Bern kann auch ohne Airbnb zum digitalen Hotspot werden

Nach Uber bremst Bern jetzt auch Airbnb. Das schadet dem Tourismus. Für Berns digitale Zukunft ist anderes aber wichtiger.

Nach den städtischen Entscheiden gegen Airbnb und Uber kommen Klagen auf, Bern verschliesse sich den neuen Technologien und verliere so den Anschluss in Sachen Digitalisierung.

Nach den städtischen Entscheiden gegen Airbnb und Uber kommen Klagen auf, Bern verschliesse sich den neuen Technologien und verliere so den Anschluss in Sachen Digitalisierung. Bild: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Diese Woche hat die Stadt Bern der Ferienwohnungsplattform Airbnb den Kampf angesagt. Grundsätzlich ist Airbnb eigentlich eine gute Sache: Die US-Plattform zählt gleich wie Mobility und die gute alte Kornhausbibliothek zur sogenannten Sharing-Economy.

Die Idee dahinter: die eigenen Habseligkeiten nicht nur selber zu nutzen, sondern mit anderen zu teilen. Teilen ist ökologisch sinnvoll, das gilt im Prinzip auch für Airbnb: Wenn Feriengäste in bestehenden Wohnungen unterkommen, kann man sich den Bau eines neuen Hotels sparen, was nicht nur weniger Baulärm bedeutet, sondern unter dem Strich auch eine geringere Umweltbelastung.

Zudem wird Bauland geschont, was wiederum den Bau zusätzlicher Wohnungen ermöglicht. Teilen ist grundsätzlich auch ökonomisch vernünftig: Wenn beispielsweise ein 50'000-Franken-Auto mehrheitlich in der Einstellhalle steht, bindet das unnötig Kapital, das andernorts produktiv eingesetzt werden könnte.

Dass der Gemeinderat nun Airbnb trotzdem bremsen will, liegt daran, dass sich die Plattform teils stark von der ursprünglichen Idee entfernt hat. Es geht heute bei vielen Angeboten nicht mehr darum, das eigene Zuhause anderen zur Verfügung zu stellen, wenn man geschäftlich oder privat unterwegs ist. Stattdessen werden über Airbnb vermehrt professionell bewirtschaftete Ferienwohnungen vermarktet. Diese fehlen dann am Mietmarkt, was theoretisch die Mieten erhöht.

Uber hinterlässt Spuren

Ob das in der Praxis einen spürbaren Einfluss auf die Wohnungspreise hat, darüber lässt sich streiten. Vergleicht man das Angebot auf Airbnb mit der Gesamtzahl aller Wohnungen in Bern, ist der Effekt vermutlich vernachlässigbar. Airbnb kann sogar helfen, Wohnraum zu vergünstigen. Wenn etwa ein Student in den Semesterferien regelmässig verreist, kann er sein Zuhause auf Airbnb anbieten und erhält so einen Zustupf an die Miete.

Die Intervention des rot-grün dominierten Gemeinderats ist also alles andere als zwingend. Zumal die Angst vor einer Geisterstadt übertrieben ist. Airbnb ist nicht der erste Akteur der Sharing-Economy, der die rot-grüne Skepsis zu spüren bekommt. Bereits früher wurde der Fahrdienst Uber von der Stadt ferngehalten. Er ist wegen seiner Anstellungsbedingungen für die freischaffenden Fahrer international in die Kritik geraten. Bern ist deshalb bei weitem nicht die einzige Uber-freie Zone der Welt. So haben teilweise ganze Länder, etwa Dänemark, dem Anbieter die Tür gewiesen. Selbst in den USA, dem Heimatland des Fahrdiensts, haben einzelne Städte und Bundesstaaten Uber mit Vorschriften zum Rückzug gezwungen.

Doch glücklicherweise ist Uber nicht spurlos an Bern vorbeigegangen. Glücklicherweise deshalb, weil die Digitalisierung dem Taxiwesen grosse Vorteile bringt. Als Reaktion auf Uber haben die Schweizer Taxis ihrerseits eine App namens Go entwickelt. Sie erleichtert etwa den effizienten Einsatz der Fahrzeuge und kann so die unproduktive Wartezeit am Taxistand reduzieren. Für die Kunden ist es dank der App einfacher, verschiedene Taxidienste miteinander zu vergleichen.

