Chávez-Entourage schaffte Millionen in die Schweiz

Fünf venezolanische Spitzenbeamte leiteten laut US-Justiz Schmiergelder auf Konten der Credit Suisse.

Der staatliche Ölkonzern Petróleos de Venezuela S.A. ist der wichtigste Umsatzlieferant des Landes  – und am stärksten von Korruption betroffen.  Foto: AFP

Der staatliche Ölkonzern Petróleos de Venezuela S.A. ist der wichtigste Umsatzlieferant des Landes – und am stärksten von Korruption betroffen. Foto: AFP

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Das Luxushotel Whitby in Manhattan ist ein bizarrer Ort, um mit Martín Rodil über den Zusammenbruch seiner Heimat Venezuela zu sprechen. Schwere Stofftücher bedecken die Tische im Restaurant, an den Wänden hängen Vitrinen voller Kitsch-Porzellanteller. Trump Tower liegt gleich um die Ecke. Aber in solchen Lokalitäten bewegt sich der 44-Jährige heute. Politologe Rodil, der früher einen Job beim Internationalen Währungsfonds hatte, spezialisierte sich darauf, Machtfiguren aus Venezuela bei der Flucht in die USA zu helfen. Rodils Geschäft boomt, über zwei Dutzend Ex-Generäle, Minister und Richter hat er nach eigenen Angaben unterstützt. Viele schlossen Deals mit der US-Justiz. Der Job brachte ihn in Kontakt mit einer Reihe von Schmiergeldfällen und korrupten Funktionären. Rodil realisierte: viele hatten Konten in der Schweiz. Er sagt: «Milliarden sind aus Venezuela verschwunden. Ein wichtiger Teil davon landete in Zürich und Genf.»

Meist geht es um die Plünderung des nationalen Ölkonglomerat Petróleos de Venezuela S.A. (PDVSA). US-Staatsanwälte ermitteln seit Jahren in der Sache. Die Schweiz hat laut Bundesamt für Justiz seit 2014 auf US-Antrag in zwei PDVSA-Schmiergeldfällen Dokumente bei rund 20 hiesigen Banken angefordert und über 100 Millionen Dollar blockiert. 51 Millionen wurden Ende 2016 an die US-Behörden nach Houston transferiert, wo die Ermittlungen laufen. In einem Fall tauchen Konten der Credit Suisse auf, wie Recherchen zeigen.

Total wuschen Kriminelle laut US-Justizministerium allein in einem der beiden Fälle über eine Milliarde Dollar. Für Martín Rodil, der im Austausch mit US-Ermittlern steht, ist das nur die Spitze des Geldbergs: «Die Schweiz ist ein Schlüsselstandort mehrerer solcher Operationen», sagt er. «Ich bin sicher, dass die Schweizer Behörden früher oder später das Ausmass der venezolanischen Korruption verstehen werden.»

Von Korruption verseucht

Rodil ist eine kontroverse Figur. Im nationalen Fernsehen wurde er als Verräter betitelt, sein Pass wurde ihm aberkannt, heute besitzt er die israelische Staatsbürgerschaft. Sein Motiv sei Wut, sagt er: «Ich habe kürzlich ein Foto meiner Familie gesehen. Da sind Professoren drauf, ein Architekt. Sie haben alle massiv an Gewicht verloren. Unser Land funktioniert nicht mehr, Spitäler haben Probleme, Leute sterben.»

Dabei wäre Venezuela reich an Bodenschätzen, die Ölvorräte gehören weltweit zu den grössten. Aber der Reichtum kommt nicht in der Bevölkerung an. Die sozialistischen Präsidenten Hugo Chávez (1999-2013) und Nicolas Maduro (seit 2013) waren mit dem Versprechen angetreten, mit der Korruption der herrschenden Klasse aufzuräumen – heute gelten sie als so korrupt wie ihre Vorgänger. Auf dem Index von Transparency International erscheint Venezuela auf Platz 166 von 176.


