Milliarden von Ebay liegen im Berner Steuerparadies

Der Internetkonzern lenkt den Grossteil seines Vermögens in die Bundesstadt - auch dank Steuererleichterungen.

Hierher fliessen die Einnahmen aus der halben Welt: Das Büro von Ebay im Berner Kirchenfeld.

Hierher fliessen die Einnahmen aus der halben Welt: Das Büro von Ebay im Berner Kirchenfeld. Bild: Adrian Moser

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Nicht nur Zug und Nidwalden sind Steueroasen – auch Bern ist eine. Was für hiesige Steuerzahler absurd klingt, ist für ausländische Unternehmen längst Realität. Dank besonderer Steuermodelle ist Bern für internationale Konzerne durchaus attraktiv. So hat sich das Internet-Auktionshaus Ebay bereits 1999 in der Bundesstadt niedergelassen und hier die Ebay International AG gegründet. Was kaum bekannt ist: Der US-Konzern betreibt im Berner Kirchenfeldquartier nicht bloss ein kleines Länderbüro, sondern eine der Finanzzentralen des Konzerns.

Zwar arbeiten hier bloss rund 100 Angestellte. Doch wenn Ebay ausserhalb der USA Geld verdient, dann fliesst dieses in die Tochterfirma in Bern. Hier profitiert der Konzern nicht nur von der vorteilhaften Schweizer Besteuerung für Domizil- und Holdinggesellschaften. Der Kanton Bern gewährte Ebay bis 2016 während vieler Jahre Steuererleichterungen, wie es in den Geschäftsberichten des Konzerns heisst. Wie hoch diese waren, ist geheim. Der bernische Regierungsrat kann gemäss Steuergesetz Steuerrabatte von bis zu 100 Prozent während bis zu 10 Jahren beschliessen.

Nachdem Ebay 2016 den Bezahldienst Paypal abgespalten hatte, begann ein grosser Konzernumbau. Auch in Bern wurden Tochterfirmen gegründet und wieder geschlossen. Handelsregisterauszüge dieser Transaktionen legen offen, wie wichtig der Standort Bern für Ebay wirklich ist: In Bern werden nicht nur Gewinne der weltweiten Ebay-Ländergesellschaften eingesammelt und vorteilhaft versteuert.

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In Bern ist auch fast das gesamte Kapital des US-Konzerns parkiert. Allein die Tochterfirma Ebay Marketplaces GmbH verfügt über Vermögenswerte von 21,5 Milliarden Dollar. Dies bei einer Bilanzsumme des Konzerns von total 26 Milliarden Dollar. Das Vermögen besteht aus flüssigen Mitteln, Finanzanlagen, aber auch aus immateriellen Vermögenswerten wie Goodwill und Steuerguthaben.

Internationale Top-Jobs in Bern

Die 100 Angestellten in Bern und weitere rund 200 Angestellte der Zweigstelle in Zürich kümmern sich nicht um das Tagesgeschäft von Ebay. Mit dem Betrieb der Auktionsplattform und dem Kundendienst beschäftigen sich weitaus grössere Standorte, etwa in den USA und in Deutschland. In der Schweiz sitzt das Management des internationalen Geschäfts – eine sehr internationale Belegschaft. Auf seiner Jobs-Internetseite preist der Konzern Bern als Alpine City an und verweist auf die hohe Lebensqualität in der Stadt mit ihrer famous Old Town.

Derzeit sind im Berner Büro drei Stellen frei: Gesucht sind ein Treasury Cash Manager für die Geldflüsse bei Ebay aus Europa, Afrika und dem arabischen Raum, ein Manager Indirect Taxes mit Erfahrung in Mehrwertsteuerabrechungen in den EU-Ländern und ein Abteilungsleiter Buchhaltung, der für mehrere Länder zuständig ist.

Die geheimnisvolle H1517 GmbH

Die Ebay-Spezialisten verwalten von Bern aus auch das besagte Milliardenvermögen. In diesem Zusammenhang sticht eine Transaktion besonders ins Auge: Im November 2016 gründete Ebay die Firma H1517 GmbH. Der kryptische Name bezieht sich auf die Adresse des Berner Büros: Helvetiastrasse 15–17. Die Ebay International AG verschob Vermögenswerte von gut 20 Milliarden Dollar in die Tochterfirma. Zeichnungsberechtigt war ein einziger Berner Ebay-Controller.

Nur zwei Monate später, im Januar 2017 wurde die H1517 AG wieder mit ihrer Muttergesellschaft fusioniert (siehe Grafik). Der Zweck der Milliardentransaktion bleibt offen. Wurde das Firmenvermögen aus steuerlichen Gründen über den Jahreswechsel in eine Tochterfirma ausgelagert? Ebay wollte sich nicht dazu äussern. Und die Steuerverwaltungen von Stadt und Kanton Bern verweigern generell jede Auskunft über ihre Steuerzahler – auch wenn es sich um Firmen handelt.

Bereits im vergangenem August hat Ebay das Vermögen nochmals verschoben – in die Ebay Marketplaces GmbH. Diese Berner Tochterfirma ist besonders wichtig: Ab 1. Juni 2018 werden weltweit alle Ebay-Kunden ausserhalb der USA, Kanadas und der Europäischen Union direkt mit der Berner GmbH geschäften. So fliessen die Auktionsgebühren direkt in die Schweiz, vorbei an den (höher besteuerten) Ebay-Niederlassungen in den jeweiligen Ländern. Die Ebay Marketplaces GmbH ist somit das neue Herzstück von Ebays Auslandsgeschäft.

Doch warum liegen die Milliarden von Ebay überhaupt in der Schweiz und nicht am Ebay-Hauptsitz im kalifornischen San José oder im US-Steuerparadies Delaware, wo Ebay auf dem Papier seinen Sitz hat? Vom «Bund» kontaktierte Ebay-Kaderleute wollen sich nicht äussern, und weitere angefragte Steuerexperten können den Fall von aussen nicht beurteilen.

Was bringt die Steuerreform?

Zwar muss Ebay in der Schweiz eine Kapitalsteuer auf das Eigenkapital bezahlen. Doch diese ist für Domizil- und Holdinggesellschaften so tief, dass sie im globalen Steuerwettbewerb «eher eine untergeordnete Rolle» spiele, wie Hans Jürg Steiner, Leiter der Steuerabteilung Bern bei KPMG, sagt. Tatsächlich beträgt der Kapitalsteuersatz für Offshorefirmen gerade einmal 0,05 Promille. Bei mehreren Milliarden Dollar Eigenkapital ist Ebay wohl dennoch ein guter Steuerzahler in Bern – besonders jetzt, wo die Steuererleichterungen ausgelaufen sind.

Im Steuerwettbewerb viel signifikanter als die Kapitalsteuern sind laut Steiner die geplanten Änderungen bei den Unternehmenssteuern. Die Privilegien für Domizil- und Holdinggesellschaften sollen bekanntlich abgeschafft werden, im Gegenzug sollen die normalen Firmensteuern sinken. Gleichzeitig versuchen die USA mit ihrer Steuerreform, Gewinne von US-Unternehmen ins Land zu holen. Was das alles für das Ebay-Büro im Kirchenfeld heisst, ist offen. «Die Europazentrale für Ebay bleibt in Bern», heisst es dort lediglich. (Der Bund)

Erstellt: 14.05.2018, 07:44 Uhr

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