Ferienwohnung statt Hotel

Ist somit der Schuss vor den Bug von Uber und Airbnb überhaupt kein Problem für Bern? Nicht ganz. Denn für den Tourismus könnten die Entscheide durchaus unangenehme Folgen haben. Natürlich gibt es auch touristische Dienstleister, die davon profitieren, die Hotels etwa oder die Taxis. Tatsache ist aber, dass Uber für Touristen bequem ist und Airbnb bei Reisenden immer beliebter wird. Manch einer hat schon Reisen umgeplant, weil er an einem Ort keine geeignete Ferienwohnung fand.

Kommt dazu: Gäste, die in Ferienwohnungen übernachten, sind in der Regel aus touristischer Sicht interessant. Sie reisen individuell, wovon kleinere Anbieter und Nischenprodukte profitieren, und bleiben länger. Nur für eine Nacht bucht kaum jemand eine Ferienwohnung, weil die Kosten für die Endreinigung unabhängig von der Buchungsdauer anfallen.

Ein konkretes Beispiel für Reisende, die neuerdings vorzugsweise Ferienhäuser buchen, sind die Araber, die übrigens als besonders ausgabefreudig gelten. Sie sind in den letzten Jahren dazu übergegangen, statt im Hotel in Ferienhäusern oder -wohnungen zu übernachten. Im Oberland hatte das Folgen: Während letzten Sommer deutlich weniger Gäste aus den Golfstaaten nach Interlaken reisten, blieb die «Ferienwohnungshochburg» Grindelwald bei ihnen hoch im Kurs. Hoffen wir, dass die Tourismusstadt Bern nun in der Gunst der Araber und der Digital Natives nicht zu stark verliert.

Nach den städtischen Entscheiden gegen Airbnb und Uber kommen Klagen auf, Bern verschliesse sich den neuen Technologien und verliere so den Anschluss in Sachen Digitalisierung. So verzagt und defensiv die Haltung ist, die in der Abwehr von Airbnb und Uber zum Ausdruck kommt: Die beiden Anbieter sind keine Schlüsselunternehmen der Digitalisierung, sondern nur in sehr begrenzten Märkten aktiv. Etwas anderes wäre es, wenn Bern plötzlich Microsoft, Google oder Apple aussperren würde. Dann wäre das Klagen mehr als berechtigt.

Anderes ist wichtiger

Ob Bern beim Thema Digitalisierung mithalten kann oder nicht, hängt von anderem ab. Etwa davon, wie gut die Informatikausbildung an den bernischen Hoch- und Berufsschulen ist. Oder davon, ob es in der Stadt geeignete Arbeitsräume und verfügbares Startkapital für Jungunternehmen gibt. Ob ein flächendeckendes Netzwerk für das Internet der Dinge gespannt wird. Ob sämtliche städtischen Schulen mit WLAN ausgestattet werden. Ob die Stadtverwaltung ihre Angebote und ihre Kommunikation noch stärker digitalisiert. Aber auch, ob Bern sowohl für Tech-Unternehmen als auch für gut verdienende Spezialisten als Heimat attraktiv ist. Davon hängt ab, ob Bern die Chancen nutzt, die die Digitalisierung bietet, und zum digitalen Hotspot wird. (Der Bund)

Erstellt: 19.05.2018, 08:27 Uhr

Artikel zum Thema

Stadt Bern plant Teil-Verbot von Airbnb-Angeboten

In der Berner Altstadt soll es künftig nicht mehr möglich sein, Zweitwohnungen für kurze Dauer an Feriengäste zu vermieten. Kritiker sprechen von «Protektionismus». Mehr...

Stadt zieht Notbremse bei Airbnb

Die Zunahme der über Airbnb vermieteten Wohnungen in der Berner Altstadt könnte zum Problem werden, sagt Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL). Mehr...

«Sehe in Bern keinen Handlungsbedarf»

Interview In der Berner Altstadt gebe es nur 60 Objekte mit Airbnb-Wohnungen, sagt Professor Roland Schegg. Deshalb sieht er keinen riesigen Verlust an Erstwohnungen. Mehr...

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Kommentare

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Die Welt in Bildern

Mutprobe zur Ehrung des Schutzpatrons der Haustiere: Ein Mann reitet im spanischen San Bartolome de Pinares auf seinem Pferd durch ein Lagerfeuer. Die Tiere sollen durch den Rauch des Feuers im kommenden Jahr geschützt werden. (16. Januar 2019)
(Bild: Felipe Dana) Mehr...