«Ich habe meine eigenen Vorstellungen über die Arbeit eines VR-Mitgliedes»

Interview

Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger verzichtet auf eine zweite Amtszeit als Verwaltungsrat beim Baukonzern Implenia. Offenbar gab es Unstimmigkeiten mit der Geschäftsleitung.

«Grundsätzlich finde ich es richtig, dass jemand, der in der Regierung war, sich später in der Wirtschaft betätigt»: Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger. (Archiv)

«Grundsätzlich finde ich es richtig, dass jemand, der in der Regierung war, sich später in der Wirtschaft betätigt»: Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger. (Archiv)

(Bild: Keystone)

Anita Merkt@tagesanzeiger

Herr Leuenberger, wieso verlassen Sie Implenia nach zweieinhalb Jahren bereits wieder? Als mich Implenia anfragte, ob ich ein VR-Mandat übernehmen will, wollte sich das Bauunternehmen in Sachen Nachhaltigkeit verbessern und von meinen Erfahrungen als Umweltminister profitieren. In meinen Reden hatte ich immer darauf hingewiesen, dass auch Privatunternehmen der Schutz der Umwelt nicht gleichgültig sein kann. Letztes Jahr hat Implenia den ersten Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht, hinter dem ich mit Überzeugung stehe. Mit dem Nachhaltigkeitsbericht habe ich ein Hauptziel meiner Tätigkeit im VR erreicht.

Ihr früher Abgang wirft trotzdem Fragen auf. Gab es Unstimmigkeiten mit der Unternehmensleitung? Ich habe meine eigenen Vorstellungen über die Arbeit eines VR-Mitgliedes. Die Diskussion darüber ist eine interne Angelegenheit der Firma Implenia, über die ich nicht öffentlich debattiere. Innerhalb des Verwaltungsrats war die Zusammenarbeit gut, von gegenseitigem Respekt und Anstand geprägt. Kritische Fragen waren erwünscht und eine Aussensicht willkommen. Innerhalb des Verwaltungsrates war es zudem möglich, Fragen kontrovers und doch anständig zu diskutieren.

Die Annahme eines VR-Mandats bei der grössten Schweizer Baufirma durch den Infrastrukturminister hat im November 2010 einen politischen Sturm ausgelöst. Würden Sie es wieder tun? Grundsätzlich finde ich es richtig, dass jemand, der in der Regierung war, sich später in der Wirtschaft betätigt. Auch andere Bundesräte wie Adolf Ogi, Joseph Deiss oder Kaspar Villiger haben das getan, ohne dass es einen Aufschrei gab. Mir ist bewusst, dass ein solcher Wechsel problematisch sein kann. Vor allem, wenn jemand Bundesrat würde, um sich dadurch für die Wirtschaft attraktiv zu machen. Ich bin zu Implenia gegangen, um mich dort für Nachhaltigkeitsfragen einzusetzen. Dazu gehören übrigens nicht nur Fragen des Umweltschutzes, sondern auch der Arbeitssicherheit und des Unfallschutzes.

Implenia ist ein florierendes Unternehmen. Die Baubranche boomt. Würden Sie auch dem Verwaltungsrat eines Unternehmens beitreten, das schwierige Aufgaben zu lösen hat wie zum Beispiel die UBS? In die UBS passe ich kaum. Andere Angebote überlege ich mir immer. Aber meine Zukunft besteht nicht nur aus VR-Mandaten. Ich bin zum Beispiel im Beirat von Greenpeace und Mitglied der sozialdemokratischen Friedrich-Ebert-Stiftung. Als Präsident der Schweizer Luftfahrtstiftung setze ich mich dafür ein, dass die Swiss auch innerhalb des Lufthansa-Verbandes ihre Eigenständigkeit wahren kann.

Im politischen Raum steht die Forderung, für Alt-Bundesräte eine Karenzfrist einzuführen, bevor sie wichtige Positionen in einem Unternehmen bekleiden dürfen. Was halten Sie davon? Zur vorgeschlagenen Karenzfrist möchte ich mich nicht äussern. Sie ist nur ein Hilfsmittel, das dem eigentlichen Problem nicht beikommt.

Werden Sie weiter für Implenia tätig sein? Die Bemerkung in der Medienmitteilung der Implenia, man werde allenfalls in anderer Form auf mein Know-how in Sachen Nachhaltigkeit zurückgreifen, beinhaltet keine konkrete Zusage oder Vereinbarung.

Haben Sie Anfragen anderer Unternehmen erhalten? Mir liegen Anfragen für VR-Mandate in Aktiengesellschaften vor. Die Angebote sind jedoch nicht der Grund meines Verzichts auf eine Fortsetzung meiner Tätigkeit bei Implenia. Über weitere Engagements informiere ich die Öffentlichkeit, wenn formell und positiv darüber entschieden worden ist.

Was haben Sie sonst in den nächsten Jahren noch vor? Wie gesagt engagiere ich mich im kulturellen und sozialen Bereich. Oft werde ich eingeladen, um Reden zu halten, wie zum Beispiel heute in Brüssel, wo ich die Laudatio für Benedikt Weibels Eisenbahnpreis halte. Morgen überträgt Radio SRF eine Rede aus Deutschland zur direkten Demokratie. Mein Horizont beschränkt sich nicht auf die Wirtschaft.

DerBund.ch/Newsnet

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