Abgelagert bis in alle Ewigkeit

Trotz Recycling und effizienten Verbrennungsöfen bleiben am Ende Tonnen von verbranntem Abfall zurück. Die Schlacke aus Bern und Biel wird in der Deponie Teuftal eingelagert.

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Adrian Sulc@adriansulc

Lastwagenweise wird hier das Material angeliefert, das die moderne Zivilisation ausspuckt: Schlacke und Asche aus Kehrichtverbrennungsanlagen sowie nicht brennbare Abfälle aus Bau und Industrie. Es türmen sich hier jedoch keine Berge, wie man sie von Mülldeponien im Ausland kennt.

Denn hier werden keine Hügel errichtet, es wird schlicht ein Tal aufgefüllt. Wenn die Deponie Teuftal einmal voll ist, soll hier Wald wachsen, und niemand wird mehr erkennen, was hier einmal war. Das Teuftal wird verschwunden sein.

Doch bis dahin werden noch viele Tausend Lastwagen vorfahren. Wie man es vom Schweizer Gesetzgeber erwartet, ist streng reguliert, was hier abgelagert werden darf. Bevor jemand seinen Abfall in das Tal in der Gemeinde Mühleberg schütten darf, muss er bei der Deponie Teuftal AG ein «Gesuch um eine Ablagerungsbewilligung» stellen und im Voraus eine Laborprobe des Abfalls erstellen lassen.

Was die Entsorgung im Teuftal kostet, hält eine Preisliste fest: Asphalt 78  Franken pro Tonne, Asche 135  Franken pro Tonne, Brandschutt 145  Franken pro Tonne und so weiter. Ab 1000 Tonnen gibt es Mengenrabatt.

Die beiden grössten Kunden sind die Kehrichtverbrennungsanlagen Bern und Biel. Sie bezahlen pro Tonne Schlacke rund 90 Franken. Wenn der Lastwagen auf dem Gelände der Deponie ankommt, muss er sich wägen lassen und wird gleichzeitig auf radioaktive Strahlung untersucht. Strahlt die Ladung nicht, fährt der Chauffeur die steile Strasse ins Tal herunter und kippt den Abfall an die vorgegebene Stelle.

Bern trennt besser als Biel

Der Bauschutt wird direkt abgelagert. Auch Asbest wird angenommen, dieses muss jedoch doppelt verpackt sein, um die Arbeiter nicht zu gefährden. Auch Sonderabfälle wie mit Quecksilber oder Radium belastete Böden kommen ins Teuftal.

Die Asche aus den Kaminen der Verbrennungsöfen wurde vor der Anlieferung chemisch behandelt, damit sich die darin enthaltenen Schwermetalle nicht mehr lösen können. Die Schlacke aus den Kehrichtverbrennungsanlagen hingegen enthält so viele Metallteile, dass diese vor Ort herausgefiltert werden – auch dies eine gesetzliche Vorgabe.

Deponie-Direktor Beat Walker steht vor einem der Schlacke-Haufen und zeigt auf einige grosse Metallteile. Man kann noch erahnen, dass es sich um ein Rohr gehandelt hat. Rostige Drähte und Blechdosen lugen aus der undefinierbaren grauen, bröckligen Masse hervor. «Dieses Bagage müssen wir nun sortieren», sagt Walker vergnügt. Die Schlacke der Energiezentrale in Bern macht ihm das Leben etwas einfacher als jene aus Biel.

Denn in Bern werden die allergrössten Metallteile wie Gartenstühle oder Autofelgen nach dem Verbrennen mittels Magneten aussortiert. Dazu komme, dass die Berner Haushalte weniger Metall in den Kehricht würfen. Walker führt dies darauf zurück, dass die vielen Beamten in Bern gewissenhaft recycelten.

Doch am mühsamsten sind für Walker und seine 14 Angestellten nicht unbedingt die Metallteile, sondern schlecht verbrannte Papierfetzen, die vom Wind immer wieder über das Areal verteilt werden.

Türklinken, Löffel, Münzen

Unter der Autobahnbrücke, die über das Teuftal führt, steht die Sortieranlage. Die grössten Metallteile werden mit einem simplen Sieb aus der Schlacke gewonnen. Magnete sortieren dann die Eisenteile aus. Um Aluminium und Kupfer herauszufiltern, läuft die Schlacke dann durch ein Gerät namens Wirbelstromabscheider. Zuletzt sortiert die Maschine mittels Sensoren letzte Teile heraus.

