Auch der SBB-Angestellte pendelt mit einem Generalabonnement

Das GA sei für Pendler zu billig, kritisiert SBB-Präsident Ulrich Gygi. Konkrete Zahlen liefern die SBB aber nicht.

Wer ist Pendler? Wer benützt ein GA? Menschenströme bewegen sich im Zürcher HB Richtung S-Bahn. Foto: Keystone

Wer ist Pendler? Wer benützt ein GA? Menschenströme bewegen sich im Zürcher HB Richtung S-Bahn. Foto: Keystone

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Ist der Nutzer eines Generalabonnements ein potenzieller Schmarotzer im ÖV? Insbesondere wenn er das GA zum Pendeln benutzt? Diesen Eindruck erweckte der scheidende SBB-Verwaltungsratspräsident Ulrich Gygi unlängst in einem Interview. Um Gegensteuer zu geben, werde über eine Beschränkung nachgedacht. Ab einer bestimmten Anzahl Fahrten müssten Zuschläge verlangt werden können. Gygi löste damit einen Entrüstungssturm aus.

Ersucht man die SBB um Informationen, wer denn nun sein GA vorwiegend zum Pendeln benutze, läuft man beim Bahnunternehmen trotz IT-Zeitalters und regelmässiger Kundenbefragungen auf. Es gibt nur allgemeine Zahlen: Ende letztes Jahr waren 460'000 GA im Umlauf, davon entfallen 10 Prozent, also 46'000 Abos, auf die 1. Klasse. Weitere Angaben seien nicht möglich.

Noch schmallippiger wurde die Kommunikationsabteilung, als der TA wissen wollte, wie viele GA-Nutzer bei den SBB angestellt seien. Immerhin müsste das Unternehmen den Anteil der Nutzer im eigenen Haus genau kennen. «Den Teil SBB kommunizieren wir nicht», teilt ein Sprecher mit.

GA als Lohnbestandteil

Seit Jahren hält sich unter Bahnfahrenden, die sich zu Stosszeiten um einen Platz balgen müssen, der Eindruck, auf der überlasteten Strecke Bern–Zürich würden sich in der 1. Klasse, aber auch in der 2. Klasse auffallend viele Bahnangestellte und Bundespersonal aufhalten. Nur ein böses Vorurteil?

Laut Auskunft von SBB-Kennern erhalten alle Bahnmitarbeiter, die das wünschen, das GA als Lohnbestandteil. Bis zu einer bestimmten Lohnstufe in der 2. Klasse und darüber in der 1. Klasse. Gegen einen kleinen Aufpreis können 2.-Klasse-Bezüger ihr Abo upgraden. Bei den SBB sind rund 33'000 Personen beschäftigt. Die Abos sind alle mit den drei Buchstaben FVP – Fahrvergünstigung Personal – gekennzeichnet.

Dass sich die SBB-Spitze des Konkurrenzkampfes zwischen ihren Angestellten und den Kunden um Sitzplätze bewusst ist, geht aus einem internen Appell von SBB-CEO Andreas Meyer hervor. Er gab bereits vor Jahren die Vorgabe durch, dass hauseigene GA-Besitzer ihren Platz räumen müssten, wenn der Zug überfüllt sei. Das kam bei den Angestellten offenbar schlecht an: Laut Insidern gab es einen Aufschrei, weil die SBB-Angestellten ihr Abo nicht als Gratisgabe betrachteten, sondern als Lohnbestandteil. Die Bereitschaft, den zahlenden Kunden der Bahn den Sitz zu überlassen, sei deshalb gering gewesen. Da nützte es auch nichts, dass Meyer schon mal seinen Platz in der überfüllten 1. Klasse für einen Kunden freimachte – publizitätswirksam, weil im Beisein von Medienleuten.

In den Genuss verbilligter Abos kommen auch die Mitarbeitenden aller anderen Unternehmen des öffentlichen Verkehrs – also Privatbahnen, Tram, Busse und Schifffahrtslinien. Verkehrsfachleute schätzen diese Zahl auf rund 115'000 Personen.

Ökologisch korrekt unterwegs

Auch der Bund achtet darauf, dass seine Angestellten ökologisch korrekt unterwegs sind. Gemäss Bundespersonalverordnung, Artikel 53, haben alle Angestellten Anspruch auf ein kostenloses Halbtaxabo oder ein GA. Die Vergünstigungen für den Bezug eines GA reichen von 15 bis 100 Prozent. Das Maximum gilt für Angestellte, die 90 Tage und mehr pro Jahr dienstlich reisen. Als Dienstreise gilt ein beruflicher Einsatz ausserhalb eines Umkreises von 10 Kilometer Luftdistanz vom Arbeits- und Wohnort des Angestellten.

Der Kreis von weiteren potenziellen GA-Kunden liesse sich um weitere staatsnahe Unternehmen erweitern: Swisscom, Post, Postfinance. Das Fazit dieser kleinen Kundenberechnung: Zieht man von den 430'000 Abos jene der Alterskategorie 16- bis 24-jährig sowie jene der Rentner ab, bleibt die Menge der aktiven GA-Bezüger übrig und damit der Anteil jener, die mit dem blauen Kärtchen (bald wird es nur noch rot sein) beruflich die Bahn benutzen und gar in die anrüchige Kategorie der Pendler gehören.

Genaue Zahlen gibt es keine. Selbst zur Zahl der GA-Besitzer im Rentenalter ist die SBB nicht in der Lage, Auskunft zu geben. Man darf somit vermuten, dass eine respektable Zahl von SBB- und Bundesangestellten täglich mit dem GA unterwegs ist. Auch zu den Stosszeiten. Ob Ulrich Gygi auch diese Nutzer in seinem kritischen Fokus hat? Wenn ja, dann müssten auch sie zur Kasse gebeten werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.05.2016, 19:39 Uhr

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