, abhängig von der Menge. «Pro Jahr erhält die Gemeinde so rund 400'000 Franken», sagt der Valser Gemeindeschreiber Reto Jörger. Der Konzessionsvertrag mit Coca-Cola hat eine Laufzeit von über zehn Jahren.

Mineralwasser sei das beliebteste Getränk der Schweizer, heisst es vom Verband Schweizerischer Mineralquellen und Soft-Drink-Produzenten. 977 Millionen Liter wurden 2017 getrunken. Das stärkere Gesundheitsbewusstsein kurbelt die Nachfrage an.

Fast jede zweite Flasche stammt heute aus dem Ausland

Obwohl die Schweiz reich an Quellen ist, wird immer mehr Mineralwasser importiert. Fast jede zweite Flasche stammt heute aus dem Ausland. Vor zehn Jahren war es jede dritte. Grund sind vor allem die tiefen Preise. So kostet bei Denner ein Wasser aus Italien nur etwa halb so viel wie das günstigste Schweizer Wasser. Ausländische Mineralwässer werden vor allem aus Italien und Frankreich importiert. Dabei zählt in der Gastronomie auch der Erlebnisfaktor. Zu einem italienischen Essen passt die italienisch designte S.Pellegrino-Flasche besser als Passugger. Und das teure Perrier besser zu einem Chateaubriand.

Umgekehrt verkauft die Schweiz kaum Mineralwasser ins Ausland. In den vergangen zehn Jahren waren es nie mehr als 12 Millionen Liter pro Jahr. Das ist höchstens ein Prozent des gesamten Verbrauchs. Versuche von russischen Investoren, das Wasser der Melser Mineralquelle als Heidiland ins Ausland zu exportieren, sind gescheitert. Nach dem jüngsten heissen Sommer dürften die Karten aber neu gemischt werden im Mineralwasser-Markt.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 24.11.2018, 20:18 Uhr

Nestlé hat Mühe mit der Wassersparte

Vevey Nestlé-Chef Mark Schneider hat das Wassergeschäft zu einem der Kerngeschäfte des Nahrungsmittelkonzerns erklärt. Die Sparte Nestlé Waters soll «für überdurchschnittliches Wachstum und Profitabilität» sorgen. Doch ausgerechnet der Handel mit dem immer knapper werdenden Gut läuft harzig.

Seit zwei Jahren ist Wasser das Sorgenkind des Konzerns. 2017, im ersten Amtsjahr von Schneider, wuchs der Umsatz von Nestlé Waters organisch nur um 2,1 Prozent auf 8 Milliarden Franken. Es lag damit sogar unter dem Wachstum des gesamten Konzerns von 2,4 Prozent. Dieses war so tief wie noch nie in den letzten 20 Jahren. Auch das operative Ergebnis der Wassersparte belastete das Konzernergebnis vergangenes Jahr und verharrte bei 1 Million Franken.

An der Investorenkonferenz 2017 erklärte Schneider, dass an der tiefen Profitabilität unter anderem fixe Kosten in der Logistik schuld seien. Er versprach künftig bessere Resultate. Nestlé ist mit einem Marktanteil von 10 Prozent und 51 Wassermarken – darunter bekannte Namen wie S.Pellegrino, Perrier oder Nestlé Pure Life – globaler Marktführer.

Brabeck warnte: Wasser könnte vor dem Öl ausgehen

In den ersten neun Monaten dieses Jahres enttäuschte die Wassersparte trotz tiefer Vergleichsbasis erneut. Der Absatz stagnierte. Vontobel-Analyst Jean-Philippe Bertschy bezeichnet Nestlé Waters «ganz klar als Belastung». Auch für ZKB-Analyst Patrik Schwendimann ist dieser Zweig angesichts des heissen Sommers in Europa enttäuschend ausgefallen. Er verweist auf den Konkurrenten Danone, der ein doppelt so starkes Wachstum aufgewiesen habe.

Bereits der Vorvorgänger von Mark Schneider, Peter Brabeck, setzte stark auf das Wassergeschäft. Er warnte: Wenn wir so weitermachten wie bisher, werde uns das Wasser vor dem Öl ausgehen. Damit legte er auch den Finger auf einen wunden Punkt. Denn besonders in Nordamerika wehren sich immer mehr Menschen mit Protesten und Petitionen gegen das sogenannte «water grabbing» von Nestlé, so etwa in den Bundesstaaten Michigan, Oregon, Kalifornien, Montana und Arizona oder in der kanadischen Provinz British Columbia. Sie sehen nicht ein, warum der Konzern Wasser aus dem Boden pumpen, in Flaschen abfüllen und damit Profit machen darf.

Auch in Europa regt sich Widerstand. Im französischen Städtchen Vittel protestierten im Juli rund 200 Anwohner, Landwirte und Grüne mit Parolen wie: «Nestlé plündert und trocknet uns aus» oder: «Wasser ist Gemeingut – Nestlé muss es uns lassen». Grund für den Aufruhr: Der Grundwasserspiegel sinkt dort jährlich um 30 Zentimeter, während Nestlé täglich mehr als zwei Millionen Flaschen Vittel-Mineralwasser abfüllt.

Nestlé verteidigt sich damit, dass einige seiner Wassermarken mehr als hundert Jahre alt seien. Es sei auch im Interesse der Firma, die Wasserressourcen für die Zukunft zu erhalten. Zudem arbeite sie mit Bewohnern und Nichtregierungsorganisationen zusammen.

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