«Wenn ich heute sterbe, würde die Aktie morgen steigen»

Für Warren Buffett steht fest, dass sein Lebenswerk nach seinem Tod noch wertvoller sein wird.

Investorenlegende Warren Buffett. Foto: Rick Wilking (Reuters)

Investorenlegende Warren Buffett. Foto: Rick Wilking (Reuters)

Walter Niederberger@WaltNiederberg

Warren Buffett ist 87 Jahre alt. Sein engster Vertrauter Charlie Munger hat am 1. Januar sogar den 94. Geburtstag gefeiert. Beide sind rüstig und geniessen ihren Kultstatus. Die Aktie ihres Unternehmens Berkshire Hathaway hat kürzlich die Marke von 300'000 Dollar übertroffen – ein weiterer Markstein. Doch der unerwartete Tod von zwei älteren Konzernchefs, unter ihnen ein Freund von Buffett, macht die Frage der Nachfolge an der Unternehmensspitze dringender denn je.

«Wenn ich heute Abend sterbe, würde die Aktie von Berkshire Hathaway morgen steigen», beruhigte Buffett die Aktionäre im vergangenen Mai. Er widersprach damit zahlreichen Analysten, die den Erfolg des Unternehmens mit Buffetts Ruf als «Orakel von Omaha» verbinden und nach seinem Tod eine Abkehr der Aktionäre und eine sinkende Unternehmensbewertung vorhersagen. Die «Buffett-Prämie» werde verschwinden, heisst es, und Berkshire Hathaway sein Gewinnerimage verlieren.

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Buffett ist entschieden anderer Meinung. Sein Tod werde viele Spekulanten auf den Plan rufen, sagte er im letzten Frühjahr. Sie würden versuchen, das aus Versicherungen, Eisenbahnen, Energie-, Textil-, Medien- und Süsswarenfirmen sowie einem riesigen Aktiendepot bestehende Konglomerat zu zerlegen. Getrieben würde eine Aufspaltung von der Hoffnung, dass die Einzelteile mehr wert seien als Berkshire Hathaway als Ganzes. «Das wäre sicher eine gute Wallstreet-Geschichte», spöttelte das Orakel.

Was tun mit dem vielen Geld?

Entscheidend für den Fortbestand seines Lebenswerks, hat er wiederholt erklärt, sei vielmehr eine klare Nachfolgeregelung. Über seine Pläne hat Buffett den Verwaltungsrat informiert und dessen Zustimmung bekommen. Doch wer die künftige Nummer eins sein wird, hat er nie gesagt. Seinen Aktionärsbriefen kann das Profil indes mit zunehmender Schärfe entnommen werden. Der Nachfolger müsse «relativ jung sein, damit er oder sie die Arbeit auf lange Zeit hinaus verrichten kann». Weiter sollte der künftige Chef «rational, ruhig und entscheidungsfreudig» sein und «nicht durch ein grosses Ego oder einen grossen Lohn» motiviert werden.

Buffett glaubt, dass es schwierig sein wird, an seinen eigenen Erfolg der letzten 55 Jahre anzuknüpfen. Seit 1962 ist der Wert der Berkshire-Hathaway-Aktie von 12 auf gut 300 000 Dollar gestiegen, doch je grösser der Konzern wird, desto schwerer ist es laut Buffett, den jeweiligen Börsenindex zu übertreffen. Daher wird die Verwendung des riesigen Kapitalstocks eine, wenn nicht gar die wichtigste Aufgabe des künftigen Chefs sein. Buffett schätzt, dass der Konzern in den nächsten zehn Jahren rund 400 Milliarden Dollar an flüssigen Mitteln generieren dürfte. Der Schluss ist klar: «Wir brauchen einen, der dieses Geld sehr vernünftig einsetzen kann. Dieses Talent dürfte sogar das Wichtigste sein.»

