«Vielleicht reagiert Tim Cook auf die Aufforderung Obamas»

Interview

Apple will wieder Computer in den USA produzieren. Christoph Zanker vom Competence Center für Industrie- und Serviceinnovationen in Karlsruhe sagt, wann Rückverlagerungen sinnvoll sind.

Ein Teil der Produktion soll von China wieder zurück in die USA: Arbeiter in der Apple-Zulieferfirma Foxconn im chinesischen Shenzhen im Mai 2010.

Ein Teil der Produktion soll von China wieder zurück in die USA: Arbeiter in der Apple-Zulieferfirma Foxconn im chinesischen Shenzhen im Mai 2010.

(Bild: Keystone)

Anita Merkt@tagesanzeiger

Apple verlagert Teile der Produktion zurück in die USA. Was war Ihrer Meinung nach für diese Entscheidung ausschlaggebend?
Was genau die Überlegungen von Apple sind, weiss ich nicht. Vielleicht reagiert Apple-Chef Tim Cook auf die Aufforderung Barack Obamas, wieder in den Industriestandort USA zu investieren. Vielleicht waren es auch die vielen Berichte über schlechte Arbeitsbedingungen beim Zulieferer Foxconn.

Ist so eine Entscheidung unter Kostengesichtspunkten vernünftig?
Die Lohnkosten für die Produktherstellung spielen heute in den meisten Branchen eher eine untergeordnete Rolle. Bei den Industriebetrieben machen sie meistens nicht mehr als 10 oder 15 Prozent aus. In der Computerbranche oder bei Handyherstellern ist von ähnlichen Werten auszugehen. Aber in vielen Industrieregionen Chinas sind die Löhne in den letzten Jahren merklich gestiegen. Die Unterschiede sind nicht mehr so gewaltig wie vor fünf oder zehn Jahren. Daher kann die Entscheidung auch betriebswirtschaftlich sinnvoll sein.

Wie beurteilen Sie das angekündigte Investitionsvolumen von 100 Millionen Dollar beziehungsweise 93 Millionen Franken?
100 Millionen Dollar hört sich nach viel Geld an, aber wenn man damit eine Fabrik bauen will, ist das nicht sehr viel. Allein die Erweiterung des Porsche-Werkes in Leipzig für die neue Modellreihe soll zum Beispiel 500 Millionen Euro beziehungsweise 605 Millionen Franken kosten. Der Produktionsanteil des zukünftigen Apple-Werkes in den USA an der Gesamtproduktion ist daher eher als gering einzuschätzen.

Sie analysieren seit vielen Jahren Auslagerungs- und Rückverlagerungsprozesse europäischer Industrieunternehmen. Hat die Verlagerung von Produktionsprozessen in Billigländer wie China eine Grenze erreicht?
Die Lohnkosten spielen in deutschen und wahrscheinlich auch in vielen Schweizer Industrieunternehmen mit einem Anteil von 10 bis 20 Prozent nicht mehr die zentrale Rolle. Andere Kostenblöcke sind viel grösser. Die Kosten für das verwendete Material beziehungsweise für die Vorprodukte machen mit 40 bis 50 Prozent einen viel höheren Anteil aus. Im Fokus der Industrie steht deswegen immer mehr die Materialeffizienz. Unternehmen suchen nach Wegen, um zum Beispiel mit neuen Bearbeitungsverfahren den Verschnitt von Material zu reduzieren. Oder sie suchen nach alternativen oder recycelten Materialien, die kostengünstiger sind.

Ist die Auslagerung nach China noch en vogue?
Wenn heute Unternehmen in China Produktionswerke aufbauen, spielt meist die Präsenz auf diesem wichtigen Wachstumsmarkt die grösste Rolle. Wer in China verkaufen will, muss vor Ort sein. Auch sind Zulieferfirmen oft gezwungen, ihrem Hauptkunden hinterherzuziehen. Wer heute nur noch nach China geht, um Kosten zu sparen, hat cleverere Alternativen.

Sie untersuchen in Ihren Studien auch die Nachteile von Auslagerungen. Welche Erfahrungen machen Unternehmen, die in China produzieren lassen?
In China für den europäischen Markt zu produzieren, ist nicht leicht, wenn es nicht ausschliesslich auf die Kosten ankommt. Die langen Transportwege können für Unternehmen, die flexibel produzieren müssen, zum Problem werden. Auch die Qualität entspricht nicht immer dem europäischen Standard. Der deutsche Teddybärhersteller Steiff hatte seine Produktion nach China ausgelagert. Als dann die Knut-Welle über Deutschland schwappte und alle Kinder einen kleinen Eisbären haben wollten, konnte Steiff nicht schnell genug auf die Nachfrage reagieren. Nach dieser Erfahrung hat Steiff die Plüschtierproduktion 2008 nach Portugal zurückgeholt. Qualitätsprobleme beim chinesischen Subunternehmen spielten ebenfalls eine wichtige Rolle.

Wie können europäische Unternehmen trotz hoher Lohnkosten wettbewerbsfähig bleiben?
Nur die wenigsten mitteleuropäischen Unternehmen sind dank niedriger Produktionskosten am Weltmarkt erfolgreich. Entscheidend sind innovative Produkte, hochwertige Qualität, hohe Flexibilität und erstklassiger Service zum Beispiel im Maschinenbau. Überdies hat zum Beispiel die Lohnzurückhaltung in Deutschland dazu geführt, dass deutsche Fabriken oft wieder zu wettbewerbsfähigen Preisen produzieren. Qualitätsmässig und auch technologisch holen die Chinesen zwar auf, aber die europäischen Unternehmen entwickeln sich und ihre Produkte ständig weiter. Diesen Vorsprung gilt es zu wahren, wenn Europa sich als Industriestandort behaupten will.

Wie steht es um die industrielle Produktion in Europa und den USA?
In den vergangenen Jahren war der Anteil der industriellen Produktion an der Bruttowertschöpfung stetig rückläufig. Sowohl in Frankreich als auch in Grossbritannien liegt der Anteil nur noch bei knapp über 10 Prozent. Deutschland hat einen anderen Weg eingeschlagen, der Anfang des Jahrtausends vermutlich als unsexy galt. Der Industrieanteil liegt konstant bei über 25 Prozent mit steigender Tendenz. Daher steht Deutschland wahrscheinlich auch europaweit an einem anderen Punkt. Die EU-Kommission spricht jedenfalls von einer notwendigen Reindustrialisierung Europas. Der Industriekommissar Antonio Tajani will, dass der schrumpfende Industrieanteil an der europäischen Wirtschaftsleistung wieder auf 20 Prozent zunimmt. Dieses Vorhaben ist nicht leicht. In den USA ist die Situation ähnlich. Seit den 1990er-Jahren fand eine Deindustrialisierung in grossem Ausmass statt. Die Regierung Obama versucht, diesen Trend nun zu stoppen oder gar umzukehren.

DerBund.ch/Newsnet

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