Die Verlierer der Einheitsprämie

Die Einheitskrankenkasse verspricht laut den Befürwortern der Volksinitiative eine Kostensenkung. 
Gäbe es im Kanton Bern aber nur noch eine Prämie, müssten Oberländer wohl mehr zahlen.

Sinken unter einer öffentlichen Krankenkasse die Prämien im Kanton Bern? Sicher nicht für alle – so viel ist klar.

Sinken unter einer öffentlichen Krankenkasse die Prämien im Kanton Bern? Sicher nicht für alle – so viel ist klar.

(Bild: Adrian Moser)

Matthias Raaflaub

Am 28. September stimmt die Schweiz über eine Einheitskrankenkasse ab. Die Initianten des Volksbegehrens «Für eine öffentliche Krankenkasse» wollen den heutigen Strauss an Krankenversicherern – die «Bund»-Prämienübersicht zählt jeweils die grössten 32 im Kanton Bern gewählten Krankenkassen auf – durch eine Einheitskasse ersetzen. An die Stelle des Wettstreits unter den Versicherern träte eine von Bund, Kantonen, Versicherten und Leistungserbringern gesteuerte Stelle. Die Einheitskasse spaltet Befürworter und Gegner entlang ideologischer Gräben.

Wirtschaftsliberale fürchten bei der Einheitskasse ineffiziente Staatswirtschaft und Gleichmacherei, Linke kritisieren «Kassentricks» gegen die Interessen der Versicherten und die «Verschleuderung von Prämiengeldern» für die Kosten des freien Wettbewerbs. Was aber wären aus Sicht des Kantons Bern die Auswirkungen einer Einheitskasse? Interessanterweise besteht gerade bei der für viele entscheidenden Frage eine grosse Ungewissheit: Würden die Prämien im Kanton Bern teurer oder günstiger?

Im Grundsatz uneinig

Befürworter und Gegner der Einheitskasse bringen bei dieser Frage allgemeine Argumente vor. Die Initianten stellen eine Prämiensenkung und Einsparungen von 10 Prozent in Aussicht. Gegner sagen, dass die Prämiensenkung nur mit einer Reduktion der Leistungen zu haben sind, da die Prämien heute die effektiven Kosten ­decken müssen.

Auswirken würde sich die Einheitskasse auf die Kostenstruktur im Kanton Bern. Die «öffentliche Krankenkasse» würde für die Prämienregionen wahrscheinlich das Ende bedeuten. Im Initiativtext steht, dass «für jeden Kanton eine einheitliche Prämie» festzusetzen wäre. Dennoch wird derzeit darüber gestritten, ob Prämienregionen, alternative Ver­sicherungsmodelle und Prämien­rabatte ausgeschlossen wären. Gäbe es im Kanton Bern aber nur noch eine für alle geltende Prämie, gäbe es wohl markante Verschiebungen. Bisher wird der Kanton mit drei Prämienregionen abgebildet.

Versicherte in der Prämienregion 3, etwa Berner Oberländer, zahlen deutlich weniger Prämien als Bieler oder Stadtberner. Dies trägt dem Umstand Rechnung, dass Städter öfter ins Spital gehen und für die Krankenkassen durchschnittlich teurer sind als Bewohner der Peripherie.

Prämie die grosse Unbekannte

Fallen die Prämienregionen weg, müssten Frutiger oder Interlaknerinnen wohl mehr für die Berner zahlen. Auch Hans Stöckli, SP-Ständerat und Co-Präsident des bernischen Prokomitees für die ­öffentliche Krankenkasse, will nicht ausschliessen, dass je nach Kasse, Prämie und Region der eine oder andere Versicherte künftig mehr zahlen müsste. «Aber insgesamt wird dank der Kostenreduktionen mit der Einheitskasse, wegen des Verzichts auf Werbung und des Abbaus von Verwaltungskosten, das Prämienwachstum im Kanton Bern gedämpft.»

Für Städter würden die Prämien dank Mitzahlern aus den Landregionen wohl durchschnittlich tiefer. Doch die Gegner der Initiative haben auch ­dagegen Argumente. «Unter dem Strich werden in einem teureren System auch Städter wieder zu grösseren Zahlern», sagt auf Anfrage Lorenz Hess, Nationalrat und Verwaltungsrat der Visana.

Ernsthaft vergleichen lässt sich nicht. Wie hoch eine bernische Einheitsprämie ausfiele, ist offen. Weder angefragte Krankenkassen noch die Befürworter der Initiative können dafür eine Angabe liefern. «Bereits heute kann kein Mensch wissen, wie hoch die Prämien in vier Jahren sein werden», sagt Hans Stöckli. Es gebe zur Höhe der Prämien mit einer Einheitskasse keine wissenschaftlich fundierte Berechnung.

Hunderte Arbeitsplätze in Bern

Die Einführung der Einheitskrankenkasse hätte im Kanton Bern auch Auswirkungen auf Arbeitsplätze. Im Kanton sind mehrere Krankenkassen ansässig, die beiden grössten sind Visana und KPT. Die Visana allein bietet im Kanton Bern 790 Vollzeitstellen. Was bei der Umstellung auf eine Einheitskasse geschehen würde, ist offen. Die Frage würde sich frühestens nach fünf bis sieben Jahren stellen, sagt David Müller, Leiter der Unternehmenskommunikation der Visana. Grössere Krankenkassen könnten ausserdem in ­einer kleineren Form bestehen bleiben, wenn sie sich aufs Geschäft mit Zusatzversicherungen konzentrierten.

Müller sagt: «Heute bieten die Krankenversicherer ihren Angestellten vergleichsweise ­sichere Arbeitsplätze. Was eine Einheitskasse bieten würde, ist völlig offen.» Die Kosten für den Systemwechsel auf eine Einheitskrankenkasse sind in einer Studie auf 1,7 Milliarden hochgerechnet worden. Die Initiativbefürworter halten diese Prognose für deutlich zu hoch. Aus Sicht der Krankenkassen und der Gegner der Einheitskasse käme ein Ja die Schweiz gar noch teurer zu stehen.

Der Bund

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