Diese Anforderungen dürfte der 55-jährige Greg Abel am besten erfüllen, wohl eine Spur besser als Ajit Jain, der 66-jährige Chef der Rückversicherung im Buffett-Konzern. «Abel ist der wahrscheinliche Nachfolger», schreibt J.-P.-Morgan-Analystin Sarah DeWitt. Das höhere Alter spreche gegen Jain, der noch bis vor wenigen Jahren als Favorit gegolten hatte. Auch die Fähigkeit zur optimalen Verwendung des Kapitals spricht eher für Abel. Er hat über 15 Milliarden Dollar in den erfolgreichen Aufbau des Energiegeschäfts investiert und Berkshire Hathaway Energy von einem Kleinversorger zu einem führenden Anbieter im Mittleren Westen gemacht. Er produziert heute 64 Prozent der Energie mit Windkraft und steuert 10 Prozent zum Konzerngewinn bei.

Buffett hat nie einen Kauf getätigt, der seine vorab festgelegte Preislimite überschritten hätte.

Nach Ansicht von Charlie Munger könnte dieses Unternehmen sogar zum grössten Energieversorger der USA werden. Das scheint etwas weit hergeholt, doch passt die Aussage zum erklärten Ziel von Buffett, die Energiesparte auszubauen, «so weit das Auge reicht». «Es ist fast unmöglich, ein besser geführtes Unternehmen zu finden», rühmt Buffett seinen potenziellen Nachfolger.

Zwar hat Abel weder das Charisma noch den Namen von Buffett, doch das hat auch Jain nicht. Dafür stimmt Abels Geschäftsverständnis mit jenem von Buffett völlig überein. «Meine Führungsprinzipien sind die gleichen» wie jene von Berkshire Hathaway, sagt Abel. «Auch wir investieren auf unbegrenzte Zeit hinaus und machen uns damit gegenüber den Aktionären jederzeit voll verantwortlich.» Diese Strategie kennt aber klare Grenzen. So wollte Abel im letzten Sommer ein kriselndes Energieunternehmen in Texas kaufen; doch als ein Konkurrent mehr zahlte, weigerte er sich, die Offerte anzuheben. Auch wenn die Übernahme scheiterte, dürfte dies Abel wohl eher genützt haben, hat Buffett doch selber nie einen Kauf getätigt, der seine vorab festgelegte Preislimite überschritten hätte.

Abel kann somit als Antithese des exzessiven Investitionsklimas an der Wallstreet und im Silicon Valley gesehen werden. Dabei zahlte Buffett letztes Jahr Abel einen Bonus von 41 Millionen Dollar – ein Zuschlag von 48 Prozent gegenüber dem Vorjahr und ein klares Zeichen seiner hohen Wertschätzung. «Ich bekomme jeden Tag viele Anrufe. Doch wenn Greg Abel anruft, nehme ich mir immer Zeit. Er hat viele tolle Ideen, und er ist echt innovativ in seinem Denken und in seinem Geschäftsverständnis.»

Unerwartet verstorben

Der überraschende Tod von zwei älteren Konzernchefs hat eine klare Nachfolgeregelung in Firmen wie Berkshire Hathaway noch dringlicher gemacht. Mitte Dezember verstarb der 83-jährige Robert Wilmers – nur wenige Monate nachdem sein bereits bestimmter Nachfolger verstorben war. Wilmers hatte die M & T Bank von einer kleinen Sparkasse zu einem führenden Finanzinstitut im Mittleren Westen ausgebaut und Warren Buffett als Aktionär gewinnen können. «Er war ein bemerkenswerter Banker, ein bemerkenswerter Bürger und ein wunderbarer Freund», sagte Buffett.

Ebenso unerwartet verstarb der 73-jährige Hunter Harrison, Chef der Güterbahn CSX. Er hatte nur acht Monate für CSX gearbeitet, seine Nachfolge ist unklar. Die beiden Todesfälle eröffneten eine neue Sicht auf die Arbeitswelt in den USA, wo immer mehr Chefs länger arbeiten, erklärte Managementberaterin Davia Temin der Wirtschaftsagentur Bloomberg. Das Durchschnittsalter der Konzernchefs ist in den letzten zehn Jahren um zwei auf über 57 Jahre gestiegen, und der Trend zeigt weiter nach oben. «Die meisten Chefs gehen nicht freiwillig. Mehr und mehr bleiben mit der leichten Illusion, dass der Tod für sie nicht gilt», resümierte Temin.

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