Ade Biederkeit, hallo Innovation

Der Büroartikelhersteller Biella ist bekannt für den Bundesordner. Dieses Symbol für Schweizer Ordnungssinn wird im Büro der Zukunft kaum mehr gebraucht.

Designer und Geschäftsmann: Björn Ischi (links) und Markus Heinzle wollen Biella ins Digitalzeitalter führen.

Designer und Geschäftsmann: Björn Ischi (links) und Markus Heinzle wollen Biella ins Digitalzeitalter führen. Bild: Adrian Moser

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Kaum ein Alltagsgegenstand symbolisiert Schweizer Biederkeit treffender als der Bundesordner. Er ist Insigne des Bürokraten und Inbegriff strukturierter Ordentlichkeit. Für Herstellerin Biella aus Brügg bei Biel ist der Bundesordner zum Markenzeichen geworden. Er ziert nicht nur den Kreisel vor dem Hauptsitz, sondern ist auch im Firmenlogo präsent. Noch. Denn Biella bereitet derzeit einen neuen Auftritt vor. Hier und da ist am Hauptsitz das neue Logo ohne Bundesordner bereits zu entdecken.

Doch nicht nur im Markenauftritt setzt Biella auf Neues. In der Brücke, die das Administrationsgebäude mit der Fabrik verbindet, ist seit neustem ein Innovationslabor eingerichtet. In Zusammenarbeit mit dem Emmentaler Büromöbelhersteller Bigla macht man sich hier Gedanken zum «Büro der Zukunft». «Bigla und Biella beschäftigen sich mit ähnlichen Fragen und Themen», sagt der Industriedesigner Björn Ischi, der beide Unternehmen als Berater kennen gelernt und das Labor initiiert hat. «Da fragte ich mich: Warum spannen die nicht zusammen?»

Dienstleistung statt Agenden

Das Labor ist ein heller, eher unspektakulärer Raum: zwei Arbeitsplätze mit Computer, Regale mit Ordnern, Schränke, ein Rollkorpus. Das Ungewöhnlichste, das im Raum steht, ist ein Behälter mit der Aufschrift «Ramschkiste». Dem Betrachter stellen sich zwei Fragen: Was hat eine Ramschkiste mit Innovation zu tun? Und sieht dann wenigstens das Büro der Zukunft spektakulärer aus? Kaum, wenn man Ischi glaubt. In Zukunft würden die Arbeitsplätze noch kompakter gehalten, meint der Designer. Sie würden aber auch luftiger und vor allem wohnlicher. Und natürlich digitaler. Bei diesem Stichwort muss es Markus Heinzle, Geschäftsführer von Biella Schweiz, kalt den Rücken runter laufen.

Die Digitalisierung setzt dem Büroartikelhersteller zu. Immer öfter ersetzt der Laptop den Notizblock, die Cloud den Bundesordner. «Dieser Trend trifft uns hart», sagt Heinzle. «Und er trifft uns schon länger.» Eine Auswirkung: Der Umsatz der Biella-Gruppe lag 2012 bei fast 190 Millionen Franken. Letztes Jahr waren es noch gut 130 Millionen. Doch die Biella-Gruppe habe darauf reagiert und selber digitale Lösungen entwickelt, etwa im Bereich der Archivierung. Sinnbild für das Umdenken im Konzern ist für Heinzle das ehemalige Agendenlager: Früher hätten sich dort die Agenden gestapelt. Heute sei das der Sicherheitstrakt für die Archivierungsdienstleistung der Biella Simply Find AG.

Fatalisten würden sagen, das Büro der Zukunft existiert gar nicht, weil die Leute mit ihrem Computer zu Hause, im Park oder sonst wo arbeiten. Firmen wie Biella und Bigla würden überflüssig. «Genau mit solchen Szenarien müssen wir uns auseinandersetzen», sagt Heinzle. Er ist aber überzeugt, dass es noch lange physische Büroartikel geben wird. Zum Beispiel habe IBM gerade die Heimarbeit begrenzt, weil das Unternehmen wolle, dass sich Teams physisch treffen und austauschen. Heinzle schliesst aber nicht aus, dass Biella in Zukunft teilelektronische Produkte anbieten wird.

Um solch grosse Entwicklungsschritte geht es im Innovationslabor im Moment aber nicht. «Wir sind ein KMU und müssen uns bei der Suche nach neuen Produkten einschränken», erklärt Heinzle. So hat sich neulich im Labor etwa ein Team mit dem Notizbuch befasst. Was aber soll an einem Produkt, das schon da Vinci vor über 500 Jahren benutzt hat, innoviert werden? Es gehe vor allem darum, das Notizbuch zu individualisieren. So soll etwa das Innenleben des Buchs personalisierbar werden. In Zukunft soll beispielsweise ein Hornusserverein seinen Spielplan direkt ins Notizbuch drucken lassen können, so Heinzle.

Warum nicht?

Im Unternehmen seien schon immer Ideen vorhanden gewesen, sagt Heinzle. Aber irgendwie habe es bei der Umsetzung gehapert. Alle Prozesse hätten zu lange gedauert. Um einen Prototypen herzustellen, habe die Fertigung früher beispielsweise mindestens eine Woche gebraucht. Im Labor haben die Teilnehmer dafür eine Stunde Zeit. Hier kommt die Ramschkiste zum Einsatz. Die Teams basteln ihre rudimentären Prototypen mit Materialien aus der Kiste.

Im Büro seien die Leute oft gehemmt, Ideen anzugehen, ist Ischi überzeugt. Im Labor dagegen würden die Angestellten gezwungen, sich mit den Produkten und den Ideen auseinanderzusetzen. Der Prozess, der interdisziplinär durchgeführt wird, stelle zudem sicher, dass keine guten Ideen voreilig abgewürgt würden. Im Alltag komme es nämlich immer wieder vor, das jemand sage: Das braucht es nicht oder das geht nicht. Wenn sich im Labor jemand so äussere, werde sofort nachgehakt: Warum nicht? Nach einem Tag im Labor hat die Gruppe nicht nur verschiedene Prototypen hergestellt, sondern weiss auch, für welche Zielkunden das Produkt bestimmt ist, über welche Kanäle es vertrieben werden soll und wie hoch die Herstellungskosten und der Preis etwa sind.

Ein Produkt, das bereits auf dem Markt ist und teilweise im Labor entwickelt wurde, ist ein magnetisches Klemmbrett. Für Ischi zeigt es gleichzeitig, in welche Richtung die Partnerschaft zwischen Biella und Bigla gehen könnte: «Ein magnetischer Büroartikel passt perfekt zu den Stahlmöbeln aus Biglen.» (Der Bund)

Erstellt: 17.04.2018, 06:53 Uhr

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