Börse lässt die Träume der Milchbauern platzen

Der Milchkonzern Hochdorf forcierte die Expansion ins einträgliche Geschäft mit Babynahrung. Anleger reagieren auf die mangelhafte Umsetzung dieser Strategie.

Die Milch läuft, das Geschäft nicht. Seit Anfang Jahr hat die Hochdorf-Aktie 60 Prozent an Wert verloren. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Die Milch läuft, das Geschäft nicht. Seit Anfang Jahr hat die Hochdorf-Aktie 60 Prozent an Wert verloren. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Andreas Flütsch@tagesanzeiger

Die Aktien des Milchverarbeiters Hochdorf stürzten gestern an der Börse zeitweise bis zu 20 Prozent ab und lagen am Abend 14 Prozent im Minus. Seit Anfang dieses Jahres hat der auf Milch­pulver und Babynahrung spezialisierte Konzern an der Börse 60 Prozent seines Wertes verloren. Im Höchst war eine Aktie von Hochdorf 340 Franken wert, gestern nach Börsenschluss noch 103.20 Franken.

Schmerzen bereitet der Wertschwund den 3100 Milchbauern, die im Innerschweizer Produzentenverband ZMP organisiert sind. Denn der Finanzarm des ZMP hatte die Beteiligung an Hochdorf über die Jahre von unter 3 Prozent auf 14,5 Prozent aufgestockt. Der Traum der Milchbauern, Hochdorf werde die gleiche Erfolgsstory wie der Milchkonzern Emmi, an dem sie 53 Prozent halten, ist jedoch geplatzt. Der Börsensturz zeigt, wie sehr viele Anleger inzwischen der riskanten Expansionsstrategie des Milchkonzerns mit Sitz in Hochdorf LU misstrauen.

Ende August kam die erste Gewinnwarnung. Der Umsatz im ersten Halbjahr war um 7 Prozent auf 281 Millionen Franken gefallen. Nach einem Gewinn von knapp 14 Millionen Franken im Vorjahr fiel Hochdorf im ersten Halbjahr 2018 mit einem Verlust von 2,2 Millionen Franken in die Verlustzone. Diese Woche sorgte eine zweite Gewinnwarnung für Aufregung unter Anlegern. Erneut musste Hochdorf die Umsatz- und Gewinnprognosen nach unten revidieren.

Zu denken gibt den Aktionären etwa, dass Hochdorf in China nach wie vor kein Milchpulver verkaufen darf. Wie alle Konkurrenten mussten die Luzerner sich um neue Bewilligungen für ihre Marken bemühen. Während grosse chinesische Anbieter und Grosskonzerne wie Nestlé und Danone bereits über die nötigen Bewilligungen verfügen, wartet Hochdorf auf grünes Licht aus Peking. «Wir haben noch keine Registrierung für unsere Marken erhalten», sagt ein Sprecher von Hochdorf. Mit der Folge, dass die Luzerner im weltweit grössten Wachstumsmarkt China vorderhand keine Babynahrung anbieten dürfen.

Schlechter als erwartet

Hinzu kommt, dass die Ende 2016 für insgesamt knapp eine Viertelmilliarde Franken zugekaufte Babynahrungstochter Pharmalys schlechtere Geschäfte macht als erwartet. Der Vertrieb der tunesischen Pharmalys läuft in Nordafrika und im Nahen Osten schleppend. Ein Grund dafür sind Kunden von Pharmalys, die unter den Vorbesitzern bis zu 180 Tage und teils noch länger ihre Rechnungen nicht zahlten. Das soll sich ändern. Bis Massnahmen greifen, dauert es aber. Das Malaise reicht indes tiefer.

Der langjährige Konzernchef Thomas Eisenring wollte Hochdorf rasch vom Anbieter von Milchpulver für die Schoggi­industrie mit niedrigen Margen von 3 bis 4 Prozent auf Stufe ­Betriebsgewinn zum Babynahrungsspezialisten mit 7 Prozent und mehr Marge umbauen. Die Börse reagiert auf die mangelhafte Umsetzung der Strategie.

Im Juni musste Eisenring den Verkauf der litauischen Tochter Baltic Milk bekannt geben. Deren verarbeitete Milchmenge ging allein von 2015 bis 2017 um ein Viertel zurück. Seit 2016 schrieb das Werk auf Stufe Betriebsgewinn rote Zahlen, zudem standen grössere Investitionen an. Die Hoffnungen, von Litauen aus den EU-Markt zu erobern, erfüllten sich nicht.

Die ostdeutsche Uckermärker Milch, an der Hochdorf 60 Prozent hält, verarbeitete 2017 fast 30 Prozent weniger Menge als im Vorjahr. Die Fabrik macht Verlust, worauf die Schliessung der Quarkproduktion angekündigt wurde. In Südafrika hat Thomas Eisenring zudem eine Schoggifabrik gekauft, die weiterhin nichts abwirft.

Heikel ist, dass Eisenring vor Jahresfrist die deutsche Firma Zifru an Hochdorf verkaufte, an der er 43 Prozent hielt. Er trat beim Kauf in Ausstand. Der Vorgang sei dennoch «höchst unschön», sagt ein Analyst einer Bank. Hochdorf habe «das Vertrauen des Finanzmarkts verspielt», findet Ronald Wildmann von Research Partners, der Hochdorf für Profianleger analysiert.

«Schon etwas unschön»

Missfallen dürfte nicht nur den Milchbauern das komplexe Verhältnis zwischen Hochdorf und der tunesischen Pharmalys. Der Vorbesitzer Amir Mechria hielt 49 Prozent an Pharmalys. Da er sich vorab in Aktien zahlen liess, wird Mechria 2020 Hochdorfs grösster Aktionär mit 20 Prozent. Bis 2023 darf er seine Minderheit an Pharmalys Hochdorf andienen. Will Hochdorf diese nicht, darf sie sie bei Dritten platzieren. Anleger mögen solche Unwägbarkeiten auf lange Sicht nicht – Pläne für eine Hybridanleihe über 100 Millionen Franken mussten im Juni mangels Interesse von Investoren schubladisiert werden.

Liess Hochdorf sich über den Tisch ziehen? Es sei «schon etwas unschön», dass sich die Zahlen der Pharmalys ausgerechnet nach Zahlung des finalen Kaufpreises «nun so schnell und so deutlich verschlechtert haben», steht in einer Analyse der Helvetischen Bank.

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