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Damit die Leute in der neuen Arbeitswelt besser abgesichert sind

Immer mehr Menschen arbeiten auf Abruf oder haben Mini-Jobs. Für sie muss das Sozialsystem laut OECD dringend umgebaut werden.

Wird auch in der Schweiz immer beliebter: Ein Co-Working-Büro für Freiberufler und Selbstständige wie hier in New York. Bild: Getty Images
Wird auch in der Schweiz immer beliebter: Ein Co-Working-Büro für Freiberufler und Selbstständige wie hier in New York. Bild: Getty Images

Die Digitalisierung verändert, wie wir arbeiten. Eine traditionelle Vollzeitbeschäftigung mit nur einem Arbeitgeber ist längst nicht mehr die Norm. Es gibt immer mehr Menschen, die bewusst flexibel arbeiten, sich nicht fest binden und in verschiedenen Berufen verwirklichen wollen. Apps wie Uber und verschiedene Vermittlungsplattformen machen das möglich. Briefzusteller von Montag bis Mittwoch, Hundesitter auf Abruf, abends ab und zu Taxifahrer sowie jedes zweite Wochenende Aushilfe in einer Bar – heute kein Problem mehr.

Für Unternehmen hat diese Flexibilität ebenfalls Vorteile. Sie können einfacher kleine Aufträge kurzfristig an unabhängige Freiberufler, Selbstständige oder geringfügig Beschäftigte vergeben und sich damit besser auf schwankende Nachfrage einstellen. Oft sparen die Firmen auch Geld, wenn sie niemanden fest anstellen müssen.

«Selbstständige sind häufig nur ganz grundlegend von der sozialen Sicherung abgedeckt.»

OECD

Doch nun warnt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in einem bisher unveröffentlichten Papier vor negativen Folgen dieser Entwicklung. Der Bericht liegt der Zeitung «Die Welt» vor. Personen, die flexibel arbeiten, drohen demnach langfristig aus der sozialen Sicherung herauszufallen. Denn die etablierten Sozialsysteme sind primär für einen Typ entwickelt worden: Festangestellte mit nur einem Arbeitgeber.

Die OECD fordert deshalb ihre Mitglieder auf, die eigenen Sozialsysteme für die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts umzubauen. In den 36 Industrieländern, zu denen auch die Schweiz gehört, sollen auch diejenigen mehr Sicherheit haben, die in neuartigen und häufig prekären Verhältnissen arbeiten.

Dazu zählt die OECD etwa Personen, die sich in befristeten Verträgen befinden. «Befristet Beschäftigten fällt es häufig schwer, die notwendigen Mindestversicherungszeiten in der Sozialversicherung zu erreichen», schreibt sie in ihrem Bericht. Und dies sei keine Randerscheinung. Im Durchschnitt aller OECD-Länder sind 11,2 Prozent der Menschen temporär angestellt. In der Schweiz sind es gemäss den aktuellsten Zahlen sogar 13,4 Prozent.

Selbstständigkeit ist für die OECD ebenfalls mit Risiken verbunden. «Selbstständige sind häufig nur von den ganz grundlegenden Systemen der sozialen Sicherung abgedeckt», warnt sie. In den OECD-Ländern sind durchschnittlich 16 Prozent der Erwerbstätigen selbstständig, also fast jeder Sechste. Die Schweiz kommt fast auf denselben Wert.

Ein weiteres Problem sind hyperflexible Arbeitsverhältnisse, bei denen die Angestellten auf Abruf arbeiten: Viele Beschäftigte in Gastronomie, Einzelhandel oder Tourismus haben Arbeitsverträge, die ihnen lediglich eine Mindeststundenzahl garantieren. Erst mit Überstunden, die sie jedoch nicht verlässlich planen können, kommen sie auf ein volles Gehalt. Den Betroffenen fehlt bei solchen Abmachungen die Einkommenssicherheit regulärer Arbeitsverhältnisse.

«Eine Möglichkeit, hier einen Ausgleich herzustellen, wären höhere Löhne für flexible Einsätze», schreiben die OECD-Experten. «Schliesslich tragen die Betroffenen einen Teil des unternehmerischen Risikos.» Als Beispiel wird Australien genannt, wo die Nachteile für Arbeitnehmer in befristeten Verträgen mit flexiblen Einsätzen ausgeglichen werden. Zwar werden sie an Urlaubs- oder Krankheitstagen nicht bezahlt und geniessen weniger Kündigungsschutz, aber dafür müssen die Unternehmen den Betroffenen einen 25 Prozent höheren Stundenlohn zahlen als einem festangestellten Arbeitnehmer, der den gleichen Job erledigt.

In der Niederlande müssen die Firmen den flexiblen Mitarbeitern jedes Mal, wenn sie eingesetzt werden, mindestens drei Arbeitsstunden garantieren. In New York wird diskutiert, ob man selbstständigen Fahrern, die über Apps wie Uber gebucht werden, einen Stundenlohn zahlen soll, der 15 Prozent höher liegt als der gesetzliche Mindestlohn.

«Höhere Lohnnebenkosten können dafür sorgen, dass Beschäftigung verloren geht.»

OECD

Solche Regelungen können gemäss der OECD allerdings auch nach hinten losgehen. Bei steigenden Kosten könnten sich Unternehmen dafür entscheiden, auf die teurere Flexibilität zu verzichten und stattdessen reguläre Stellen zu schaffen. Das Wachstum neuer Beschäftigungsverhältnisse würde auf diese Weise sogar gestoppt. «Höhere Lohnnebenkosten können natürlich dafür sorgen, dass Beschäftigung verloren geht», warnen die Verfasser der Studie. Die Gesetzgeber in den verschiedenen Ländern brauchten deshalb Fingerspitzengefühl, um die Interessen von Betroffenen und Unternehmen auszubalancieren.

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