Bildstrecke: Proteste in Venezuela


Das Ölkonglomerat PDVSA, mit Abstand die wichtigste Umsatzquelle der venezolanischen Wirtschaft, ist von Korruption verseucht, spätestens, seit Hugo Chávez 2002 grosse Teile des Managements auswechselte und mit loyalen Leuten besetzte. Zwischen 2004 und 2014 haben Profiteure nach einem Report des venezolanischen Parlaments mindestens elf Milliarden Dollar abgezweigt. Zu ihnen gehörten Spitzenbeamte des Chávez-Regimes. Manch einer ist heute Multimillionär – und parkte Reichtümer in der Schweiz.

«Shit, Bro»

Zum Beispiel Nervis Villalobos Cárdenas. Der Ingenieur brachte es unter Chávez bis zum Vize-Energieminister, bevor er sich 2006 privaten Geschäften zuwandte. Die spanische Polizei verhaftete ihn und drei weitere PDVSA-Funktionäre am 26. Oktober 2017 in Madrid, was beidseits des Atlantiks für Schlagzeilen sorgte – Villalobos ist der bisher ranghöchste im Ausland verhaftete Ch a vist . Die USA wollen ihn ausgeliefert sehen; Staatsanwälte in Houston haben ihn und vier weitere Ex-Chefbeamte wegen Geldwäscherei im grossen Stil angeklagt.

Die US-Anklage ist seit dem 12. Februar öffentlich. Demnach leiteten Villalobos & Co zwischen 2011 und 2013 über 27 Millionen Dollar an Schmiergeldern auf Konten in der Schweiz; allein Villalobos erhielt davon über zehn Millionen. Mehrere der Konten befanden sich bei der Grossbank Credit Suisse.

Millionen für Einfluss bei der PDVSA

Die Gegenleistung für die Millionen? Laut Anklage hatte Villalobos auch nach seinem Abgang aus der Regierung Einfluss bei der PDVSA. Diesen nutzten er und seine Kollegen, um den Schmierern Aufträge zuzuschanzen, oder um dafür zu sorgen, dass der notorisch an Cash-Mangel leidende Ölkonzern die Rechnungen der Bestecher zuerst zahlte.

Sichergestellte Chats zeigen, dass die Funktionäre im Netz von Briefkastenfirmen bisweilen selbst den Überblick verloren: «Shit, Bro, ich habe es schon geschickt! Ich schaue, was ich tun kann!», schrieb ein Beamter 2011, als er merkte, dass eine Millionenzahlung an ein falsches Konto gegangen war. Später scherzte sein Gegenüber: «Ich brauche Liebe $$$$$$ hahahaha.»

«Swiss Banker 1»

Die Chávez-Beamten hatten laut Anklage Hilfe in der Schweiz. Sie gingen nicht direkt zu hiesigen Banken, um Konten zu eröffnen, sondern wandten sich an einen Vermögensverwalter, den die US-Ermittler nur «Swiss Company A» nennen. Bei dieser Firma arbeitete ein Partner, der in der Anklage als «Swiss Banker 1» auftaucht. Dieser «Banker 1» half den Funktionären, falsche Rechtfertigungen für die Schmiergelder zu erfinden, etwa Rechnungen für nie geleistete Arbeit. Und: Sie oder er eröffnete Schweizer Konten für die Venezolaner. So schrieb «Banker 1» 2011 an Villalobos und zwei andere Eingeweihte, seine Firma habe vier Konten für sie eröffnet. Zwei informierte Quellen bestätigen, dass mehrere der Chavista -Konten bei Credit Suisse waren. In den US-Ermittlungen tauchen total neun Schweizer Konten auf.

«Mit Garantie Hochrisikokunde»

Die CS sagt nichts zum konkreten Fall. Ein Sprecher schreibt: «Credit Suisse verfügt über strenge interne Kontrollmechanismen zur Abwehr von Finanzkriminalität und hält sich an alle geltenden Gesetze und Vorschriften in den Ländern, in denen sie tätig ist. Wenn wir bei Geschäftsbeziehungen Hinweise auf unrechtmässige Absichten haben, gehen wir gezielt dagegen vor. Das Spektrum der Massnahmen reicht von der Meldung an die Aufsichtsbehörden, der Einschränkung der Aktivitäten bis hin zur Beendigung der Geschäftsbeziehung.»

