Wie der UBS-Datendieb zwei Spione zu Fall brachte

Im Fall des verurteilten René S. gab es zwei namhafte «Kollateralschäden»: Die bekanntesten Geheimagenten Deutschlands und der Schweiz.

Die UBS fahndete intern nach dem Datendieb. Dabei fiel der Verdacht schnell auf René S. Foto: Stefan Wermuth (Bloomberg, Getty Images)

Die UBS fahndete intern nach dem Datendieb. Dabei fiel der Verdacht schnell auf René S. Foto: Stefan Wermuth (Bloomberg, Getty Images)

Thomas Knellwolf@KneWolf

Gerade noch rechtzeitig hat sich ein früherer UBS-Angestellter vor der Schweizer Justiz in Sicherheit gebracht. Der 45-jährige René S. spielt die Hauptrolle in einem Thriller um Spionage, Unsummen Schwarzgeld und Verrat. Das Bundesstrafgericht hat ihm am Montag wegen wirtschaftlichen Nachrichtendiensts zu einer Freiheitsstrafe von 40  Monaten verurteilt. Gleichzeitig kassierte der Ex-Banker eine bedingte Geldstrafe von 270 Tagessätzen zu je 50 Franken wegen Geldwäsche und unerlaubten Munitionsbesitzes. 

Während des Strafverfahrens zog S. aus dem Fricktal über den Rhein ins Süddeutsche. Seine Familie liess er in der Schweiz zurück. Gefängnis droht dem gebürtigen Basler nur, sollte er in die Heimat zurückkehren.

In der Urteilsbegründung gestern kamen die Hintergründe seines Falls nur sporadisch zur Sprache. Die Strafkammer konzentrierte sich auf die eigentliche Tat. Aufgrund erdrückender Indizien sieht sie es als erwiesen an, dass S. vor einem internen Wechsel in der UBS in Basel im Sommer 2010 noch schnell geheime Daten über deutsche Inhaber von Stiftungen kopierte. Zwei Jahre später stellte die Grossbank den langjährigen Mitarbeiter frei. Darauf machte René S. ­seinen Schatz zu Geld. Er verkaufte die entwendeten UBS-Informationen an deutsche Steuerbehörden. Sein Erlös: sicher über 1 Million Euro. 

Razzien bei UBS-Kunden

Bald kam es zu Hausdurchsuchungen bei Dutzenden deutscher UBS-Kunden. Viele wurden als Steuerbetrüger überführt. Der deutsche Staat nahm Milliarden ein. Einer der ersten Betroffenen war Deutschlands berühmtester Geheimagent: der legendäre Werner Mauss. Der heute 78-Jährige gab über einen Anwalt Fiskaldelikte in Millionenhöhe zu, aber widerrief später das Geständnis. In der Schweiz fahndete die UBS intern nach dem Datendieb. René S. geriet schnell in Verdacht. IT-Analysen ergaben, dass er Stiftungsdaten zu vielen vermögenden Deutschen abgefragt hatte, mit denen er beruflich wenig bis nichts zu tun hatte. Das Abgerufene entsprach ziemlich genau dem Wissensstand der deutschen Steuerfahndung bei den Razzien. Für die UBS war klar: S. muss der Verräter sein. Die Bank zeigte ihn an.

Die Bundesanwaltschaft eröffnete ein Verfahren. Doch viel hatte sie nicht in der Hand. Die Bundeskriminalpolizei bat den Nachrichtendienst des Bundes um Hilfe. Und der Geheimdienst schaltete Daniel Moser ein, der deswegen bald auffliegen und wider Willen zum bekanntesten Schweizer Spion werden sollte. Moser konnte zu René S. keine sachdienlichen Hinweise liefern. Für den Nachrichtendienst des Bundes und die Bundeskriminalpolizei beschaffte er aber Personaldaten zu jenen Steuerfahndern aus Nordrhein-Westfalen, die sogenannte Steuer-CDs aus Banken aufkauften. Zudem wälzte er mit seinem Quellenführer Pläne, einen Maulwurf bei deutschen Fiskalbehörden einzupflanzen. 

Als Moser dies tat, waren die Schweizer Strafverfolger René S. längst auf den Fersen. Mit Observationen hatten sie festgestellt, dass der Ex-UBSler im Kofferraum des BMW Coupé 325i seiner Mutter etwas versteckte. Im Geheimen durchsuchten sie den Wagen und stiessen auf einen Zettel mit einer Nummer der Deutschen Bank in Palma de Mallorca. Weitere Ermittlungen ergaben, dass René S. auf der spanischen Insel kurz zuvor ein Apartment gekauft hatte – mit über 1 Million Euro, die ausgerechnet von einer kleinen Bank in Nordrhein-Westfalen stammte. 

Im September 2013 kam es bei René S. im Fricktal zu einer Hausdurchsuchung. Der Verdächtige versuchte dabei, die SIM-Karte seines Handys zu zerstören. Er sagte, er habe so verhindern wollen, dass seine Gattin von einer ausserehelichen Liebschaft erfahre. Die SIM-Daten, die rekonstruiert werden konnten, offenbarten jedoch nur Kontakte nach Deutschland und zu einem Notar auf Mallorca. Von einer Romanze nicht die geringste Spur.

Halbes Jahr in U-Haft

René S. bestritt trotzdem jede Schuld. Im Juli 2016 wurde er wegen schweren wirtschaftlichen Nachrichtendienstes und anderer Vorwürfe angeklagt. Doch noch vor ihm sollten die beiden Agenten vor Gericht kommen, die er direkt und indirekt in Schwierigkeiten gebracht hatte: Werner Mauss wurde wegen Steuerdelikten in Bochum zu zwei Jahren Haft verurteilt. Allerdings hat der Bundesgerichtshof das Urteil kürzlich aufgehoben, weshalb der Fall neu aufgerollt wird. 

Daniel Moser wurde im April 2017 in Frankfurt am Main verhaftet und ein halbes Jahr in U-Haft gesetzt. Den Tipp, der zur Verhaftung führte, hatte Werner Mauss gegeben. Moser wurde als Schweizer Agent in Deutschland zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 22 Monaten verurteilt.

René S. bezog derweil von seinem neuen Wohnort Lörrach wegen gesundheitlicher Probleme eine Schweizer IV-Rente. Mit einem psychiatrischen Gutachten, das er verlangte, zögerte er seine Hauptverhandlung hinaus, der er dann Anfang Januar unentschuldigt fernblieb. Im süddeutschen Exil dürfte René S. von einer Auslieferung verschont bleiben. Deutschland hat bislang der Schweiz keine Rechtshilfe geleistet, wenn es um Steuer-CDs ging.  

Doch noch ist nicht einmal der Schuldspruch von René S. rechtskräftig. Das Urteil vom Montag ist das erste, das an die neue Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts weitergezogen werden kann. Die Bundesanwaltschaft wird dies kaum tun. Ihr Staatsschutz-Chef Carlo Bulletti zeigte sich sehr zufrieden mit der Bestrafung. Der Verteidiger wollte sich nicht äussern.

Der Fall bildet den Abschluss einer Serie von Bankgeheimnisfällen. Fünf Ex-Banker wurden seit 2011 wegen Datenverkäufen nach Frankreich und Deutschland zu Freiheitsstrafen zwischen zwei und fünf Jahren verurteilt.  

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