«Die Finanzbranche nicht überregulieren»

Interview

Versicherungen werden für den Finanzplatz Zürich immer wichtiger, heisst es in einer neuen Studie. Volkswirtschaftsdirektor Ernst Stocker zum Arbeitsplatzabbau bei den Banken und den Pluspunkten Zürichs.

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Anita Merkt@tagesanzeiger

Herr Stocker: Wenn man eine Studie zum «Finanzplatz Zürich 2012/13» in Auftrag gibt, ist damit eine Absicht verbunden. Was bezweckt die Studie?
Die Finanzbranche ist für den Kanton Zürich der wichtigste Wirtschaftssektor und bietet vielen Menschen Arbeit. Gleichzeitig ist sie grossem internationalem Druck ausgesetzt. Wir wollten sehen, wo wir stehen, wie wir uns entwickeln und was wir tun können, um für Banken und Versicherungen attraktiv zu bleiben.

Und wo stehen wir?
Gemessen an der Fülle von Schwierigkeiten steht der Finanzplatz Zürich im internationalen Vergleich noch immer recht gut da. Nach den enormen Wachstumsschüben der 80er- und 90er-Jahre ist im Prinzip eine Stagnation eingetreten. Bei den Banken ist die Stagnation strukturell bedingt, sie müssen Geschäftsfelder überprüfen, Prozesse vereinfachen und automatisieren. Das führt teilweise zu einem Personalabbau.

Was kann die Volkswirtschaftdirektion tun, damit Zürich für Banken und Versicherungen attraktiv bleibt?
Wir müssen vor allem aufpassen, dass wir die Finanzbranche nicht überregulieren. Wir Schweizer haben die Tendenz, mit unserem «Swiss Finish» oftmals zu weit zu gehen. Mehr Vorschriften bedeuten für Banken und Versicherungen aber mehr Aufwand und höhere Kosten. Wir sind mit der Branche in Kontakt und im Rahmen der kantonalen Volkswirtschaftsdirektorenkonferenz setze ich mich in Bern dafür ein, dass es nicht zu einer Überregulierung kommt.

Müsste ein Kanton, für den die Finanzbranche so zentral ist, nicht besonders daran interessiert sein, die Branche so zu regulieren, dass es nicht zu neuen gefährlichen Krisen kommt?
Es ist immer ein Abwägen, wie viel Regulierung es braucht. Die vergangenen Finanzmarktkrisen haben gezeigt, dass Regulierung sehr wichtig ist. Es ist aber nicht im Interesse unserer Volkswirtschaft, wenn man durch zu starke Regulierung der Branche Wettbewerbsnachteile aufbürdet. Die grosse Herausforderung ist es, die richtige Balance zu finden.

Was sind die grossen Pluspunkte des Kantons Zürich für Banken und Versicherungen?
Als grosse Pluspunkte empfinden Unternehmen unser liberales Arbeitsgesetz und die im europäischen Vergleich sehr tiefen Steuern. Daneben zählen die politische Stabilität und die guten Verkehrsverbindungen in alle Welt. Auch die hohe Lebensqualität im Kanton Zürich spielt für Banken und Versicherungen bei der Rekrutierung von qualifiziertem Personal eine grosse Rolle.

Was schätzen Sie persönlich an Zürich am meisten?
Den Zürisee und die funktionierende Verkehrsinfrastruktur. Man ist in eineinhalb Stunden beim Skifahren und in einer halben Stunde in der Natur. Den Hauptbahnhof nutzen jeden Tag 400'000 Passagiere und dennoch fahren die Züge pünktlich. Viele Zugewanderte aus anderen europäischen Grossstädten finden das faszinierend.

DerBund.ch/Newsnet

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