«Deutschland wird noch mehr Strom in die Nachbarländer drücken»

Der ehemalige deutsche Verkehrsminister und heutige Energiepolitiker Peter Ramsauer befürchtet, dass sich Phasen mit Strommangel und Stromüberschüssen häufen werden, weil die Übertragungsnetze fehlen.

Deutschland kann nicht allen Windstrom aus der Nordsee selber verwenden.

Deutschland kann nicht allen Windstrom aus der Nordsee selber verwenden. Bild: Keystone

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Die deutsche Energiewende sorgt bei den Nachbarn für Ärger. Wenn in Norddeutschland starker Wind herrscht, produzieren die dortigen Windkraftwerke Strom in riesigen Mengen. Dieser wird in die Übertragungsnetze in den Niederlanden und in Polen hineingedrückt. Dasselbe passiert in Süddeutschland, wenn die Sonne prall scheint: Dann liefern die Solarkraftwerke Strom fast oder ganz gratis in die Schweiz und nach Österreich. Öfters bezahlen die Kraftwerkbetreiber sogar dafür, dass ihnen jemand den Strom abnimmt.

Das schafft in den Nachbarländern vielfache Probleme. Die dortigen Netzbetreiber müssen dafür sorgen, dass sie den zusätzlichen Stromfluss bewältigen können, indem sie eigene Kraftwerke abschalten. Zudem fallen die Grosshandelspreise zusammen, sodass viele Kraftwerke unrentabel werden. Das zeigt sich deutlich an den wirtschaftlichen Problemen der Schweizer Wasserkaftwerke.

Eine Besserung wird noch viele Jahre auf sich warten lassen, wie der deutsche CSU-Politiker Peter Ramsauer gestern im Rahmen eines Vortrags beim Energieforum Schweiz in Bern darlegte. Der ehemalige Verkehrsminister ist seit 2013 Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaft und Energie im Bundestag. Im Gespräch mit Medienvertretern äusserte er sogar die Befürchtung, dass es noch schlimmer kommen könnte.

Als Hauptursache nannte er den aus seiner Sicht überstürzten Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland. «Die Abschaltung von neun Kernkraftwerken im Jahr 2011 war eine panikartige Reaktion auf Fukushima», sagte er. Gefüllt werde die Lücke durch Strombezüge aus dem Atomland Frankreich und durch Braunkohlekraftwerke. Durch das Hochfahren der Braunkohlewerke seien die CO2-Emissionen angestiegen.

Kohle bleibt noch lange

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist jetzt allerdings mit dem Versprechen an die Klimakonferenz in Paris gefahren, dass Deutschland bis ins Jahr 2020 vier Braunkohlekraftwerke stilllegen werde. Mit 2,7 Gigawatt entsprechen sie 13 Prozent der Gesamtleistung aller Braunkohlewerke. Durch ihre Stilllegung können pro Jahr 22 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden. Die Anlagen sollen allerdings noch während vier Jahren als Reserve zur Verfügung stehen, falls es zu Engpässen kommen sollte.

Im vergangenen Jahr stammten noch 44 Prozent der deutschen Stromproduktion aus Braun- und Steinkohlekraftwerken. Dieser Anteil wird zwar in den kommenden Jahren sinken, aber er wird hoch bleiben. «Erneuerbare oder fossile Kraftwerkparks: Wir werden auf lange, lange Strecken beides benötigen», sagte Wirtschafts- und Energieminister Sigmar Gabriel im Juni am Kongress des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft.

Leider gehe Deutschland beim Ausstieg aus der Kernenergie viel radikaler vor als die Schweiz, bedauerte Energiepolitiker Ramsauer gestern. Die Abschaltung der letzten deutschen Kernkraftwerke sei aber beschlossen und unumkehrbar. Die Widersprüche in der Energiepolitik akzentuierten sich.

Die Windkraft im Norden werde weiter ausgebaut, vor allem durch Anlagen im Meer. Aber die Netze fehlten weiterhin, sagte Ramsauer. Er verwies auf die Pläne für den Bau von vier grossen Übertragungsleitungen von Norden nach Süden und die entsprechenden Ost-West-Verbindungen. Gemäss Beschluss vom vergangenen Juli sollen immerhin «zweieinhalb Leitungen» gebaut werden. Statt Freileitungen sollen die Kabel in die Erde verlegt werden. Das werde die Arbeiten weiter verzögern und die Leitung verteuern, warnte Ramsauer.

Geld für nicht produzierten Strom

Er entwarf deshalb ein düsteres Szenario für das Nach-Atomzeitalter: Die Netzbetreiber können den Windstrom aus der Nordsee und aus Norddeutschland bei grossem Windaufkommen nicht absetzen. Sie müssen Windkraftwerke vorübergehend abschalten. Die Betreiber dieser Werke werden aber gemäss dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) genau gleich entschädigt, wie wenn sie Strom produziert hätten. Ein Teil des Windstroms kann von Norddeutschland über Polen, Tschechien und Österreich nach Bayern geleitet werden. Aber diese Menge wird nicht genügen, um Süddeutschland mit Strom zu versorgen, wenn zu wenig Sonnenenergie anfällt. Deshalb müssen Kohle- und Gaskraftwerke die Lücke füllen. Wenn in Bayern die Sonne voll scheint, wird die dortige Energiewirtschaft bemüht sein, den überflüssigen Solarstrom um jeden Preis loszuwerden. «Deutschland wird noch mehr Strom in die Nachbarländer drücken», prophezeite Ramsauer.

Lob für Schweizer Wasserkraft

Trotz dieses unerfreulichen Szenarios empfahl Ramsauer der Schweiz, auf die Wasserkraft zu setzen. Pumpspeicherwerke seien die einzige über Jahrzehnte erprobte Speichertechnologie. Er konnte aber kein Rezept vorlegen, wie die schweizerischen Wasserkraftwerke die wirtschaftlichen Probleme lösen können, welche ihr durch die deutsche Energiepolitik entstehen. Eine raschere Schliessung von deutschen Kohlekraftwerken komme nicht infrage. Braun- und Steinkohlekraftwerke, aber auch Gaskraftwerke seien nötig, damit die Schwankungen beim Wind- und Solarstrom ausgeglichen werden könnten. Er finde sogar die Abschaltung der Kohlekraftwerke bis 2020 falsch, sagte er. Weil Deutschland noch lange einen grossen Teil seines Stroms aus fossilen Energiequellen beziehen werde, müsse es umso mehr CO2 bei Gebäuden und Fahrzeugen einsparen. (Der Bund)

Erstellt: 08.12.2015, 07:28 Uhr

Peter Ramsauer

Politiker, Müller, Pianist

Der 1954 geborene Peter Ramsauer hat vielseitige Interessen. Seit 1990 gehört er als Mitglied der CSU dem Deutschen Bundestag an. Von 2009 bis 2013 war er Bundesminister für Verkehr, Bau- und Stadtentwicklung. Heute ist er im Bundestag Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaft und Energie. Er studierte Betriebswirtschaft und erwarb das Diplom als Müllermeister: Seine Familie besitzt seit 1553 in Bayern eine Mühle. Als Musikliebhaber wollte er ursprünglich Konzertpianist werden, und er hat eine CD mit Klavierkonzerten von Mozart aufgenommen. Seine Frau Susanne ist die Cousine der US-Filmschauspielerin Sandra Bullock. Das Paar hat vier Töchter. (Bild: Keystone )

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