Ausverkauf bei der Hochseeflotte

Zwölf Schiffe, die unter Schweizer Flagge fahren, sollen ins Ausland verkauft werden. Der Bund dürfte auf Verlusten von bis zu 150 Millionen Franken sitzen bleiben.

Die SCL Bern: Um das Schweizer Schiff wurde vor zwei Jahren vor einem kanadischen Gericht gestritten. Foto: Hans Raffelt

Die SCL Bern: Um das Schweizer Schiff wurde vor zwei Jahren vor einem kanadischen Gericht gestritten. Foto: Hans Raffelt

Christoph Lenz@lenzchristoph

Dieser Deal wird teuer für die Schweiz. Seit Monaten bieten Schiffsbroker zwölf Schweizer Hochseeschiffe feil, die mit Staatsgarantien des Bundes gekauft wurden. Nun verdichten sich die Hinweise, dass ein Käufer gefunden ist. Es handelt sich um eine ausländische Investorengruppe, die von einem libanesisch-kanadischen Geschäftsmann namens Talal Hallak vertreten wird. Hallak soll Branchenkennern zufolge ein Angebot für die gesamte Flotte vorgelegt haben. Beim Bund hoffte man bislang, rund 80 Millionen Franken für die Schiffe zu lösen. Das Gebot Hallaks soll etwa den Erwartungen des Bundes entsprechen. Kommt der Deal tatsächlich zustande, so dürfte dem Bund aus den Bürgschaften von 230 Millionen Franken also ein Verlust von rund 150 Millionen Franken bleiben.

Die fraglichen Schiffe – acht Frachter und vier Tanker – gehören zur SCL/SCT-Gruppe des Schweizer Reeders Hansjürg Grunder. Weder Grunder noch das in den Verkauf eingespannte Wirtschaftsdepartement von Bundesrat Johann Schneider-Ammann wollen die Verhandlungen mit Hallak bestätigen. Aus der Zürcher Enzian-Reederei, die acht der zwölf Schiffe bewirtschaftet, ist aber zu vernehmen, dass Mitarbeiter bereits über den anstehenden Verkauf informiert wurden. Die Enzian-Reederei sei bald nicht mehr für das Management der Flotte zuständig, soll es intern geheissen haben. Bewirtschaftet würden die Schiffe künftig durch zwei niederländische Unternehmen. Zudem würden die zwölf Schiffe nicht mehr unter Schweizer Flagge verkehren.

Ein Deal unter alten Freunden

Hallak ist in der Schweizer Hochseeschifffahrt kein Unbekannter. Jahrelang war der in Montreal gemeldete Unternehmer ein enger Geschäftspartner von SCL/SCT-Patron Grunder. Dann kam es zum Streit: Wegen offener Rechnungen in der Höhe von mehreren Millionen Dollar liess Hallak am 28. Mai 2014 ein Schiff Grunders, die SCL Bern, festsetzen. Ein kanadisches Gericht entschied schliesslich zugunsten Grunders und ordnete die Freigabe der SCL Bern an.

Bemerkenswert wäre ein Flottenverkauf ins Ausland insofern, als es auch Schweizer Schifffahrtsunternehmen gab, die sich für die Schiffe der SCL/SCT-Gruppe interessierten. Die Vorteile einer inländischen Lösung: Die zwölf Schiffe würden im Krisenfall weiterhin für die Landesversorgung zur Verfügung stehen. Zudem könnte der Bund die Verluste für die öffentliche Hand zumindest vorläufig noch einschränken. Eine Verlängerung der Bürgschaften für die zwölf Schiffe – insgesamt rund 230 Millionen Franken – wäre für die Banken unter Umständen akzeptabel gewesen.

Mit dem Auslandverkauf kann sich der Bund aber eines ordnungspolitisch ungemütlichen Dossiers entledigen. Obschon es nach den Fällen Swissair und UBS in Bern kategorisch hiess «Nie mehr Staatsrettung!», kämpfen das Wirtschafts- und das Finanzdepartement seit inzwischen drei Jahren händeringend um das Überleben der SCL/SCT-Gruppe und anderer Hochseereedereien.

Im Juni 2015 revidierte der Bundesrat in einer Notfallübung eine Verordnung, um eine Millionen-Bürgschaft für einen alten SCL-Kahn zu verlängern und einen Konkurs der Eigentümerin abzuwenden. Seither mussten zur Stabilisierung der Reedereien sechs weitere Bürgschaften verlängert werden. Zudem hat der Bund schon zahlreiche Wirtschafts­beratungsunternehmen angeheuert, ­darunter Ernst & Young, BDO und PWC. Ihre Aufgabe: Strategien für die Schweizer Schifffahrtsunternehmen zu entwickeln. Doch während dies bei manchen Reedereien half, die Situation zu stabilisieren, steht bei der SCL/SCT-Gruppe nun endgültig die Liquidation der mit Staatsgarantien belegten Flotte im Vordergrund. Mit anderen Worten: Man hat sich für ein Ende mit Schrecken entschieden.

Hauptgrund für die finanziellen Schwierigkeiten der Schweizer Hochseeflotte ist die globale Schifffahrtskrise, die sich seit 2008 zunehmend verschärft hat. Sie ist unter anderem auf rückläufige Handelsvolumen, massive Überkapazitäten beim maritimen Transport und fallende Erdölpreise zurückzuführen.

Die Bundesbürgschaften sind ein Instrument aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Mit ihnen wollte die Politik sicherstellen, dass die Schweiz über eine Hochseeflotte verfügt, die das Land im Krisenfall mit den wichtigsten Gütern versorgen kann. Derzeit bürgt der Bund mit rund 800 Millionen Franken für 40 Schiffe. Ende 2016 nahm der Bundesrat Rückstellungen von 200 Millionen Franken vor, um sich gegen Ausfälle abzusichern. Zugleich gab Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann (FDP) bekannt, dass der Bund sein Engagement in der Hochseeschifffahrt mittelfristig reduzieren möchte. Der Bundesrat stützte sich dabei auf eine Analyse, die ergeben hatte, dass die Landes­versorgung auch ohne die Bürgschaften in diesem Umfang gewährleistet ist. Der Bundesrat will die Situation aber weiter beobachten und den Entscheid zum Rückzug aus der Hochseeschifffahrt gegebenenfalls überdenken.

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