Auf die verschiedenen Sortierhaufen fallen Türklinken, Kaffeelöffel und viele undefinierbare, geschmolzene Teile. Auch Münzen seien immer wieder darunter, sagt Walker, doch der Aufwand, sie separat herauszusuchen, lohne sich nicht. Das Altmetall verkauft die Deponie Teuftal an Aufbereitungsunternehmen.

In der Schlacke befinden sich nun keine Metallteile mehr, die grösser als 2  Millimeter sind. Bagger verteilen die Schlacke nun auf der Deponie; hier soll sie für alle Ewigkeit bleiben. Mit schweren Fahrzeugen wird das Material so gepresst, dass möglichst wenig Luft darin bleibt und noch möglichst lange Platz bleibt im Teuftal.

Die Deponie Teuftal ist eine der grössten ihrer Art in der Schweiz, insgesamt 200'000 Tonnen Material werden hier pro Jahr abgelagert.

Doch sie ist bei weitem nicht die einzige. Kehrichtschlacke wird etwa auch in der Deponie Krauchthal und in der Deponie Türliacher im Aaretal abgelagert. Die Deponie Teuftal AG gehört verschiedenen Bauunternehmen sowie zu einem kleinen Teil der Gemeinde Mühleberg.

Unterirdisch rottet alter Abfall

Das Teuftal wurde 1971 zur Deponie, weil es aus Molassegestein besteht, welches praktisch wasserundurchlässig ist. Der Regen, der im Teuftal fällt und Schadstoffe aus dem Material auswaschen kann, versickert so nicht, sondern fliesst am tiefsten Punkt des Teuftals zusammen. Das Wasser wird dort gesammelt und, statt dass es in den Wohlensee fliesst, in die Abwasserreinigungsanlage Laupen geleitet.

Die Reinigung hat das Wasser dringend nötig. Denn in der Deponie lagert nicht nur verbrannter oder fester Abfall, wie er heute deponiert wird. Noch bis im Jahr 2000 wurde hier auch unverbrannter Hauskehricht abgelagert – aus Kantonen, die bis dahin noch keine oder zu wenige Verbrennungsanlagen hatten, etwa Freiburg und Waadt.

Der Inhalt der zerhackten Müllsäcke gärte unterirdisch. Dabei entstand während Jahren so viel Methangas, dass die BKW in Teuftal ein kleines Kraftwerk betrieben hat. Doch weil keine Luft mehr zum Müll kommt, hat der Gärprozess aufgehört. Deshalb pumpt die Deponie nun Luft in den Boden, um eine vollständige Gärung zu ermöglichen.

Erst wenn dies erreicht ist, wird das Regenwasser, das durch die Deponie fliesst, unten nicht mehr als Jauche herauskommen. Oberirdisch ist dieser Teil der Deponie heute nicht mehr von einem normalen Wald zu unterscheiden. Unterirdisch wird der wieder in Gang gesetzte Prozess noch etwa 15 Jahre weitergehen.

Was kommt danach?

Etwas später, 2035, wird nach heutigen Prognosen die Deponie voll sein. Wenn es bis dahin nicht andere Lösungen gibt, muss dann irgendwo eine neue Deponie eröffnet werden. Das heisst aber nicht, dass das Teuftal sich selbst überlassen wird. 80  Millionen Franken befinden sich im Fonds, der die Nachsorge finanzieren soll.

Nach zehn Jahren, 2045, soll die Deponie vollständig abgedeckt und aufgeforstet sein. Und weitere 40 Jahre lang, bis 2085 soll das Areal technisch überwacht werden, weil auch die Schlacke, die heute abgelagert wird, das Wasser verschmutzt. Bis 2085, so hofft man, ist das deponierte Material «ausgewaschen».

Auch das heutige Ablagern der Kehrichtverbrennungs-Schlacke ist also nicht besonders nachhaltig. «Es ist die einzige Lösung, die heute zur Verfügung steht», sagt Beat Walker pragmatisch.

Der Bund

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