Zum Hauptinhalt springen

«Jeder fünfte Industriebetrieb ist existenziell bedroht»

Nach der Aufhebung der Eurountergrenze sieht Swissmem-Präsident Hans Hess grosse Probleme auf die Schweizer Wirtschaft zukommen. Niedrig qualifizierte Arbeitnehmer sind besonders in Bedrängnis.

«Der Werkplatz wird auch diese Krise meistern»: Swissmem-Präsident Hans Hess gibt sich kämpferisch. (8. Januar 2015)
«Der Werkplatz wird auch diese Krise meistern»: Swissmem-Präsident Hans Hess gibt sich kämpferisch. (8. Januar 2015)
Steffen Schmidt, Keystone

Nachdem sich der Franken diese Woche gegenüber Euro und US-Dollar sprunghaft und massiv verteuert hat, zieht die Wirtschaft eine düstere Bilanz. «Jeder fünfte Industriebetrieb ist existenziell bedroht», sagt Hans Hess, Präsident des Industrieverbands Swissmem der «NZZ am Sonntag». Vor allem exportabhängige Klein- und Mittelunternehmen, deren Kosten mehrheitlich in der Schweiz anfallen, seien gefährdet. Hess gibt sich kämpferisch: «Die Aufhebung des Mindestkurses wird Jobs kosten, aber der Werkplatz hat die Frankenkrise im Jahr 2011 bewältigt und wird auch diese Krise meistern.» Es werde aber Firmen geben, die nicht darum herum kämen, Teile der Produktion ins Ausland zu verlagern oder Stellen zu streichen.

Zu den grossen Verlierern gehört die Tourismusbranche, die jährlich über 15 Milliarden Franken mit ausländischen Gästen umsetzt. Studien zeigen, dass eine Preiserhöhung von 10 Prozent einen Rückgang der Besucherzahl aus Deutschland und Frankreich von 9 Prozent auslöst; bei den Niederländern sind es sogar 17 Prozent. Für Schweizer Konsumenten sind hingegen goldene Zeiten angebrochen. Der Reiseveranstalter Tui Suisse etwa hat seine Katalogpreise um 15 Prozent gesenkt. Coop und Migros kündigten Preissenkungen auf Importwaren an. Der Detailhandel wird aber noch stärker unter dem Einkaufstourismus leiden. Die Branche schätzt diese Verluste auf 11 Milliarden Franken in 2015.

Stellenabbau und Produktionsverlagerungen

Wie viele Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel? «Sollte der Wechselkurs längere Zeit unter 1.10 fallen oder gar bei der Parität verharren, würde das die Konjunkturprogramme radikal verändern», sagt Serge Gaillard, Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung im Interview mit der «Zentralschweiz am Sonntag». «Dann müssten wir trotz weltwirtschaftlich günstigen Bedingungen in der Schweiz mit einem sehr schwachen Wirtschaftswachstum und steigender Arbeitslosigkeit rechnen.»

Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) kommt auf Anfrage der «Zentralschweiz am Sonntag» zu folgendem Ergebnis: Eine permanente Aufwertung des Frankens auf 1.10 würde bedeuten, dass die Anzahl der Stellen im nächsten Jahr stagnieren würde. Bis anhin ging die KOF von einem Beschäftigungszuwachs von 1 Prozent aus. «Etwas verzögert käme es möglicherweise auch zu Stellenabbau, Betriebsschliessungen, zu Produktionsverlagerungen ins Ausland und zu einem erhöhten Bezug von Vorleistungen aus dem Ausland», sagt Michael Siegenthaler, Arbeitsmarktexperte der KOF. Niedrig und mittel qualifizierte Jobs seien diesen Wechselkurseffekten stärker ausgesetzt als hoch qualifizierte Jobs, so Siegenthaler.

Mehr arbeiten und weniger verdienen

Nach dem Fall der Euro-Untergrenze sollen die Löhne gesenkt und die Arbeitszeiten erhöht werden: Das fordert Roland Müller, Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes. «Die Unternehmen brauchen in der jetzigen Ausnahmesituation Spielraum für Massnahmen wie Arbeitszeitverlängerungen oder Lohnsenkungen», sagt er gegenüber der «SonntagsZeitung». Wenn der Kurs des Euros bei einem Franken bleibe, «hätten wir einen zusätzlichen relativen Kostennachteil in vielen Branchen, was den Druck auf alle Kosten weiter erhöhen würde», sagt auch Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer.

Als Erste unter Druck kommen dürften die Grenzgänger, deren Löhne durch die Aufhebung der Untergrenze, gemessen in Euro, faktisch um rund 15 Prozent gestiegen sind. Das St. Galler Modelabel Akris etwa will seine Angestellten im Tessin künftig Eurolöhne zahlen. Wenn das nicht möglich sei, müsse Akris «über eine Verlegung des Standortes ins Ausland nachdenken». Verharre der Euro dauerhaft bei Parität, sieht Rolf Soiron, der Präsident der Lonza-Gruppe, schwere Zeiten auf die Schweiz zukommen. Lonza beschäftigt im Wallis über 2000 Leute. «Dann wird es in der Schweiz zu sehr, sehr schmerzlichen Anpassungen kommen, und zwar in allen Industrien», sagt Soiron. «Das fängt bei der Exportindustrie, dem Detailhandel und dem Tourismus an, geht dann zu den Zulieferern und der Inlandindustrie - bis hin zu den öffentlichen Betrieben!»

Nichts wissen vom Sparen will Bauernverbandspräsident und CVP-Nationalrat Markus Ritter: «Ich fordere einen runden Tisch mit allen betroffenen Wirtschaftsakteuren. Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann soll uns aufzuzeigen, welche Rolle der Bund einnehmen will, um gegen einen Konjunktureinbruch vorzugehen.» Das findet auch SP-Chef Christian Levrat: «Es braucht Massnahmen, die wir an einem runden Tisch diskutieren müssen. Die Rückkehr zu einer Kursuntergrenze, die neu wohl bei 1.10 liegen müsste, darf auch nicht ausgeschlossen werden.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch