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Millionen-Boni sind Leistungskiller fürs mittlere Kader

Die Boni-Wirtschaft hat einen verheerenden Einfluss auf die Rekrutierungspraxis von Headhuntern, Personalvermittlern und Rollkofferkommandos der Beraterszene.

Sergio Ermotti von der UBS erhält 14,6 Millionen Franken persönliche Boni und Vergütungen, Severin Schwan von Roche 12,3 Millionen, Joseph Jimenez von Novartis 12,0 Millionen, Tidjane Thiam von Credit Suisse 11,9 Millionen, Paul Bulcke von Nestlé 11,6 Millionen. So manifestierte sich in diesem Frühjahr die Rangliste der Top-­Boni-Bezüger der Konzerne.

Das medienintensive Anti-Boni-Gewitter der Aktionärsversammlungen hat sich wieder verzogen. Die Boni-Wirtschaft wird ruhig weiterlaufen und im nächsten Frühjahr erneut für Schlagzeilen sorgen.

Seit 2014 sind die Boni in den Konzernen noch angestiegen. Sie sind etwa doppelt so hoch wie in vergleichbaren Konzernen in England.

In der Bundesverfassung steht zwar der 2013 vom Volk gegen die gesamte Wirtschaftselite angenommene Text der Abzockerinitiative. Die «Verordnung gegen übermässige Vergütungen» (Vegüv) ist seit 2014 in Kraft. Seither sind jedoch die Boni in den grossen Konzernen noch angestiegen. Sie sind etwa doppelt so hoch wie in vergleichbaren Konzernen in England. Zwar verschafft diese Verordnung eine heilsame Transparenz und verhindert seither die krassesten Boni-Exzesse wie jene von Daniel Vasella bei Novartis oder Brady Dougan bei der CS. Aber das System des Abräumens durch die Topmanager bleibt unverändert. Nur ist es jetzt perfektionierter mit scheinexakten mathematischen Vergütungsmodellen, die niemand versteht.

Ein veritables Kommunikationsdesaster lieferte die Credit Suisse, als sie kurz nach Ostern mit einer technisch formulierten «Aktualisierung des Vergütungsberichts» die Boni der gesamten Geschäftsleitung «freiwillig» um 40 Prozent senkte. Der Senkungsvorschlag kam intern vom CEO Tidjane Thiam. Verwaltungsratspräsident Urs Rohner folgte nur widerwillig.

Aus der Wirtschaftsforschung weiss man heute: Es besteht kein Zusammenhang zwischen dem Boni-Volumen für das Topmanagement und dem Unternehmenserfolg. Die CS erwirtschaftete in den letzten zwei Jahren zusammen zwar über fünf Milliarden Franken Verluste, und die Aktionäre verloren seit 2011 zwei Drittel des Aktienwerts. Doch das Boni-Volumen wurde noch gesteigert.

Aus der Wirtschaftsforschung weiss man heute: Es besteht kein Zusammenhang zwischen dem Boni-Volumen für das Topmanagement und dem Unternehmenserfolg.

Häufig sind schlechte Unternehmensergebnisse die Folge von Fehlleistungen früherer Topmanager. Die Milliardenverluste der Credit Suisse bei der Veräusserung der Investmentbank DLJ gehen auf die Fehlentscheide in der Ära Lukas Mühlemann und Walter Kielholz zurück. Die Milliardenbusse 2016 in den USA wegen Steuerfluchthilfe wurde Jahre zuvor in der Ära von Brady Dougan und Urs Rohner ausgelöst. Die Milliardenzahlung 2015 an die USA war das Resultat der krummen Touren der CS im Subprime-Geschäft vor 2007 in der Ära von CEO Oswald Grübel.

In dieser Phase der überhitzten Spekulation konnte Grübel laut deutschen Vergütungsexperten schätzungsweise 500 Millionen Franken Boni aus der Bank privat an sich ziehen. Nun muss der jetzige CEO Thiam, der die CS stabilisieren und die Spekulationsabteilung herunterfahren will, politisch den Kopf für die jüngsten Verluste hinhalten.

Boni sind das Bereicherungsvehikel einer Kaste, die sich gegenseitig stützt, gegenseitig deckt und Unternehmenssubstanz privat abräumt.

All dies zeigt, dass Boni als Steuerungsinstrument schlicht versagen. Sie sind bloss das global eingespielte Bereicherungsvehikel einer Kaste, die sich gegenseitig stützt, gegenseitig deckt und Unternehmenssubstanz privat abräumt.