Villalobos’ US-Anwalt schreibt auf Anfrage, sein Klient sei bereit, sich der US-Anklage zu stellen. Er habe bereits im Dezember der Auslieferung zugestimmt. Ob er ein Geständnis ablegt oder die Vorwürfe bestreitet, ist noch nicht bekannt.

Es ist Schweizer Banken nicht verboten, einen Ex-Vizeminister aus einem korruptionsanfälligen Land als Kunden anzunehmen. Aber: «Ein Ex-Regierungsmitglied aus einem Land wie Venezuela ist mit Garantie Hochrisikokunde», sagt Anwalt David Zollinger, Ex-Staatsanwalt und Banker. «Das wirft Fragen auf: Die Staatsnähe. Die hohen Vermögen. Und die Tatsache, dass später Strafbehörden an verschiedenen Orten aktiv geworden sind. Das deutet auf Probleme hin.»

«Wir reden hier von einem klassischen Fall von Korruptionsrisiko.»Patrick Meyer, Compliance-Spezialist

Der Zürcher Anwalt und Compliance-Spezialist Patrick Meyer sagt: «Wir reden hier von einem klassischen Fall von Korruptionsrisiko.» Die Kunden müssten der Bank erklären können, wie sie ihre Reichtümer erlangt hätten, bis hin zu detaillierten und glaubwürdigen Belegen einzelner Deals.

Wenn ein Vermögensverwalter mit Kunden an eine Bank gelangt, wie es die «Swiss Company A» mit den Venezolanern tat, verkompliziert sich die Sache. Meyer und Zollinger sind sich einig, dass eine Bank ihre Verantwortung nicht einfach abschieben kann. «Das Geldwäschereigesetz gilt genau gleich», sagt Zollinger. Auf der anderen Seite sei es zulässig und sinnvoll, dass die Bank sich bei der Abklärung von Transaktionen auch auf Angaben des externen Vermögensverwalters stütze, sagt Meyer: «Der ist schliesslich näher dran am Kunden.» Wenn nun der Verwalter kriminelle Energie habe und so weit gehe, beim Fälschen von Dokumenten zu helfen, dann werde es für die Bank schwieriger, Lügen aufzudecken. «Umso mehr gilt, dass eine Bank einem Vermögensverwalter nicht einfach blind vertrauen darf. Sie sollte dessen Angaben auf ihre Plausibilität hin überprüfen», so Meyer.

Auch für die Finma ist die venezolanische Korruption ein Thema. Ein Sprecher schreibt, man stehe im Fall PDVSA mit verschiedenen Schweizer Banken in Kontakt und prüfe, ob diese das Aufsichtsrecht eingehalten haben. Ebenso laufen bei der Finma mehrere Verfahren gegen Banken, bei welchen «auch das Verhalten im Zusammenhang mit PDVSA abgeklärt wird», so der Sprecher.

Früher Tourist, jetzt Flüchtling

Im New Yorker Hotel sagt Martín Rodil, es sei nur eine Frage der Zeit, bis weitere Fälle wie Nervis Villalobos ans Tageslicht kämen. Und es würden wieder Schweizer Banken darin involviert sein. «Es gibt minimale Standards, die man als Bank einhalten sollte. Manche Schweizer Banker foutierten sich darum.»

Bevor er zum nächsten Treffen aufbricht, erzählt er von einem Besuch in Zürich. Um einen Kunden zu treffen, nahm er sich ein Taxi. Der Fahrer sprach Spanisch, sein Akzent kam Rodil bekannt vor. Kein Wunder – sie waren beide in derselben Stadt aufgewachsen. «Früher haben wir unser Land als Touristen verlassen», sagt er. «Heute gehen wir als Flüchtlinge.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.02.2018, 21:53 Uhr

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