Sieg von Coop befeuert den Preiskampf

Im Preisstreit mit Nestlé setzt sich Coop dank dem mächtigen Einkaufsbündnis Agecore durch. Freuen können sich die Konsumenten.

Der Detailhändler plant nun Aktionen auf allen Nestlé-Produktgruppen. Foto: Raisa Durandi

Der Detailhändler plant nun Aktionen auf allen Nestlé-Produktgruppen. Foto: Raisa Durandi

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Nun gilt wieder Business as usual: Die Coop-Kunden finden wieder alle Nestlé-Produkte im Sortiment. Über acht Monate haben sie miteinander gerungen: Nestlé und das Einkaufsbündnis Agecore, welchem Coop, Edeka (Deutschland), Intermarché (Frankreich), Colruyt (Belgien), Conad (Italien) und ­Eroski (Spanien) angehören. Gemeinsam forderten sie günstigere Einkaufsbedingungen, um nicht gegenüber anderen Abnehmern benachteiligt zu sein. Der Streit und der damit verbundene Boykott Hunderter Nestlé-Produkte machten international Schlagzeilen.

Über die Einzelheiten der Einigung wurde zwar Stillschweigen vereinbart. Das erlaubt, dass beide Parteien ihr ­Gesicht wahren können. Der Gewinner in dieser Auseinandersetzung ist jedoch laut Brancheninsidern klar: Es ist Agecore, der Verbund von sechs europäischen Händlern.

Wichtiger Präzedenzfall

Dieser Präzedenzfall ist für Agecore wichtig. Denn Nestlé gewährt dem Verbund nun offenbar bessere Konditionen. «Es ist klar, dass hinter dem Agecore-Vorstoss eine beachtliche Forderung steht», sagt ein Detailhandelsexperte, der anonym bleiben will. Agecore habe eine Friss-oder-stirb-Strategie verfolgt. Nestlé muss jetzt fürchten, dass bald alle anderen Händler das wollen, was Agecore offenbar erzielte. Die Einigung zwischen Agecore und Nestlé bedeutet eine Machtverschiebung zugunsten der Händler. Das Einkaufsbündnis hat an Gewicht gewonnen, und das hilft ihm bei den nächsten Verhandlungen. Ein Schweizer Detailhandelsexperte geht davon aus, dass nun andere Markenhersteller gegen die geschlossene Front Agecore verhandeln müssen.

Wer den besten Einkaufspreis hat, ist heute viel leichter ­herauszufinden als früher. Dieser Best­-Price-Abgleich macht Herstellern zu schaffen. Darüber hinaus haben die Händler gelernt, über Grenzen hinweg zu kooperieren. Und die Einkaufskonditionen sind transparenter geworden. Das ist so, weil einzelne Händler von einer Einkaufskooperation zur nächsten wechseln und ihr Know-how mitnehmen. Der Informationsfluss wird auch dadurch erhöht, da die Einkaufschefs von Händler zu Händler wechseln.


Video: Nestlé, der Kaffeegigant

Quelle: Tamedia


Ein Beispiel dafür ist Agecore-Chef Gianluigi Ferrari. Der 50-jährige Italiener war zuvor für Rewe und den europäischen Einkaufsverbund Cooperic tätig und wusste, dass Rewe offenbar bessere Konditionen bei Nestlé bekam als Agecore. Ferrari gilt in der Branche als der Treiber im Konflikt mit Nestlé. Viele halten den charismatischen Italiener derzeit für einen der wichtigsten europäischen Manager der Handelsbranche. Er wisse genau, zu welchen Preisen Konkurrenten wie Rewe bei grossen Herstellern wie Danone, Unilever und Oetker ordern. Nun wolle er die gleichen Bedingungen für Agecore erkämpfen.

Reiner Eichenberger, Professor an der Universität Freiburg, kann verstehen, dass Firmen wie Coop den Druck auf ihre Zulieferer erhöhen: «Coop muss seine Preise für Markenprodukte nach unten anpassen, da der Konkurrenzdruck insbesondere durch den Markendiscounter Lidl und den Einkaufstourismus wächst.» Je stärker sich Lidl und Aldi in der Schweiz verbreiten, desto rascher müsse Coop seine Preise an jene der Discounter anpassen.

Kooperationen statt Kampf

Als Gewinner dürften nun auch die Konsumenten aus dem Konflikt hervorgehen: «Das Ergebnis der Verhandlungen werden wir unseren Kunden weitergeben in Form von grossen, attraktiven Aktionen auf allen Nestlé-Produktgruppen. Preisanpassungen werden in den kommenden Wochen kommuniziert», sagt Coop-Sprecherin Alena Kress.

Doch es gibt auch kritische Stimmen: So betont der Berner Universitätsprofessor Harley Krohmer: «Die Konsumenten können zwar von niedrigeren Verkaufspreisen der Händler profitieren.» Eine Gefahr bestehe aber darin, dass der Wettbewerb im Lebensmitteldetailhandel noch stärker in Richtung Preiskampf gehe. Langfristig leide darunter die Produktqualität, gibt er zu bedenken. Letztlich stehe im Hintergrund immer die Frage, wie wichtig den Konsumenten die Qualität der Lebensmittel sei und was sie dafür zu zahlen bereit seien.

Niemand hat etwas zu verschenken

Eine wichtige Alternative zum Konflikt über Einkaufspreise sieht Harley Krohmer auch in der gemeinsamen Produktin­novation. Dies geschieht bereits in Deutschland, wo Nestlé mit der Rewe-Gruppe eine neuartige Schokolade aus rosa Kakaobohnen exklusiv ­vermarktet. Dahinter steht das Konzept der Efficient Customer Response, bei dem Hersteller und Händler in diversen Bereichen endkundenorientiert kooperieren, so zum Beispiel in den Bereichen Logistik, Produktentwicklung oder Verkaufsförderung. Durch diese Koope­ration soll der zu verteilende Kuchen grösser gemacht werden und damit der Kampf um die Kuchenstücke entschärft werden.

Das wird aber nichts daran ändern, dass es auch in Zukunft harte Preisverhandlungen zwischen Markenherstellern und Detailhändlern geben wird. Niemand hat etwas zu verschenken. Vor allem steht der Handel vor Herausforderungen wie dem verschärften Wettbewerb durch Discounter und die Digitalisierung. All das erfordert neue Investitionen und damit Geld. Der Kampf mit Nestlé, er war erst der Anfang.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.05.2018, 08:46 Uhr

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