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17-Stunden-Arbeitstage sind nicht harmlos

Der Initiant des kontroversen Vorstosses im Parlament sagt, er wolle nur erreichen, dass Papi und Mami nach 21 Uhr legal Mails checken könnten.

MeinungAndreas Valda
Arbeit, Arbeit, Arbeit, auch nachts und am Sonntag: Das ist nur mit viel Kaffee zu schaffen. Foto: iStock
Arbeit, Arbeit, Arbeit, auch nachts und am Sonntag: Das ist nur mit viel Kaffee zu schaffen. Foto: iStock

Es sei ein grosses Missverständnis, schreibt der FDP-Nationalrat Thierry Burkart dieser Zeitung. Seine parlamentarische Initiative «Mehr Gestaltungsfreiheit bei Arbeit im Homeoffice», über die wir gestern berichteten, möchte keinesfalls den 17-Stunden-Arbeitstag im Homeoffice erlauben. «Es soll auch weiterhin verboten sein, 17 Stunden pro Tag zu arbeiten», so der Rechtsanwalt. Die Initiative möchte bloss «Müttern und Vätern, die zum Beispiel ihre Kinder um 7 Uhr wecken und um 21 Uhr ins Bett bringen, erlauben, vor und nach der Kinderbetreuung ein geschäftliches Mail zu schreiben, um sich zwischen 18 und 21 Uhr voll und ganz der Kinderbetreuung widmen zu können». Heute sei dies verboten.

Doch stimmt das? Ist sein Vorstoss so harmlos, weil es nur ums legalisierte Mailchecken nach 21 Uhr geht? Die Antwort der Experten ist: Er hat halb recht. Er liegt also halb falsch und mit ihm das halbe Parlament, das den Vorstoss mit unterschrieben hat. Arbeitsrechtler sagen das ­Folgende: Recht hat Burkart, dass die heutige wöchentliche Höchstarbeitszeit (45 Stunden) und die Überzeitregeln unverändert gälten, würde seine Initiative umgesetzt. Sein Vorstoss ist also kein Freipass für 80-Stunden-Wochen.

Recht hat er auch, dass die von ihm angestrebten 17 Stunden maximale Einsatzzeit pro Tag einschliesslich von Pausen zu verstehen ist. An langen Arbeitstagen haben Angestellte ein Recht auf eine Stunde Mittagspause. 17 minus eine Stunde ergibt 16 Stunden. «Kurzfristig sind maximal 16 Stunden geleistete Arbeitszeit möglich», sagt Ursula Häfliger vom Kaufmännischen Verband Schweiz. 16-Stunden-Arbeitstage wären mit Burkarts Initiative also möglich – und nicht, wie er behauptet, 14 oder 15 Stunden.

Sein Vorschlag ist deshalb nicht harmlos, denn Arbeitsmediziner sagen unisono, dass regelmässige 16-Stunden-Arbeitstage zu erheblichen gesundheitlichen Schäden führen. Dass es Burkart selber nicht wohl ist, zeigt der Umstand, dass er in der zuständigen Parlamentskommission zu Protokoll gab, den Vorstoss dahingehend zu ändern, «dass nicht 17 Stunden durchgearbeitet werden dürfe».

Juristisch unausgegoren

Paradox erscheint, dass 16-Stunden-Arbeitstage heute schon in kleinem Umfang gestattet sind. «Die minimale Ruhezeit beträgt heute 8 Stunden. Man rechne: 24 minus 8 ergibt 16 Stunden Arbeitszeit», sagt Mathias Regotz von der Gewerkschaft Syna. Jemand wie Burkart kann heute um 22 Uhr letzte Mails checken und dann wieder morgens um 6 Uhr. Doch dieses Recht gilt nur einmal pro Woche. Dies ärgert Burkart und seine Mitstreiter: dass man in der Schweiz nur einmal pro Woche 16 Stunden arbeiten darf. An vier von fünf Tagen muss die Arbeit mindestens elf Stunden lang ruhen. Wenn also Burkart um 6 Uhr Mails checkt, muss er um 19 Uhr Schluss machen – gerade dann, wenn die Kinder am Essen sind. Dies will er ändern. Doch genau in diesem Punkt beisst sich die Initiative. Sie verlangt längere tägliche Einsatzzeiten, ohne gleichzeitig die Ruhezeiten zu reduzieren. «Der Vorschlag ist nicht durchdacht», sagt deshalb Häfliger.

Die Initiative ist auch im zweiten Punkt nicht harmlos, nämlich die Forderung, dass Angestellte von zu Hause aus sonntags generell arbeiten dürfen. Heute gilt die Bewilligungspflicht für alle Branchen, die normalerweise sonntags ruhen. Burkart sagt: «Die Initiative möchte nicht erreichen, dass Arbeitnehmer das ganze Wochenende durcharbeiten. Es soll bloss Arbeitnehmern, die Homeoffice betreiben, selber überlassen werden, ob sie am Samstagnachmittag oder am Sonntagmorgen arbeiten.»

Hintertür zur Sonntagsarbeit

Der Rechtsexperte des Gewerkschaftsbundes, Luca Cirigliano sagt, er verstehe nicht, wie Bur­kart dies behaupten könne. «Es steht ja explizit im Vorstoss, dass es keine Bewilligung mehr brauchen soll für Arbeit in der eigenen Wohnung.» Regotz von Syna sieht darin «die Hintertür zur Einführung der generellen Sonntagsarbeit». Häfliger vom Kaufmännischen Verband ergänzt, Burkarts Vorstoss kollidiere auch hier mit anderen Bestimmungen. Der arbeitsfreie Sonntag sei nicht nur ein Recht, sondern sei Teil der Kultur. «In der Schweiz wird der Sonntag allgemein als Ruhetag angesehen.» Sonntagsarbeit sei «kaum förderlich für den Familienzusammenhalt – und Arbeitstage von 16 Stunden auch nicht». Wie wahr.

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