Die Thomas Minders und Kleinaktionäre, die an der Generalversammlung jeweils medienwirksam ausrufen, haben wenig Einfluss. An der letzten CS-Generalversammlung waren zwar 1600 gourmetgeköderte Kleinaktionäre anwesend, aber sie repräsentierten zusammen nur gerade 1,3 Prozent aller Stimmrechte. Die wichtigen GV-Entscheide werden durch vorherige Kontakte mit den beherrschenden internationalen Grossinvestoren vorgespurt.

In 50 Prozent aller Fälle sind Boni ausgerichtet worden, weil die Konzernchefs Kapazitätsabbau mit Entlassungen und Teilveräusserungen ankündigten.

Vor der Finanzkrise wurde jede Kritik an der Boni-Wirtschaft von der NZZ gehässig als «Neid-Ökonomie» gemassregelt. Heute darf man auch über die Schäden der Boni-gesteuerten Konzernwirtschaft reden. Die Vergütungssysteme führen nämlich zu einer Diktatur des kurzfristigen Denkens und Handelns in den Konzernspitzen. Die Topmanager werden auf den kurzfristigen Erfolg fixiert. Sie räumen das Feld, wenn sie einige Jahre die Boni abgeräumt haben. Die Verweildauer eines CEO in Schweizer Grosskonzernen ist durchschnittlich fünf Jahre. 43 Prozent der Manager sind Ausländer. In 50 Prozent aller Fälle sind Boni ausgerichtet worden, weil die Konzernchefs kurzfristigen Kapazitätsabbau mit Entlassungen und Teilveräusserungen in Aussicht stellten.

Der grösste Schaden der Boni kommt indes von der Zerstörung der Leistungsbereitschaft bis weit ins tragende, mittlere Kader. Dies belegen jetzt auch Verhaltensökonomen in der «Harvard Business Review». Was denken hart arbeitende, mittlere Kader und Leistungsträger mit vielleicht 200'000 Franken Lohn und Bonus, wenn ihre obersten Chefs 30- bis 50-mal mehr verdienen und kein Risiko tragen, während sie selber ihren Lohnzuschlag verlieren, wenn sie das ausgehandelte Leistungsziel nicht erfüllen?

Die Boni-Wirtschaft hat einen verheerenden Einfluss auf die Rekrutierungspraxis von Headhuntern, Personalvermittlern und Rollkofferkommandos der Beraterszene. Was immer mehr zählt, ist das oberflächliche Erscheinungsbild der Karrierekandidaten. Zum Aufstieg in eine Konzernspitze braucht es wohl 30 Prozent Selbstdarstellung und Blendertum, 30 Prozent Verankerung in einer Männerseilschaft, 30 Prozent Kompetenz – und der Rest ist Glück.

Zum Aufstieg in eine Konzernspitze braucht es wohl 30 Prozent Selbstdarstellung und Blendertum, 30 Prozent Verankerung in einer Männerseilschaft, 30Prozent Kompetenz – und der Rest ist Glück.

Die Umsetzung der Abzockerinitiative war bisher bloss in einer Verordnung des Bundesrats geregelt. Im kommenden Monat wird sich nun die Rechtskommission des Nationalrats mit der Verankerung im Obligationenrecht befassen. Die Transparenzpflicht soll bestehen bleiben, aber nach der Vernehmlassung sind, dem neoliberalen Weltbild folgend, keine materiellen Vorgaben für Boni vorgesehen. Die Wirtschaftsverbände bekämpfen sogar einen blossen Richtwert für eine Geschlechterquote im Verwaltungsrat.

Eine materielle Regelung im Interesse der Wirtschaft und der Aktionäre müsste etwa folgende Vorschriften enthalten:

  • Die Boni müssen zuerst in einem Fonds parkiert und danach stufenweise erst nach fünf bis zehn Jahren ausbezahlt werden, wenn das Unternehmen Erfolg hat. Im Extremfall sind sie zurückzufordern, wie derzeit bei der Deutschen Bank.
  • Die Boni dürfen nur im Gleichschritt mit den Dividendenauszahlungen und den Vergütungen der mittleren Kader steigen.
  • Konjunktureinflüsse, auf die das Management keinen Einfluss hat, müssen aus den Geschäftsergebnissen herausgerechnet werden.
  • Die scheinexakten Bonus-Berechnungsmodelle müssen einem einfachen und verständlichen System weichen. Auf Vergütungsberatungsexperten und all die praxisfernen Visitenkärtchenschleicher aus den Business-Hochschulen kann man verzichten.

Was hier beschrieben worden ist, ist die Realität in den multinationalen Konzernen. Die Realität in kleinen und mittleren Unternehmen ist eine andere. Zum Glück besteht die Schweizer Unternehmenslandschaft zu 99 Prozent aus KMU. Sie sind es, die die breite Verteilung unseres Wohlstands sicherstellen!

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